Reaktionen Händler brauchen starke Nerven

Aus Sicht von Experten ist der schwache Euro reine Nervensache. Bei den momentanen Konjunkturdaten für Europa sei es nur eine Zeitfrage, bis der Eurokurs sich wieder erholen würde. Kritik wurde allerdings an der Europäischen Zentralbank laut. Bundesfinanzminister Eichel gab sich gelassen.


Frankfurt am Main - Nach Ansicht von Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, wird der Euro noch weiter fallen. "Derzeit ist der Markt so nervös, dass wir die niedrigsten Werte noch nicht gesehen haben", sagte Walter in einem Radiointerview. "Es braucht also für diejenigen, die in diesem Markt tätig sind, in den nächsten Tagen richtig starke Nerven." Ursache für die Euro-Schwäche sei nach wie vor die überraschend positive wirtschaftliche Entwicklung in den USA und die Stärke des US-Dollars. Kritik übte Walter an dem Verhalten der Europäischen Zentralbank. "Ich bin nicht glücklich darüber, dass der Eindruck entstanden ist, die Europäische Zentralbank würde sich nicht um den Außenwert ihrer Währung kümmern." Polemische Äußerungen wie vom CSU-Spitzenpolitiker Michael Glos, der Euro mache die Deutschen "ärmer", bezeichnet er als "Quatsch".

"Es gibt absolut keinen Grund, vom Optimismus abzurücken", findet dagegen Petra Köhler, Konjunkturexpertin der Dresdner Bank. Der niedrige Euro-Wechselkurs passe nicht im Geringsten zur positiven Wirtschaftsentwicklung, und es sei auch gut, wenn die EZB dies betone, sagt Köhler. Ihrer Meinung nach werden die Devisenhändler bald am Euro nicht mehr vorbeikommen, "auch wenn sie es sich momentan zum Sport gemacht haben, auf den Euro einzuprügeln". Spätestens Mitte des Jahres werde sich der Euro erholen, so Köhler.

Allenfalls USA-Touristen haben nach Ansicht der Dresdner Bank Anlass zu Frustration. Für die Exportwirtschaft sei der billige Euro ein wahrer Segen. Allein die deutschen Ausfuhren sprangen im Februar um fast 20 Prozent auf mehr als 90 Milliarden Mark in die Höhe. Für das gesamte Jahr gelten zweistellige Wachstumsraten im Export als wahrscheinlich. Dies wird sich nach Einschätzung der Dresdner Bank auch sehr positiv auf dem hiesigen Arbeitsmarkt niederschlagen: Die Zahl der Arbeitslosen soll bis Ende 2001 von rund vier auf 3,2 Millionen sinken. Und auch der private Verbrauch werde einen kräftigen Wachstumsschub liefern: "Dem Exportboom folgt im nächsten Jahr ein Konsumboom."

Bundesfinanzminister Eichel hat unterdessen Gelassenheit demonstriert. Es gebe ein starkes Wirtschaftswachstum und alle Konjunkturdaten in der Euro-Zone seien besser als vor der Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung vor 15 Monaten. "Daher sage ich in aller Ruhe und abgestimmt mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank und den anderen Finanzministern, irgendwann werden das auch die Märkte merken."



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