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TELEKOM »Rechtswidriger Zustand«

Die Telekom musste Teile des Immobilienvermögens in ihrer Bilanz erheblich abwerten. Ob die Aktionäre betrogen wurden, prüft nun die Staatsanwaltschaft.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Ron Sommer gab sich betont empört: »Hochgradig unseriös und völlig absurd«, so der Telekom-Chef, seien die »Aussagen zum angeblichen Wertberichtigungsbedarf der Immobilien«. Mehrfach bereits hätten die eigenen Wirtschaftsprüfer die Immobilien untersucht und testiert. Ergebnis: »Alles korrekt.«

Gut zweieinhalb Jahre ist das nun her. Damals hatte der SPIEGEL den Telekom-Chef mit einem »streng vertraulichen« Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen konfrontiert. Im Auftrag der Telekom-Immobilientochter DeTe-Immobilien hatten fünf Architekten, Juristen und Ingenieure zusammen mit der Unternehmensberatung den Immobilienbestand der Telekom, der in der Eröffnungsbilanz 1995 mit rund 35,7 Milliarden Mark angegeben wurde, anhand von Stichproben untersucht - mit brisantem Ergebnis.

»Das Immobilienvermögen«, so schrieben die Gutachter, »scheint in den Bilanzen der Telekom überbewertet zu sein.« In Einzelfällen lägen die bei einem Verkauf zu erzielenden Erlöse um mehr als 22 Prozent unter dem in der Bilanz angegebenen Buchwert. Der Telekom drohe, warnten die Gutachter, »ein erheblicher Wertberichtigungsbedarf mit Nachteilen für die Gewinnsituation und das Ansehen«.

Inzwischen ist die Warnung zur Realität geworden. Vor knapp drei Wochen musste Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick den Wert der Immobilien um rund 3,9 Milliarden Mark nach unten korrigieren. Schlimmer noch: Die Bonner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen aktive und ehemalige Telekom-Manager wie den Ex-Finanzvorstand Joachim Kröske wegen des Verdachts der Falschbilanzierung und des Kapitalanlagebetrugs.

Auch gegen Ron Sommer wurde vor einigen Tagen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Ermittler hegen den Anfangsverdacht, dass Sommer von einer Falschbilanzierung gewusst haben könnte, ohne zu reagieren.

Anlass für den ganzen Wirbel war der Bericht, den der SPIEGEL im Anschluss an ein Gespräch mit Ron Sommer am 31. August 1998 unter der Überschrift »Schwer verkäuflich« zum Immobilienthema veröffentlichte. Den Artikel nahm Finanzvorstand Kröske zum Anlass, den Telekom-Manager Frerich Görts schriftlich zu maßregeln - der damalige Chef der DeTe-Immobilien hatte nämlich die brisante Studie in Auftrag gegeben.

Görts, der 1996 vom Posten des Personalvorstands der Telekom zur DeTe-Immobilien gewechselt war und schon früh auf die Bewertungsproblematik hinwies, hatte allerdings mit der Veröffentlichung des Gutachtens nichts zu tun. Görts witterte seinerseits in der Berichterstattung eine »gezielte Kampage« des Vorstands, um ihn als »lästigen Kritiker« loszuwerden. Und so verfasste der ehemalige Staatssekretär zwei Briefe an Ron Sommer und dessen Aufsichtsratschef Helmut Sihler.

In den beiden »nur persönlich zu öffnenden« Schreiben erhob Görts schwere Vorwürfe gegen die Telekom und deren Finanzvorstand Kröske. Es sei, so schreibt Görts in dem Brief vom 8. September 1998, »klar erweislich, dass die in der Bilanz der Deutschen Telekom AG verbuchten und testierten Werte des Immobilienvermögens mit den Verkehrswerten in krassem Umfang nicht übereinstimmten«. Allein für 163 stichprobenartig untersuchte Grundstücke in Dortmund, Düsseldorf und Koblenz, so Görts, ergebe sich eine Differenz von rund 473 Millionen Mark oder 47 Prozent.

Erschwerend komme hinzu, »dass diese Diskrepanz und ihre Ursachen erkennbar bereits vor Erstellung des Börsenprospektes vorgelegen hätten. »Ich bin«, so der Manager, »nicht länger bereit, die von Herrn Kröske betriebene Politik der Verschleierung weiter zu verantworten« und »mich an der Verdeckung des rechtswidrigen Zustandes« zu beteiligen.

Die Telekom reagierte auf die Briefe mit fristloser Kündigung, die Görts seinerseits mit einer Klage vor dem Landgericht Münster beantwortete. Dort breiteten seine Anwälte in einer fast 100 Seiten umfassenden Klageschrift pikante Details aus, die die Bewertung der Telekom-Immobilien in fragwürdigem Licht erscheinen lassen.

35 000 Grundstücke und Gebäude hatte der Telefonriese 1995 vor seiner Umwandlung in eine Aktiengesellschaft von der Unternehmensberatung Seebauer & Partner und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft C&L Treuarbeit für ihre Eröffnungsbilanz neu bewerten lassen. In einem hoch komplexen Verfahren wurden die Immobilien in verschiedene Kategorien (Cluster) wie Verwaltung, Schulen oder Büros eingeteilt und nach Verkehrswerten bewertet.

Als die Wirtschaftsprüfer mit ihrer Arbeit fertig waren, hatte sich das Immobilienvermögen der Telekom - quasi über Nacht - von rund 22,9 Milliarden auf knapp 35,7 Milliarden Mark erhöht.

»Völlig korrekt«, behauptet die Telekom und stützt sich dabei nicht nur auf ihre eigenen Fachleute, sondern auf namhafte Gutachter wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Wedit, »die das Verfahren der Erstbewertung 1998« laut Kröske-Nachfolger Karl-Gerhard Eick »bestätigte«.

Eine Bewertung, an der es schon früh Zweifel gab, behauptet dagegen Görts und ließ seine Anwälte in Münster gleich reihenweise vermeintliche Beweise präsentieren. Besonders pikant: Selbst die Telekom-Konzernrevision habe »anlässlich einer Dienstbesprechung im Oktober 1995« bereits erhebliche Zweifel an der Richtigkeit der Immobilienwerte geäußert, heißt es in der Görts-Klage. So monierten die Telekom-Prüfer in einem von Görts als Beweismittel vorgelegten Vermerk, dass die Neubewertung »erhebliche Mängel in den ermittelten Verkehrswerten aufweist«.

Außerdem präsentierte Görts neben dem Gutachten von Arthur Andersen, von dem sich die Unternehmensberatung inzwischen in Teilen distanziert, listenweise Aufstellungen von Immobilien, bei denen die Verkehrswerte, die also beim Verkauf zu erzielenden Preise, erheblich von den Buchwerten in der Bilanz abwichen.

So ermittelten Prüfer beispielsweise für Bauten an der Düsseldorfer Königsallee oder beim Fernsehturm Alexanderplatz in Berlin eine negative Abweichung von den Bilanzwerten zwischen 18,6 und 22,2 Prozent. Ein Beweis für die Fehlbewertung, folgerten die Görts-Anwälte.

Ein Ansatz, der an der Realität vorbeigeht, sagt die Telekom. Die Bewertung der Immobilien, so die Telekom-Anwälte in ihrer Klageerwiderung, sei nach geltendem Recht korrekt durchgeführt worden. »Danach sind derartige Bauten in der Bilanz - solange sie betrieblich genutzt werden - mit den Herstellungs- oder Wiederbeschaffungskosten, vermindert um die Abschreibung für Abnutzung, anzusetzen.«

Nur wenn Gebäude »nicht mehr betrieblich genutzt« werden, seien »sie mit ihren Veräußerungswerten anzusetzen«. Und nur von denen gehe Görts fälschlicherweise aus. Für die Fälle, in denen modernere Technik Gebäude überflüssig gemacht habe, sei überdies bis zum Geschäftsjahr 2000 eine Rückstellung von rund 700 Millionen Mark gebildet worden.

Als Motiv für die Vorwürfe ihres früheren Immobilienchefs sieht die Telekom vor allem persönliche Gründe: Görts habe die Bewertungsproblematik künstlich hochgespielt, um sich und seiner Immobilientochter größere Freiheiten beim Verkauf der Gebäude zu verschaffen.

Auch Kröske-Nachfolger Eick sieht für die vergangenen Jahre »keine Verstöße gegen geltendes Recht«. Allerdings, erkannte der Finanzmann bereits im vergangenen Jahr, könnte sich die Situation dramatisch verändern, wenn sich die Telekom auf Grund der angespannten Finanzsituation entscheide, Teile des Immobilienvermögens zu verscherbeln.

Und so vergab der Finanzvorstand im Sommer 2000 einen millionenschweren Auftrag an die beiden Wirtschaftsprofessoren und Bilanzexperten Karlheinz Küting und Claus-Peter Weber. Sie sollen rund 12 000 zum Verkauf vorgesehene Gebäude und Grundstücke einzeln ansehen und nach den tatsächlich zu erzielenden Marktpreisen bewerten. Im Herbst dieses Jahres sollte das Projekt abgeschlossen werden.

»Diese Neubewertung«, sagt Eick, »hätte uns ermöglicht, die Bilanz anhand von nachvollziehbaren Kriterien umzustellen, um dann Teile des Besitzes zu veräußern.«

Pech nur, dass inzwischen die Staatsanwaltschaft in Sachen Immobilien ermittelte. Ihr waren neben Strafanzeigen Teile der Görts-Unterlagen zugespielt worden. Die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen verantwortliche Telekom-Manager war die fast zwangsläufige Folge.

Auf Drängen der Ermittler gab die Telekom ein weiteres Gutachten in Auftrag. Die Immobiliengesellschaft Jones Lang Lasalle sollte Teile der Immobilien nun in einem mit der Staatsanwaltschaft abgestimmten Verfahren stichprobenartig anhand der Bodenwerte von 1995 bewerten. Das Ergebnis, das Eick vor wenigen Wochen auf den Tisch bekam, ist erschreckend: Die von den Experten ermittelten Werte lagen zwischen 700 Millionen und 1,3 Milliarden Mark unter den in der Eröffnungsbilanz ausgewiesenen Werten.

Für Eick ein Horrorszenario: Denn mit der Neubewertung nur einer einzigen Immobilie müssen die gesamten Cluster, in die der Besitz der Telekom aufgeteilt ist, neu berechnet werden. »Unterm Strich«, so der Finanzvorstand, »ergab sich ein Korrekturbedarf von 3,9 Milliarden Mark.«

Trotzdem ist die Telekom zuversichtlich, unbeschadet aus der Immobilienaffäre rauszukommen. Den Optimismus begründet Eick mit den noch laufenden Bewertungen der beiden Wirtschaftsprofessoren.

Erst wenn jedes Haus, jedes Grundstück und jede Vermittlungsstelle angeschaut und nach den tatsächlichen Verhältnissen bewertet sei, so der Finanzvorstand, könne man abschließend sagen, ob die ursprünglichen Bilanzzahlen zu hoch oder »vielleicht sogar zu niedrig waren«.

FRANK DOHMEN

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