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VERSICHERUNGEN Rechnung mit Unbekannten

Die Terrorattacken in Amerika sind der größte Versicherungsfall in der Geschichte. Noch zittert die Branche vor den schwer abzuschätzenden Schäden - und hofft auf eine steigende Nachfrage in Zeiten der Angst.
Von Jan Dirk Herbermann, Heiko Martens und Christoph Pauly
aus DER SPIEGEL 39/2001

Die Schadensexperten des weltweit größten Rückversicherers, der Münchener Rück, waren gut vorbereitet. Nach dem Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993 hatten sie penibel alle denkbaren Risiken durchgespielt, die Versicherungen bei Hochhäusern drohen.

Den »Anprall oder Absturz eines bemannten Flugkörpers« mit - wie üblich - Gebäudeversicherungen zu decken, hielten sie zwar für notwendig, den Eintritt des Schadens aber für wenig wahrscheinlich.

Gerade mal zwei erwähnenswerte Fälle fielen ihnen ein. Am 28. Juli 1945 war ein B25-Bomber der US-Luftwaffe in den 78. Stock des Empire State Building in New York geflogen. Die Bilanz: 14 Tote, eine Million Dollar Sachschaden. Und am 4. Oktober 1992 stürzte eine israelische Boeing 747-200F kurz nach dem Start in zwei Hochhäuser nahe Amsterdam. Der Schaden: 47 Tote, 233 zerstörte Wohnungen.

Ganz und gar unvorstellbar aber erschien den mit Katastrophen aller Art vertrauten Versicherungsprofis, die ihre Erkenntnisse vor zwei Jahren in der internen Studie »Risiko Hochhäuser« zusammentrugen, die totale Zerstörung eines Gebäudekomplexes wie dem World Trade Center durch Terroristen. Es mache wenig Sinn, so die Münchner, sich ein solches Risiko auch nur auszumalen, »da wir das Ereignis Terrorismus nicht als wahrscheinlich einstufen möchten«, heißt es in der Münchener-Rück-Analyse.

Als am 11. September 2001 das Unwahrscheinliche geschehen und der nach dem Urteil der Rating-Agentur Standard & Poor's »größte Versicherungsfall aller Zeiten« eingetreten war, brauchten die Münchner wie ihre geschockten Kollegen weltweit ungewöhnlich lange, sich an das wahre Ausmaß der Schäden heranzutasten.

Nach einer ersten Schadensbilanz am Tag nach der Katastrophe war Münchener-Rück-Chef Hans-Jürgen Schinzler noch davon überzeugt, mit einer Milliarde Euro davonzukommen. Ende voriger Woche hatten die Münchner ihren Einsatz schon mehr als verdoppelt. Jetzt können, so die vorläufige Zwischenrechnung, jene Erstversicherer, die ihre Risikospitzen in München abgesichert haben, 2,1 Milliarden Euro fordern.

Wie der Münchener Rück erging es allen Großen der Branche. Auch die Münchener Allianz, größter deutscher Erstversicherer, musste die Schadenssumme deutlicher erhöhen als ursprünglich gedacht. Statt 700 Millionen, wie bisher angenommen, wird jetzt ein Schaden von einer Milliarde Euro erwartet.

Der zweitgrößte Rückversicherer der Welt, die Schweizer Swiss Re, musste seinen wahrscheinlichen Verlust innerhalb weniger Tage auf zwei Milliarden Schweizer Franken verdoppeln. Inzwischen addieren sich die Schadensvermutungen der Branche auf bis zu 40 Milliarden Dollar - einsamer Rekord.

Der von Menschen verursachte Versicherungsfall World Trade Center übertrifft damit selbst die schlimmsten Naturkatastrophen um mehr als das Doppelte. Rund 19 Milliarden Dollar mussten die Versicherungen für Schäden zahlen, die der bisherige Spitzenreiter, der Wirbelsturm »Andrew«, 1992 in mehreren US-Bundesstaaten angerichtet hatte. Sechs kleinere amerikanische Versicherungsgesellschaften mussten danach Konkurs anmelden.

Damals hatten die Versicherer die Risiken des Wetters sträflich vernachlässigt, diesmal schätzten sie jene Gefahren völlig falsch ein, die aus der Luft drohen können.

Gerade mal 1,1 Milliarden Dollar nahmen sie im Jahr 2000 weltweit als Haftpflichtprämien von den Fluggesellschaften ein, die sich gegen die Risiken eines Absturzes versichert haben. Das ist weniger als die 1,5 Milliarden Dollar, die die Flugzeugversicherer nun für jede einzelne der entführten Maschinen voraussichtlich zahlen müssen. Verluste und Konkurse werden nicht ausbleiben.

Wie sehr Einnahmen und Ausgaben auseinander klaffen, zeigt das Beispiel Lloyd's of London, eine Gruppe Londoner Unternehmen, die sich auf Luftfahrtversicherungen spezialisiert hat. Mit Prämieneinnahmen von gut 800 Millionen Dollar muss Lloyd's nach Schätzungen rund vier Milliarden Dollar Schäden finanzieren. »Die haben ein echtes Problem«, so der New Yorker Analyst William Yankus, »einige von ihnen werden wohl vom Markt verschwinden.«

Auch ein deutscher Versicherer, die Hannover Rück, gerät in Turbulenzen. Offiziell rechnet das Tochterunternehmen des HDI-Versicherungskonzerns mit einem Schaden in den USA von 400 Millionen Euro. Wenn es dabei bleibt, würde der gesamte prognostizierte Gewinn des Unternehmens ausradiert.

Wer als Versicherer das Desaster überlebt, der kann allerdings auf lange Sicht sogar vom größten Versicherungsfall aller Zeiten profitieren. In Zeiten der Angst wird die Branche mit steigender Nachfrage rechnen können - die sich künftig auf weniger Anbieter verteilt. Zudem wird eine Welle von Prämienerhöhungen nach den Terroranschlägen in New York und Washington zusätzliche Einnahmen bringen. Im Schnitt rechnen die Analysten mit einem 30-prozentigen Prämienaufschlag.

Die Fluggesellschaften werden nicht so billig davonkommen. Derzeit laufen die meisten Luftfahrtversicherungen aus - und in die neuen Verträge wurden die Folgen der Terrorattacke schon eingerechnet (siehe Seite 28).

Während die Kleinen bangen, addieren die Großen am Markt bisher recht gelassen die sich auftürmenden Schadensmilliarden. »Es ist ein großer Schadensfall, aber keine Krise«, heißt es bei der Münchener Rück. Wie auch bei der Swiss Re, die 63 Milliarden Franken Rückstellungen gebunkert hat, lässt sich selbst der Versicherungs-GAU von New York ohne Existenzangst aus den Vorräten bezahlen.

Doch die Rechnung für die Versicherungswirtschaft enthält viele Unbekannte.

Noch am exaktesten lässt sich der Sachschaden beziffern, für den Versicherungsschutz besteht. Erst im Juli hatte Immobilienmogul Larry Silverstein zusammen mit einer Gruppe von Investoren das World Trade Center auf 99 Jahre vom Erbauer, der Port Authority of New York and New Jersey, gepachtet. Seine jetzt zerstörten Hochhäuser hat Silverstein mit gut vier Milliarden Dollar versichern lassen. Hinzu kommen rund drei Milliarden Dollar Versicherungsschäden an umliegenden Gebäuden.

Völlig ungewiss indes sind die Versicherungsansprüche der Hinterbliebenen. Die Zahl der Opfer wird nach dem Stand vom vergangenen Freitag mit etwa 6300 angegeben. »Das reicht von der lebenslangen monatlichen Rente von 1000 Dollar bis zu Millionen, mit denen Unternehmen ihre leitenden Angestellten zu versichern pflegen«, so ein New Yorker Analyst.

Swiss Re etwa war nicht nur am WTC-Risiko beteiligt. Die Schweizer haften auch für Lebensversicherungspolicen, die Unternehmen für die Topmanager der Finanzbranche in den oberen Etagen der Towers abgeschlossen haben.

Für geschätzte 5000 versicherte Todesfälle werde wahrscheinlich eine Summe im zweistelligen Milliardenbereich herauskommen, sagt Eric Gueller, Versicherungsanalyst der Zürcher Kantonalbank. Gueller: »Da braut sich mächtig was zusammen.«

Doch zuvor muss die Schuldfrage geklärt werden, möglicherweise in jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen. Gelingt es den Versicherungsfirmen, den betroffenen Flug- und Flughafengesellschaften eine Mitschuld - etwa durch zu lasche Sicherheitsüberprüfungen - nachzuweisen, können sie die Zahlung teilweise verweigern.

Die Chancen stehen gar nicht so schlecht. Immerhin gab es einen Präzedenzfall. 1992 befand ein New Yorker Gericht die US-Airline Pan Am am Absturz ihres Jumbos 1988 über Lockerbie für mitschuldig, da sie Warnungen vor einem Bombenanschlag ignoriert hatte.

Wenn Ähnliches auch im Fall der jetzt betroffenen Airlines gelänge, so der Luftverkehrsanwalt Jim Cowles aus Dallas, »dann müssen diese beiden Gesellschaften um ihr Überleben kämpfen«.

JAN DIRK HERBERMANN,

HEIKO MARTENS, CHRISTOPH PAULY

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