Boomregion Dahme-Spreewald Hightech im Speckgürtel – jetzt mit BER

An diesem Samstag nimmt der Hauptstadtflughafen BER seinen Betrieb auf. Experten erhoffen sich Strahlkraft für die Wirtschaft in der gesamten Region. Doch die konnte bisher auch ganz gut ohne den Airport leben.
Technologiepark Wildau: Als Hightechstandort noch am Anfang

Technologiepark Wildau: Als Hightechstandort noch am Anfang

Foto: Helicolor Luftbild Ost

Die Frage, was ihn in diese Gegend verschlagen habe, hört Edmund Ahlers offensichtlich nicht zum ersten Mal. Und trotzdem begegnet er ihr zunächst mit einem vorsichtigen Lächeln, als wollte er ausloten, worauf sein Gegenüber wohl abzielt. Doch dann besinnt er sich und rapportiert stichwortartig seinen Lebenslauf: Ingenieursstudium an der RWTH Aachen, erster Job bei BMW Rolls-Royce und schließlich 1994 die Gelegenheit, den neuen Standort des Joint Ventures in Dahlewitz südlich von Berlin mit aufzubauen. Zwei, drei Jahre sollte das dauern, so sehr reizte ihn die Gegend nach eigenen Worten schließlich nicht.

Seitdem sind mehr als 25 Jahre vergangen, und Ahlers betrachtet den Landstrich im Süden von Berlin mit anderen Augen. Er führt inzwischen sein eigenes Unternehmen namens AneCom AeroTest, das sich auf Testreihen für Komponenten von Gasturbinen und Flugzeugtriebwerken spezialisiert hat. Rolls-Royce unterstützte 2002 die Ausgründung und ist auch heute noch ein wichtiger Kunde, aber längst nicht mehr der einzige.

AneCom kann man getrost als Hidden Champion bezeichnen, einen von jenen Spezialisten, die in ihrem Marktsegment weltweit führend sind und die man allgemein in Baden-Württemberg vermutet, in Hessen oder in den ländlichen Regionen rund um München.

Von solchen Hightechunternehmen gibt es einige in den verschiedenen Industrieansiedlungen im Süden der Hauptstadt: Rolls-Royce und seine Triebwerksfertigung natürlich, der der Medizintechnikhersteller Körber&Körber in Birkenwerder. Auch Vestas in Lauchhammer (Windkraft) und Weber in Bernau (Antriebssysteme) zählen dazu - und waren schon hier, lange bevor es den Hauptstadtflughafen gab. Trotzdem beginnt für die Region Dahme-Spreewald ab kommenden Samstag eine neue Zeitrechnung: Endlich soll es losgehen am BER - mit neun Jahren Verspätung.

Große Ambitionen

Schon weit vor der Eröffnung des Flughafens hat die Gegend eine wirtschaftliche Sogkraft entwickelt. Erst vor gut einem Jahr sorgte der US-Milliardär Elon Musk mit seiner Ankündigung für Aufsehen, in Grünheide eine Elektroautofabrik zu errichten. Deren Rohbau steht bereits kurz vor der Fertigstellung. Ein Konstruktions- und ein Designcenter sollen bald folgen. Und BASF will schon bald mit der Fertigung von Komponenten für Batterien beginnen, ebenso wie der US-Batteriespezialist Microvast, der Anfang kommenden Jahres seine Europazentrale in Ludwigsfelde eröffnen will.

Die Unternehmen gehören zu den gut 7300 Ansiedlungen, Innovationsprojekten und technologieorientierten Existenzgründungen, die die landeseigene Entwicklungsgesellschaft seit 2001 nach Brandenburg locken konnte. Gemessen an den etablierten Hightechstandorten in Deutschland steht Brandenburg zwar noch eher am Anfang, doch die Ambitionen sind groß: "Unser Ziel ist es, mittelfristig zu den 50 Topregionen in Deutschland zu gehören", erklärt Gerhard Janßen von der Wirtschaftsförderung Dahme-Spreewald. Und das am liebsten in möglichst vielen anspruchsvollen Disziplinen wie Elektromobilität, IT, Luftfahrt, Medizintechnik oder künstliche Intelligenz.

Dem neuen Flughafen Schönefeld misst er dabei besondere Bedeutung zu, und das nicht erst mit Beginn des Betriebes. "Schon in den vergangenen Jahren hatte der BER großen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung", erklärt Janßen. "Nach der Eröffnung dürfte die Entwicklung an Dynamik gewinnen".

Janßen verweist auf eine Studie von 2019, der zufolge bis zum Jahr 2035 allein rund um die Geschäfte mit dem BER zwischen 60.000 und 70.000 Arbeitsplätze entstehen könnten. Nicht einmal durch die Coronakrise lässt er sich in seinem Optimismus beirren: "Corona wird den Aufschwung verzögern", sagt er. "Aber sie wird ihn nicht verhindern."

Hoffen auf internationale Verbindungen

Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beurteilt die Bedeutung des BER indes etwas zurückhaltender. Nach seiner Einschätzung kann ein Großflughafen erst dann seine wirtschaftliche Bedeutung für die Wirtschaft im Umfeld voll entfalten, wenn er internationale Verbindungen in genügender Zahl anbietet. In dieser Hinsicht aber habe der BER noch Nachholbedarf. Noch einen Schritt weiter geht DIW-Chef Marcel Fratzscher. Ziel müsse es sein, den "BER als ein internationales Drehkreuz auf Augenhöhe zumindest mit dem Münchener Flughafen zu etablieren", so der DIW-Chef.

Flughafen-Chef Engelbert Lütke Daldrup wäre wohl schon mit ein paar zusätzlichen Direktverbindungen zufrieden, etwa in wichtige Metropolen in Asien oder den USA. "Das Interesse an zusätzlichen Verbindungen ist auf jeden Fall da", sagte Lütke Daldrup in der Tageszeitung "Welt". "Emirates würde aktuell gern Berlin anfliegen, sogar trotz Coronakrise. Es bräuchte nur ein Schreiben des Bundesverkehrsministers, damit hier zusätzliche Landerechte geschaffen werden."

Direktverbindungen wünschen sich natürlich auch die Manager, die von ihren Standorten rund um den BER ihre Dienstreisen antreten. Tesla-Chef Musk hatte im vergangenen Jahr sogar ausdrücklich erklärt, dass der Hauptstadtflughafen ein wichtiger Faktor für die Auswahl des Standorts in Grünheide war. Auch für Microvast-Vorstand Sascha Kelterborn spielt er eine Rolle. Doch im Gespräch wird schnell deutlich, dass eine Reihe anderer Faktoren für die Standortwahl eine viel wichtigere Rolle spielten: die Nähe zur Hauptstadt Berlin zum Beispiel, das dichte Netzwerk von Hochschulen und die verfügbaren qualifizierten Arbeitskräfte.

Entscheidend sind andere Faktoren

Das sieht auch AneCom-Gründer Ahlers so. Der BER verschaffe ihm spürbare Erleichterung auf dem Weg zu seinen Kunden in aller Welt, sagt er. Doch entscheidend seien für ihn die Rahmenbedingungen vor Ort: das Netzwerk von Unternehmen und Universitäten, gute Drähte zur Politik – und vor allem seine Mitarbeiter.

Ohnehin ist derzeit schwer abzuschätzen, ob der Flugverkehr nach der Coronakrise seine ursprüngliche Bedeutung für die Geschäftswelt überhaupt vollständig zurückgewinnt. Viele Unternehmen haben in der Zeit der Reisebeschränkungen die Erfahrung gemacht, dass zumindest ein Teil der Konferenzen per Video genauso gut funktioniert wie das persönliche Zusammentreffen. Auch die Kritik an Flugreisen und ihre Auswirkungen auf das Weltklima zeigen ihre Wirkung. Der Geschäftsreiseverkehr wird deshalb nach Einschätzung von Experten sein früheres Niveau womöglich nicht mehr erreichen. Der Hauptstadtflughafen wird seine Rolle in der Region wohl erst noch finden müssen.