Reform der Finanzmärkte Regeln für das reale Monopoly

Bankenkrise, Wirtschaftskrise - jetzt steht das gesamte System des freien Marktes auf dem Prüfstand. Doch wie sollte eine Reform aussehen? Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin skizziert Rahmenbedingungen.


Die Finanzkrise erschüttert die Weltwirtschaft wie selten zuvor. Während das Ausmaß der Turbulenzen nur mit denen von 1929 vergleichbar ist, fällt der Kontrast staatlichen Handelns damals und heute ins Auge. Es scheint, dass es doch möglich ist, aus der Geschichte zu lernen. Alle westlichen Industrienationen haben sich zu raschen und weitreichenden Maßnahmen entschlossen, die die Kettenreaktion von kollabierender Finanzwirtschaft, ausbleibenden Krediten, Rezession, Massenentlassungen und politischer Radikalisierung gleich in der Anfangsphase stoppen sollen.

Börsenhändler in Frankfurt am Main: Aufforderung zum Risiko
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Börsenhändler in Frankfurt am Main: Aufforderung zum Risiko

Möglicherweise stehen wir gegenwärtig an einer Epochenwende, wie auch 1929 eine war, doch nun mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Erwartung ist begründet, dass die gegenwärtige Finanzkrise und der Schrecken, den sie ausgelöst hat, tief genug gehen, um die kulturell, ethisch und politisch begründeten Regeln ökonomischen Verhaltens neu auszutarieren. Es gilt, Brücken zu bauen über den tiefen Graben, der diejenigen, die sich allein der Gewinnmaximierung verpflichtet fühlen, von denen trennt, die Werteverfall und Unverantwortlichkeit beklagen. Es geht um die Regeln im realen Monopoly, an dem wir alle nolens volens teilnehmen und auf die wir uns verständigen müssen.

Wer glaubt, dass der globale Kapitalismus ohne einen politisch verantworteten Ordnungsrahmen auskommt, der irrt. Selbst Ideologen, die überzeugt sind, dass der Markt von allen Fesseln befreit werden muss, weil er sich diejenigen Regeln, die ökonomisch effizient sind, selbst schafft, dürften inzwischen eines Besseren belehrt sein.

Der Zielkonflikt ist dabei natürlich der gleiche, der schon in den frühen Werken von Philosophen und Wirtschaftswissenschaftlern benannt wird: Das Profitstreben der Akteure ist so zu lenken, dass deren Motivation erhalten bleibt und gleichzeitig die Allgemeinheit den angemessenen Nutzen zieht – dass die Ressourcen und Gewinne fair verteilt werden, jeder seiner Leistung gemäß bezahlt wird und Reserven bleiben, um die Schwächsten der Gesellschaft zu stützen.

Die aktuelle Krise hat gezeigt, dass diese Prinzipien in der Finanzbranche ausgehebelt waren. Am Beispiel von Lehman Brothers wurde deutlich, dass das Ausscheiden eines einzigen Marktteilnehmers eine globale Krise nach sich ziehen kann, die am Ende auch die Realwirtschaft an den Abgrund zerrt. Es gehört eigentlich zu den essentiellen Grundsätzen des freien Marktes, dass einzelne Teilnehmer bei ausbleibendem Erfolg aus dem Markt ausscheiden. Es ist dann Sache der Wirtschafts- und der Sozialpolitik, durch Überbrückungsgelder und Arbeitsvermittlung sicherzustellen, dass dies nicht zu einer existentiellen Krise der Beschäftigten führt. Wer den Marktaustritt von Unternehmen blockiert, sprengt den ökonomischen Ordnungsrahmen, sprengt die Marktlogik.

Wenn aber die Politik gezwungen ist, Banken ab einer bestimmten Größe vor dem Zusammenbruch zu bewahren, um einen Kollaps der Wirtschaft zu verhindern, gerät das gesamte System ins Wanken. Denn in letzter Konsequenz führt das dazu, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, dass der Steuerzahler am Ende für hochriskante Geschäftspraktiken zahlen muss, während die Erfinder dieser hochriskanten Geschäfte den Profit einstreichen. Diese Situation wird zu Recht von vielen auch in der aktuellen Krise als Skandal empfunden.

Spätestens seit der Installation der Rettungspakete wissen alle Akteure, dass der Staat sie auch in Zukunft nicht untergehen lassen wird – jeder gewinnorientierte Banker muss das geradezu als Aufforderung verstehen, künftig ähnlich große Risiken einzugehen wie in der Vergangenheit. Wenn die institutionellen Rahmenbedingungen so gestaltet sind, dass diejenigen, die rücksichtslos ihre Eigeninteressen und das ihrer Unternehmen verfolgen, daraus einen massiven eigenen Vorteil zu Lasten anderer ziehen, dann wird das System individueller und kollektiver Verantwortlichkeit instabil.

Daraus ergibt sich die wirtschaftsethische Folgerung der gegenwärtigen Krise, dem Ethos der Nachhaltigkeit einen institutionellen Rahmen zu verschaffen – am besten im internationalen Rahmen, denn die Krise macht, wie die Erfahrung lehrt, längst nicht mehr vor den Grenzen der Nationalstaaten halt.



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