Börsenhändler Kerviel Frankreich zweifelt an der Einzeltäter-These

Fünf Jahre Gefängnis, fast fünf Milliarden Euro Schadenersatz: Das Pariser Berufungsgericht ändert nichts am Urteil gegen den Unglücks-Trader Kerviel. Doch die Zweifel an der These vom Einzeltäter halten sich in Frankreich hartnäckig - und bringen eine ganze Branche in Misskredit.
Ex-Börsenhändler Kerviel: Kaum hörbares Schlusswort

Ex-Börsenhändler Kerviel: Kaum hörbares Schlusswort

Foto: GONZALO FUENTES/ REUTERS

14.30 Uhr am "Place de la Bourse" im Herzen von Paris, eine gute Stunde nach der Bekanntgabe des Urteils gegen den ehemaligen Aktienhändler Jérôme Kerviel. Hier, an der Börse, ist die Stimmung von geschäftsmäßiger Routine bestimmt.

Und dennoch ist Kerviel das Tagesthema. Im "Le Vaudeville", einer Stammkneipe in der Medien-, Werbe- und Finanzbranche, wird das Urteil gegen den ehemaligen Angestellten der Société Générale hin- und hergedreht. "Der Kerl hat die Strafe doch verdient", grummelt Jean-Jacques, ein Mittfünfziger im dunklen Zwirn, der zur Kaste der ergrauten Börsenhändler zählt: "Das war kein Banker oder Broker, sondern ein bloßer Spieler." Sein Kollege - "Nennen Sie mich Claude" - gibt sich versöhnlicher. "Der Junge hat doch nur in dem Poker mitgemacht, an dem damals alle beteiligt waren - freilich mit Einsätzen von gigantischer Größe."

Die Branche befindet sich in einer dumpfen Dauerdepression

Das ist nicht untertrieben. Der schmale junge Mann, der "wohl größte Zocker aller Zeiten" (SPIEGEL), schaffte es mit gewagten Spekulationen erst satte Profite einzufahren, bevor er immer höhere und immer heiklere Operationen riskierte. Als die Affäre Anfang Januar 2008 aufflog, hatten sich die Außenstände des Händlers auf 49 Milliarden Euro summiert - Kerviels Vorgesetzte zogen die Notbremse. Am Ende hatte der heute 35-Jährige fast fünf Milliarden Euro in den Sand gesetzt.

Seither gelten die jungen Händler, die auf ihren Computerschirmen kolossale Summen verschieben, in Frankreich nicht länger als Stars der Szene. "Die Ära der Golden Boys ist vorbei", sagt Traditionshändler Jean-Jacques grinsend, "jetzt gibt es nur noch Blues Brothers". Jene Händler, die von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr abends unter Dauerstress nach Profiten jagen und früher satte Boni von bis zu 300.000 Euro pro Jahr kassierten, gelten nicht mehr als gefeierte Magier der Märkte, sondern sind eher als abgedrehte Hasardeure verschrien. "Trader-bashing" nennt das Pariser Wirtschaftsblatt "Les Echos" den Prestige-Verfall. "Das gilt nicht nur in der Außendarstellung, sondern auch im Innenleben der Banken", zitiert das Blatt einen Nachwuchshändler. "Wir wissen, dass wir uns bedeckt halten müssen, und das bei zunehmend längeren Arbeitszeiten und schrumpfenden Einkommen."

"Ich war in eine Spirale geraten, die immer weiter nach oben führte"

Seit der Beruf in Verruf geriet, wird selbst der Nachwuchs knapp für eine Sparte, die schon vor der internationalen Wirtschaftskrise immer wieder von Affären erschüttert wurde. Natürlich sind immer nur die untergeordneten Abteilungen schuld oder raffgierige Einzeltäter. Auch die Société Générale beschuldigte ihren Ex-Angestellten als "Trickser, Täuscher und Terroristen". Kerviel habe gezielt alle Sicherheitsprogramme der Computer ausgeschaltet, Finanzkontrolleure hintergangen, Kollegen wie Vorgesetzte belogen und Frankreichs zweitgrößte Bank massiv geschädigt. Prompt wurde der Händler 2010 wegen "Vertrauensbruch" zu fünf Jahren Gefängnis und Schadenersatz von 4,9 Milliarden Euro verurteilt.

Kerviel wehrt sich seither gegen den Vorwurf, er habe als raffgieriger Einzeltäter agiert, und berief sich darauf, dass die Hierarchie der Bank bis in die Führungsetagen von den Geschäften gewusst habe. In seinem Buch ("Das Räderwerk: Erinnerungen eines Traders"), das zum Prozessauftakt 2010 erschien, beschrieb er sich als Mitläufer in einem System, bei der nur die Profite zählten. Er sei Opfer einer Firmenkultur geworden, die unter Börsenhändlern seinerzeit als "Casino Générale" verhöhnt wurde.

"Ich habe nur Techniken angewandt, die ich in meiner Bank gelernt habe", sagte Kerviel dem SPIEGEL . "Es war mein einziges Ziel, für meinen Arbeitgeber einen maximalen Gewinn zu erzielen. Ich war in eine Spirale geraten, die mit Unterstützung meiner Chefs immer weiter nach oben führte", so der Händler und wirft seinen Vorgesetzten vor, sie seien von dem Milliarden-Roulette informiert gewesen: "Es gibt Dutzende von E-Mails, die ihr Wissen über die Geschäfte beweisen."

Übertriebenes Urteil

Eine Darstellung, die die Führungselite der Société Générale auch beim Revisionsverfahren vor der Ersten Strafkammer des Pariser Berufungsgerichts heftig bestritt. Und die Richter folgten den Bankern und bestätigten das Urteil der ersten Instanz, die die Schuld allein dem Ex-Händler zuschiebt. Obendrein wird Kerviel zur Rückzahlung von 4,9 Milliarden Euro verpflichtet.

"Absurd", meint Ökonom Philippe Dessertine. "Es ist undenkbar, dass ein Einzelner das gesamte System einer angesehenen Bank aushebeln konnte und dabei Verpflichtungen aufhäufte in der doppelten Höhe der Bilanzsumme", so der Professor der Universität Paris. "Ein übertriebenes Urteil", sagt auch Jérome Jessel, Co-Autor von "Société Générale - Geheimnisse einer Bank" im Infosender BFM-TV. "Der Prozess hätte die Abrechnung mit einem System sein können, man hätte darüber nachdenken können, wie Regeln künftig greifen müssen. Stattdessen endete das Verfahren mit der Aburteilung eines kleinen Mannes."

Vielleicht hatte Kerviel den neuerlichen Schuldspruch geahnt. Als er am letzten Tag des Prozesses aufgerufen wird, sein Schlusswort zu sprechen, wendet er sich am Ende seiner Erklärung, kaum hörbar, an seine ehemaligen Kollegen: "Ich denke an die Beschäftigten der Société Générale und bitte sie um Verzeihung. Sie leiden unter einem total verrückten System, an dem ich beteiligt war."

Trotz der Reue: Noch am Mittwochabend kündigte Kerviel im Radio an, er werde Revision vor dem Kassationshof beantragen - der höchsten Instanz der ordentlichen Gerichtsbarkeit in Frankreich.