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Manager Regelrecht Schiß

Komiker wie Ottfried Fischer, John Cleese und Gerhard Polt werden ganz ernsthaft bei Schulungen für Manager und Vertreter eingesetzt.
aus DER SPIEGEL 17/1995

Die Übung »bessere Koordination« gerät mitunter ziemlich feucht: Unternehmensberater Walter Kapitel bindet zwei Führungskräfte an jeweils einem Bein mit einem Seil aneinander - und läßt sie gemeinsam ein steiles Bachbett hinaufkraxeln.

Auch die Übung »Verantwortung tragen« nimmt Kapitel beim »Outdoor-Training« wörtlich. Er fordert die Manager auf, sich einen Stein zu suchen, der ihrer schweren Verantwortung entspricht, und diesen durch die Landschaft zu schleppen. »Vorstandsmitglieder tragen riesige Brocken herum«, sagt Walter Kapitel, »geben aber ihre Last nicht ab, auch wenn sie fast zusammenbrechen.«

Als wäre das nicht lustig genug, regt der Münchner Management-Trainer Walter Kapitel die Seminarteilnehmer - meist leitende Angestellte von Firmen wie Siemens, Nestle oder Apple - nach dem Unterricht auch noch an, sich gegenseitig zu veräppeln. Abends im Tagungshotel, wenn die Strapazen des Freiluft-Rollenspiels vorüber sind, versuchen sich die Wirtschaftsbosse als Kabarettisten. In den künstlerischen Aussageformen Sketch, Lied oder Pantomime stellen Firmenchefs die Situation ihres Unternehmens dar. »Dabei kommen oft irrsinnig witzige Sachen heraus«, behauptet Kapitel.

Der Humor-Einsatz, erklärt der Unternehmensberater im leicht verblasenen Jargon der Zunft, »erhöht per spielerischen Ansatz die Lernbereitschaft und stärkt das kreative Potential«. Deshalb verwenden immer mehr Verkäufer-Coachs Humor und Satire als Lehrmittel. Versicherungen zeigen ihren Vertretern Gerhard Polts Vertreter-Haßfilm »Kehraus«, Computerfirmen konfrontieren ihr Verkaufspersonal zur Abschreckung und Belehrung mit Videos von John Cleese. Und andere Konzerne schmücken ihre Fortbildungsseminare mit bekannten Kabarettisten.

Als die Landesbausparkasse ihren Mitarbeitern bei einem Seminar ein neues Sparmodell vorstellte, machte der Fernsehserien-Star ("Ein Bayer auf Rügen") Ottfried Fischer den Pausenclown. Fischer lockerte die Vorträge über Sparprämien und Bewertungsstichtage mit kabarettistischen Kostproben auf - und machte sich nebenbei ein bißchen über den Bausparbetrieb lustig. »Das Kabarett hat Ventilfunktion«, sagt der schwergewichtige Spaßmacher, »man kann über die Oberen herziehen, und den Unteren gefällt's.«

Wenn Bruno Jonas, Dieter Hildebrandt oder Gerhard Polt bei Firmenveranstaltungen auftreten, steigt die Stimmung im Betrieb. Das ist gut für die Bosse. Und gut für die Kabarettisten, die an einem Abend oft 10 000 Mark extra verdienen. »Unterhaltung für die Wirtschaft«, sagt Ottfried Fischer, »ist die Prostitution des Satirikers.«

Preisgünstiger kommt es für die Unternehmen, Satire auf Video vorzuführen. Besonders Versicherungen arbeiten mit komischem Unterrichtsmaterial, um ihre Außenvertreter bei Schulungen auf die humoristischen Wechselfälle des Versicherungswesens vorzubereiten. Die Allianz etwa zeigt in Seminaren gern Sketche von Otto und Emil. Und in der betriebsinternen Videoabteilung von Lloyd's sind Dutzende von Schulungsfilmen entstanden, »in denen wir uns sehr schön selber auf die Schippe nehmen«, wie ein Lloyd's-Mitarbeiter behauptet.

Der bayerische Anti-Policenfilm »Kehraus« von Hanns Christian Müller und Gerhard Polt ist in Deutschlands Versicherungspalästen längst ein Klassiker. In diesem satirischen Horrorstück über Klauseln, Krapfen und Betriebsinterna versucht ein entnervter Versicherungsnehmer, einen Vertrag rückgängig zu machen - ein völlig aussichtsloses Unterfangen, besonders am Faschingsdienstag.

Doch offenbar wollen die Vertreter nicht immer aus »Kehraus« lernen. »Versicherungen beschäftigen querbeet die verschiedensten Leute - Mathematiker, Vertreter, Sachbearbeiter«, sagt Lloyd's-Sprecher Peter Frank, »da muß man stark auf Befindlichkeiten achten.« Im Klartext: Fühlt sich der »Kehraus«-Betrachter allzusehr an seine eigenen Arbeitsmethoden erinnert (und somit attackiert), ist das Lernziel verfehlt.

Andererseits wollen die Personal-Coachs auch ablehnende Reaktionen bei den Mitarbeitern provozieren. Durch die satirische Überspitzung soll eine übertriebene Identifikation mit der Firma abgebaut werden; problematische Situationen im Betrieb, so die Absicht der Management-Berater, sollen durch spaßbedingte Distanzierung erkannt und behoben werden. »Die Satire ist ein guter Spiegel, in dem einem die Lächerlichkeit des eigenen Verhaltens auffällt«, sagt Berthold Henseler von der Münchner Beratungsfirma Sidoun Management und Marketing Services.

Das kann nicht jeder gleich gut vertragen. »Hohe Führungskräfte haben oft regelrecht Schiß vor dem Management-Training«, sagt Humor-Animateur Walter Kapitel. Satire und Sport schaffen Distanz - zu den Bilanzen und zur eigenen Bedeutung. Gerade den Chefs fällt es da oft schwer, Abstand zu gewinnen, indem sie, statt zu delegieren, etwa selber ein Floß zusammenzimmern und danach ihre Erfolgs- und Pannen-Erlebnisse auch noch vor der Gruppe als Rollenspiel darbieten sollen.

Wohl auch deshalb erfreuen sich Klamauk-Filme, in denen sich Profi-Komiker gegen Gage zum pädagogisch wertvollen Hanswurst machen, unter Schulen und Schülern zunehmender Beliebtheit. Marktführer auf diesem Spezialgebiet ist der Brite John Cleese, bekannt als Oberscherzbold der TV-Chaoten Monty Python, Schauspieler und Regisseur ("Ein Fisch namens Wanda"). Der psychotherapieerfahrene und gruppendynamisch gehärtete Cleese bündelte seine Kenntnisse zu Ratgeber-Videos für Wirtschaftsunternehmen.

Für die Produktionsfirma »Video Arts« nahm John Cleese mehr als 70 lustige Lehrfilme auf, die in über 20 Sprachen übersetzt wurden, Autohersteller, Computerkonzerne und Banken benützen die Gaga-Gebrauchsanweisungen. Seine Anteile an der von ihm selbst mitgegründeten Firma hat Cleese mittlerweile zum stolzen Preis von 43 Millionen Pfund verkauft.

»Normale Trainingsvideos strotzen entweder vor Moral oder vor Langeweile«, sagt Sara Tsudome, Mitarbeiterin eines großen amerikanischen Computerherstellers mit Sitz in Frankfurt. Was modernes Management ist, brachte ihr Humorist Cleese bei, indem er mit überirdischer Hilfe ein Personalführungsproblem löste - »das ist so überzeichnet dargestellt«, sagt Tsudome, »daß ernsthafte Erklärungen nicht notwendig sind«.

Nahezu alle Wirtschaftszweige versorgt der Brite mit seiner humoristischen Software. In einem der Videos tritt Cleese in gehobener Position auf - als Heiliger Petrus. Wenn er dereinst selbst vor Petrus treten müsse und nach seinem Beruf gefragt werde, könne er außer »Komiker« befriedigt antworten: »Ich drehte nützliche Trainingsfilme.« Y

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