Raubkopien Selbstgebranntes überrundet die CD

Die Musik-Industrie ist in Alarmstimmung. Erstmals seitdem der erste CD-Brenner auf dem Markt ist, sind mehr CD-Rohlinge in Eigenregie mit Musik bespielt worden, als Originale gekauft wurden.

Hamburg - Ein preiswerter CD-Brenner, dazu gratis zehn CD-Rohlinge und die neueste "Bravo Hits"-CD. Es sind Angebote wie dieses, die Gerd Gebhardt, den Chef der deutschen Phonoverbände zur Weißglut bringen: "Die Jugendlichen wissen doch ohnehin, was sie mit diesen Dingen anstellen können, da muss man sie doch nicht noch draufstoßen", entrüstet sich der Vertreter der deutschen Plattenfirmen.

In der Tat hat die Musikwirtschaft unter der privaten CD-Brennerei mehr denn je zu leiden: Etwa 190 Millionen Musik-CDs sind 2001 im häuslichen CD-Brenner, der mittlerweile in jedem Aldi-PC enthalten ist, produziert worden. So viele CDs hat die Tonträgerwirtschaft im Jahr 2000 noch selbst verkauft, Ende 2001 erwartet die Branche dagegen erstmals einen zweistelligen Umsatzrückgang. "Zehn bis 15 Prozent weniger werden es wohl sein", schätzt Gebhardt.

Schuld daran ist seiner Ansicht nach nicht die weltweite Wirtschaftsflaute, sondern in erster Linie die Tatsache, dass die Produkte seiner Branche mittlerweile ganz einfach eins zu eins kopiert werden können. "Wir werden durch die Technik enteignet", klagt Gebhardt. Nur weil es so einfach sei, CDs zu brennen und auf diese Weise einen perfekten Klon des Originals herzustellen, werde es auch gemacht. Dabei sei trotz der vor zwei Jahren gestarteten Kampagne "Copy kills Music" in der Bevölkerung so gut wie kein Unrechtsbewusstsein vorhanden. Laut einer GfK-Studie vom Juli dieses Jahres geben 47,8 Prozent der Besitzer eines Brenners an, auch für Personen außerhalb ihres eigenen Haushalts zu kopieren.

"Wenn jeder nur für seinen eigenen Gebrauch eine Zweit-CD herstellen würde, hätten wir ja gar nichts dagegen", betont Gebhardt. Besondere Probleme bereitet der Musikwirtschaft dagegen die sogenannte Schulhof-Piraterie, bei der das Brennen und anschließende Weiterverkaufen der CDs schon System hat. Doch Gebhardt gibt sich realistisch: "Mahnungen und Verbote führen bei Jugendlichen zu nichts, das ist wie beim Rauchen." Wichtiger sei es, bei Politikern und anderen direkt Beteiligten Gehör zu finden.

Zudem statten viele Musikfirmen ihre Produkte mit einem Kopierschutz aus - um das Brennen von CDs auszuschließen oder zumindest erheblich zu erschweren. Zwar könne jede Technik durch eine andere wieder ausgehebelt werden, aber "ich setze da auf die Faulheit der Menschen", erklärt der Chef der Phonoverbände. "Wenn die merken, dass das Brennen nicht auf Anhieb funktioniert, dann gehen sie eben los und kaufen sich die CD."

Fachzeitschriften im Visier

Vor allem mit gesetzlichen Maßnahmen will Gebhardt aber beispielsweise denen das Handwerk legen, die in Fachzeitschriften genau erklären, wie Schutzfunktionen umgangen werden. "Für uns ist das wie eine Aufforderung zum Diebstahl", klagt er. "Es darf ja auch niemand öffentlich erklären, wie man am einfachsten Autos stiehlt." Selbst wenn nur knapp 30 Prozent der 190 Millionen selbstgebrannten CDs der Musikwirtschaft an der Ladenkasse verloren gingen, "sprechen wir da über eine Summe, in Milliardenhöhe. Darunter leiden Hersteller, Künstler, Komponisten und Autoren."

Deutschlandweit sind etwa 180.000 bis 200.000 Arbeitsplätze mit der Musikindustrie verbunden, auch wenn nur 13.000 Beschäftigte direkt bei den Tonträgerherstellern arbeiten. "Es gibt keine Branche, die derartige Umsatzverluste hinnehmen kann, ohne dass das Auswirkungen auf die Arbeitsplätze hat", erläutert Gebhardt. "Auch bei uns wird es sicher zu Streichungen kommen."

Das System der Musikwirtschaft könne nicht mehr funktionieren, wenn die Praxis des CD-Brennens nicht baldmöglichst unterbunden werde. "Wir können nur dann neue und junge Künstler aufbauen, wenn der Rücklauf funktioniert und wir das, was wir einsetzen, wieder rauskriegen", betont Gebhardt. Es sei aber sehr schwierig, den Menschen klar zu machen, dass Musik nicht vom Himmel falle.

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