Reaktion auf Schröders IG-Metall-Kritik Klappe, Kanzler

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat der zerstrittenen IG Metall nahe gelegt, ihre Führungskrise schnellstens beizulegen. Das Echo aus Gewerkschaftskreisen ist scharf - mehrere Spitzenfunktionäre forderten den Kanzler unverhohlen auf, den Mund zu halten und erst einmal seinen eigenen Laden in Schuss zu bringen.


Gerhard Schröder: Die IG Metall verbittet sich Kritik von Hanz, Franz und Kanzler
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Gerhard Schröder: Die IG Metall verbittet sich Kritik von Hanz, Franz und Kanzler

Frankfurt am Main/Hannover - Schröder hatte am Freitag in der "Financial Times Deutschland" ein schnelles Ende der Querelen angemahnt, aber zugleich erklärt, hinter dem Streit über Personen steckten nach seiner Einschätzung strukturelle Probleme. Zudem empfahl er der IG Metall eine maßvollere Tarifpolitik, etwa wie bei der Chemiegewerkschaft IG BCE.

Einer der möglichen Kandidaten für die neue Spitze der IG Metall, der Hamburger Bezirkschef Frank Teichmüller, wies des Kanzlers Ratschläge schroff zurück. Er sei dagegen, "dass nun jeder Hans und Franz, auch wenn er der Bundeskanzler ist, glaubt, dass er uns Ratschläge geben soll", sagte Teichmüller.

Die IG Metall hatte sich nicht auf personelle Konsequenzen aus der Streikniederlage in Ostdeutschland einigen können. Der umstrittene Kandidat für den Vorsitz und bisherige Vize Jürgen Peters hatte einen Rücktritt strikt abgelehnt. Der zunächst als neuer Stellvertreter vorgesehene Bezirksleiter aus Baden-Württemberg, der Reform orientierte Berthold Huber, hatte daraufhin auf jegliches Vorstandsamt verzichtet.

Auch Schmoldt und Bsirke protestieren

Teichmüller riet dem Kanzler, vor seiner eigenen Tür zu kehren: "Uns wäre sehr daran gelegen, dass er seinen Laden aufräumt. Wir werden dasselbe bei uns tun müssen. Es hilft weder dem einen noch dem anderen, wenn man mit klugen Ratschlägen kommt." Es habe eine Auseinandersetzung im Vorstand der IG Metall gegeben, die Patt ausgegangen sei. "Damit müssen wir leben", sagte er in der ARD.

Auch IG-BCE-Chef Hubertus Schmoldt forderte Zurückhaltung von Außenstehenden". Vertreter der Arbeitgeberverbände und auch Politiker verschiedener Couleur sollten sich an die eigene Nase fassen, ehe sie sich über die Probleme demokratischer Großorganisationen Gedanken machen", sagte er der "Berliner Zeitung".

Die Freiheit, die ich meine

Schützenhilfe erhielt die IG Metall auch von Ver.di-Chef Frank Bsirske. In Mainz sagte der Gewerkschaftsführer, es sei das gute Recht aller Interessierten, Empfehlungen zu geben, aber die Klärung des Kurses finde in dieser Gewerkschaft statt und nicht in irgendwelchen Parteizentralen. Er sei fest überzeugt, dass die IG Metall "die organisatorische Kraft und die Substanz zu einem klaren und gemeinsamen Kurs" finde, spätestens nach ihrem Gewerkschaftstag.

Zum Appell des Kanzlers an die Gewerkschaften, "eine neue Balance zwischen Freiheit und Solidarität in ihren Programmen zu finden", sagte Bsirske, so ein Satz klinge zwar recht gut. Zu fragen sei jedoch, welche Art von Freiheit damit gemeint sei. Die Freiheit, in die die Arbeitnehmer entlassen werden sollen, sei die Freiheit, Löhne zu ganz anderen Bedingungen als bisher akzeptieren zu müssen, mit der Tendenz, jede Arbeit anzunehmen.



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