Zur Ausgabe
Artikel 42 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Börse Reiche Ernte

Deutsche Unternehmen drängen auf die amerikanischen Aktienmärkte. Dort lockt, was hierzulande fehlt: Risikokapital.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Rottweil liegt am Fuße der Schwäbischen Alb, und die ist auch für württembergische Verhältnisse Provinz. Selbst Kenner des Dialekts haben Mühe, das derbe Idiom der Einheimischen zu verstehen.

So soll es nicht weitergehen, zumindest nicht bei der Metrax GmbH, einem Hersteller von Medizintechnik. »Schwäbisch reicht als Unternehmenssprache in Zukunft nicht mehr aus«, sagt Firmenchef Heinz Bucher, 55.

Bucher hat Großes vor: Er will die Metrax als erstes mittelständisches Unternehmen aus Deutschland demnächst an der amerikanischen Computerbörse Nasdaq einführen. »Bis dahin«, sagt Geschäftsführer Thomas Otto, »wird sich hier im Unternehmen einiges ändern.«

Das wird auch nötig sein. Die Anforderungen der amerikanischen Börsenbehörden sind hoch: Es müssen Quartalsberichte und Bilanzen nach den harten Grundsätzen der GAAP (Generally Accepted Accounting Principles) erstellt werden.

Doch das schreckt die Schwaben nicht. Denn in den USA gibt es reichlich, woran es deutschen High-Tech-Firmen so sehr mangelt: Risikokapital.

Junge Firmen mit großen Plänen und wenig Eigenkapital haben in Deutschland kaum eine Chance, an Geld zu kommen. Niemand weiß, wie viele wachstumsträchtige Firmen deshalb nie die Gelegenheit hatten, sich richtig zu entfalten. Sicher ist nur: Es gibt viel zuwenig, die es schaffen.

Das ist in den USA ganz anders. Nur mit sogenanntem Wagniskapital ("Venture-Capital") und mit Hilfe risikobereiter Anleger konnten aus den Garagenfirmen des Silicon Valley die führenden Computer- und Softwareunternehmen der Welt werden. Nur so konnte Bill Gates zum reichsten Unternehmer der Welt aufsteigen. Und nur so konnten Hunderttausende von zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen geschaffen werden.

Es hat schon viele Versuche gegeben, die für junge Unternehmen so schwierigen Verhältnisse in Deutschland zu ändern, gebessert hat sich nichts. Deshalb kamen einige auf die Idee, selbst an die amerikanische Börse zu gehen.

Bisher werden in den USA nur Aktien eines einzigen deutschen Konzerns gehandelt: Daimler-Benz. Demnächst folgt die bisherige Hoechst-Tochtergesellschaft SGL Carbon, die in den vergangenen Monaten an der deutschen Börse für Furore sorgte. Und die Telekom will nach ihrem Börsengang im Herbst auch in New York gelistet werden.

Andere namhafte Konzerne wollen folgen, sie versprechen sich eine Verbreiterung ihrer Kapitalbasis. Ungewöhnlicher ist schon, daß jetzt die Mittelständler und die jungen Gründer auf den amerikanischen Aktienmarkt drängen.

Noch in diesem Sommer sollen die Aktien der Firma Pfeiffer Vacuum in den USA gehandelt werden, anders als die Metrax nicht an der Nasdaq, sondern an der New York Stock Exchange. Bisher gehört die Firma aus Aßlar zum Schweizer Konzern Oerlikon-Bührle, der sich aus kartellrechtlichen Gründen von dem Produzenten für Vakuumtechnik trennen muß.

Der Multimedia-Anbieter Fast AG wollte eigentlich schon längst an der US-Börse sein, doch die Münchner sagten den bereits avisierten Termin an der Nasdaq kurz vor dem ersten Handelstag wieder ab. Der Kurs eines ähnlichen Anbieters (Avid) war zufällig gerade eingebrochen, das hätte negativ auf die Eröffnungsnotiz der Fast-Aktie abfärben können.

Probleme, am amerikanischen Markt akzeptiert zu werden, haben junge europäische Emissionen offenbar nicht. Amerikanische Anleger sind sehr risikobereit und stets auf der Suche nach neuen heißen Werten.

Das seit Dezember an der Nasdaq gehandelte belgische Softwareunternehmen Lernout & Hauspie vervierfachte in nur fünf Monaten seinen Kurswert. Die Aktie des niederländischen CD-Produzenten Axxicon hat seit September ihren Wert verdreifacht - ebenfalls an der fernen Computerbörse.

Solche Beispiele locken, zumal heimatliche deutsche Börsen nur bereits erfolgreichen oder alteingesessenen Unternehmen offenstehen. Der amtliche Handel ist Neugründungen in Deutschland von vornherein verschlossen, er setzt voraus, daß die Firma bereits mehrere Jahre existiert und über eine solide Finanzstruktur verfügt.

Mit insgesamt 20 Neuemissionen wurden 1995 zwar mehr als doppelt so viele Neulinge an der deutschen Börse plaziert wie noch 1993, und auch das Emissionsvolumen verdoppelte sich auf 7,2 Milliarden Mark. Doch unter den Emittenten war kein einziges High-Tech-Unternehmen.

»Um in einer der Schlüsselindustrien erfolgreich zu sein, muß einem Unternehmen ab einer gewissen Entwicklung sehr viel Kapital zugeführt werden«, sagt Peter Kaleschke, seit zwölf Jahren Partner bei der Techno Venture Management in München, einer der wenigen Venture-Capital-Gesellschaften im Lande. »Das geht nur über die Börse.«

Wer sich nicht auf dem Aktienmarkt mit frischem Kapital eindecken kann, ist meist auf die Gnade der Banken angewiesen. Und die sind zurückhaltend, wenn Unternehmen nur Visionen, aber keine Sicherheiten zu bieten haben (siehe Grafik Seite 104).

Metrax-Chef Bucher hat das Gefeilsche um Zinsen und Sicherheiten endgültig satt. »Von den Banken lassen wir uns nichts mehr diktieren«, sagt der Unternehmer, der seine Firma seit Mitte der siebziger Jahre erfolgreich betreibt. »Wir brauchen Eigenkapital und wollen Projekte durchziehen, wir haben keine Zeit, uns statt dessen jahrelang mit den Banken herumzuschlagen.«

Bucher braucht für seine ehrgeizigen Pläne viel Geld. Bis zum Jahr 2000 will er den Umsatz auf 100 Millionen Mark verdreifachen. »Wir haben mehrere Projekte in der Pipeline, die sehr gut einschlagen könnten.«

Besonders viel verspricht er sich von einem unblutigen Blutzuckermeßgerät. Es sieht aus wie eine Armbanduhr und ist, nur soviel verraten Bucher und sein Geschäftsführer Otto, »mit einer gewissen Sensorik ausgestattet, die permanent den Glukosegehalt im Blut mißt«. Bis zur Serienreife jedoch verschlingen Projekte dieser Art bis zu zehn Millionen Mark.

Innovative Unternehmen benötigen eine Menge Kapital. Geht ihre Rechnung auf, kann sich der Einsatz schnell vervielfachen. Geht sie schief, droht meist der Totalverlust. Mitunter erreichen die Aktien der High-Tech-Firmen, die vielleicht einmal eine spektakuläre Entwicklung zu vermarkten haben, von einem Tag auf den anderen schwindelerregende Kurse. Aber auch Abstürze sind an der Tagesordnung.

Derzeitiger Shooting-Star an der US-Börse ist die Computerfirma Iomega. Die Aktie des Herstellers externer Laufwerke, Ende 1995 noch mit etwa 16 Dollar notiert, wird derzeit um 80 Dollar gehandelt.

»Erfolge dieser Art«, so Peter Kaleschke, »gibt es in Deutschland bislang nicht.« Und das liegt nach Meinung vieler Experten auch am mangelnden Wagniskapital.

»Die Risikokapitalmärkte in Deutschland sind im internationalen Vergleich unterentwickelt«, sagt Ljuba Kokalj, Wissenschaftlerin am Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. 1994 wurden allein in den USA 4,1 Milliarden Mark zusätzliches Risikokapital in junge High-Tech-Firmen investiert, in Deutschland waren es nur 40 Millionen.

Anders als deutsche Investoren, die eher die laufende Verzinsung ihres Kapitals vor Augen haben, blicken amerikanische Anleger in die Zukunft. Sie betrachten eine Idee als Samen, aus dem sich mit Hilfe ihres Kapitals einmal eine reiche Ernte ergeben könnte. Die kann nur an der Börse über Kursgewinne eingefahren werden.

Amerikanischen Untersuchungen zufolge wurden bis zu 195 Prozent Gewinn bei einem Börsengang erwirtschaftet, während sich das Venture-Capital bei einem Verkauf an Dritte lediglich um 40 Prozent mehrte.

Voraussetzung für den Erfolg von Wagniskapitalfirmen ist deshalb, daß sie ihre Beteiligungen an der Börse abstoßen können. Und weil das in Deutschland nicht möglich ist, konnte eine florierende Venture-Capital-Szene nie entstehen. Es gibt nur zehn Gesellschaften, die risikobereites Kapital sammeln und sich dann an verschiedenen Jungunternehmen beteiligen.

Die Deutsche Börse AG müht sich deshalb, nach britischem und französischem Vorbild einen »Neuen Markt« für wachstumsträchtige Unternehmen aufzubauen. Bis Herbst sollen die genauen Modalitäten feststehen, Anfang 1997, so zumindest der Plan, kann der Handel losgehen.

Nicht nur die Deutschen sind offenbar wach geworden, es soll ein Netzwerk der »Neuen Märkte« für Europa entstehen. Eile tut not: Die Nasdaq arbeitet an einer Europa-Ausgabe - die Easdaq, die in Brüssel sitzen soll.

»Viel Zeit dürfen wir nicht mehr verlieren«, warnt Matthias Kurth, Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium. »Es kann nicht sein, daß wir aus Nachlässigkeit einen in Europa erst im Entstehen begriffenen Zukunftsmarkt anderen überlassen.«

Sonst könnte es nämlich sein, daß Unternehmen wie die schwäbische Metrax GmbH, die sich jetzt über die Nasdaq im Ausland finanzieren, eines Tages dorthin abwandern, wo das Kapital Ideen belohnt.

[Grafiktext]

Börseneinführungen 1987 bis 1994 und Risikokapital 1994

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 42 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.