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BERTELSMANN Reichlich Arbeit

Bertelsmann-Chef Wössner legt seine letzte Bilanz vor: Sie enthält beides - Superlative und Schönheitsfehler. Der Rekordgewinn war nur durch Sonderverkäufe zu schaffen.
aus DER SPIEGEL 39/1998

Jetzt verdienen wir erst mal Geld«, sagte Mark Wössner, als er 1983 Vorstandschef von Bertelsmann wurde. Der Konzern hatte zuvor an Größe gewonnen und an Ertragskraft verloren.

Der Mann hat Wort gehalten. Wenn Wössner, 59, Ende Oktober in den Aufsichtsrat wechselt, legt er eindrucksvolle Zahlen vor. Der Umsatz stieg seit Amtsantritt von sechs Milliarden auf 25,5 Milliarden Mark - plus 325 Prozent. Das Betriebsergebnis wuchs von 380 Millionen auf 1,73 Milliarden Mark - plus 355 Prozent.

Aus dem Gütersloher Printmedienhaus wurde »eine Art Weltreich« ("Süddeutsche Zeitung"). International sind nur die Konzerne Time Warner und Disney größer - aber nicht finanzstärker.

Alles scheint in bester Ordnung. Noch immer liegen die Gewinnwerte der Bertelsmänner weit über denen anderer deutscher Großunternehmen. »Die Wahrheit über Wössner in Zahlen: umwerfender Erfolg«, jubelt die zum Konzern gehörende »Berliner Zeitung«. Eine »systematische strategische Führung« habe Bertelsmann an die Weltspitze gebracht, sagt Wössner über Wössner.

Und doch: Der erfolgverwöhnte Konzernherr, 1993 zum »Manager des Jahres« gewählt, hätte sich seinen Abgang wohl etwas unbeschwerter vorgestellt. Die Bilanz, die er in dieser Woche präsentiert, weist auch Schönheitsfehler auf. Der Wandel vom Buch-, Presse- und Druckunternehmen zum Multimedia-Haus ist offenbar schwieriger als erwartet.

Wichtige Stammgeschäfte hängen durch, ihre Rentabilität sinkt. Andererseits kosten neue Geschäftsfelder, etwa die elektronischen Medien, erst mal viel Geld. Das gesamte TV-Engagement produziert unterm Strich nur Verluste.

Und so kann Wössner den ausgewiesenen Rekordgewinn, den er in der kommenden Woche in Gütersloh präsentieren will, nur durch Sonderverkäufe von Firmen und Beteiligungen schaffen. Aus internen Informationen, die dem SPIEGEL schriftlich vorliegen, geht hervor, daß im Geschäftsjahr 1997/98 allein durch fünf Verkaufstransaktionen 536 Millionen Mark in die Firmenkasse kamen.

Der Verkauf von Druckereien in den USA sowie einer Beteiligung an einer Spedition brachten etwa 210 Millionen Mark. 180 Millionen Mark erlöste Bertelsmann durch das Abstoßen eines Aktienpakets am Computerdienst America Online, 129 Millionen erzielte eine Papierfabrik am Gardasee. Die abgestoßenen Betriebsteile trugen jährlich weit über 100 Millionen Mark zum Betriebsergebnis bei.

Insgesamt beträgt das operative Betriebsergebnis des abgelaufenen Geschäftsjahres, so das interne Zahlenmaterial, also nur rund 1,3 Milliarden Mark und liegt damit auf dem Niveau des Jahres 1993. Der Rekordgewinn - das Ergebnis kunstvoller Bilanzierungstechnik?

Bertelsmann-Finanzvorstand Siegfried Luther weist diesen Verdacht zurück. Es handele sich bei der dem SPIEGEL vorliegenden Aufstellung um eine »punktuelle Analyse« für den internen Gebrauch. Es sei aber »nicht sachgerecht«, die aufgeführten Summen sämtlich als außerordentliche Erlöse zu bilanzieren. Die Verkäufe seien »geplante strategische Bereinigungen, die uns natürlich auch guttun«, sagt der Bilanzexperte.

Die Manöver sind vor allem deshalb nötig, weil es in einem Hauptfeld des Konzerns seit Jahren kriselt: Das Geschäft der Buch AG, verantwortet von Wössners Bruder Frank, 57, läuft den internen Zahlen zufolge alles andere als optimal.

Hier brach im Geschäftsjahr 1997/98 der Betriebsgewinn von zuvor rund 550 Millionen Mark auf knapp 300 Millionen ein - ein Rückgang um fast 50 Prozent. Kernproblem sind die Buchclubs: Deren Gewinne schrumpften ebenfalls um die Hälfte, auf 50 Millionen Mark.

Unter Führung des ehemaligen Versicherungsmanagers Frank Wössner ist es bisher nicht gelungen, den Niedergang des Clubgeschäfts zu stoppen. In den Fünfzigern als »Lesering« gegründet, waren sie die Keimzelle des Konzerns. Doch seit längerem schon sinkt die Zahl der Mitglieder - von sechs Millionen in 1992 auf mittlerweile nur noch vier Millionen. »Wie der Mitgliederschwund im deutschen Buchclub von derzeit 300 000 Mitgliedern pro Jahr aufgehalten werden soll, weiß Frank Wössner nicht«, heißt es in dem Papier.

Der Betriebsgewinn der deutschen Clubs, 1996 noch bei 100 Millionen Mark, soll angeblich sogar gegen Null tendieren. »Alle Clubs machen Gewinn«, stellt Finanzchef Luther klar.

Die Probleme jedoch sind unverkennbar. Für viele Jüngere ist das Clubkonzept - günstige Bücher gegen Vorlage des Mitgliedsausweises - nicht mehr attraktiv. Und der Augsburger Weltbild-Verlag, eine Tochter-Gesellschaft der katholischen Kirche, macht mit einem Billigversand per Post kräftig Konkurrenz.

Erst seit kurzem steuert Bertelsmann entschieden dagegen: mit einem neuen Namen ("Der Club") und Exklusiv-Premieren von potentiellen Bestsellern nur für die Mitglieder. »Der Club verläßt das Getto«, meint der »Buchreport«.

Auch im Management werden nun Konsequenzen gezogen. Nicht alle Personalien sind im Konzern unumstritten: So darf in Paris, beim kränkelnden Club France Loisirs, der Jungmanager Marc-Oliver Sommer die Dinge richten, der Schwiegersohn von Vorstandschef Mark Wössner.

Die Neuakquisition des New Yorker Traditionsverlags Random House sowie der im Oktober verstärkt gepushte Online-Verkauf von Büchern sollen für neue Dynamik sorgen. Beides schob bereits der designierte Vorstandschef Thomas Middelhoff, 45, an. Als ehemaliger Strategievorstand kennt er die Schwachstellen im Traditionsgeschäft sehr genau.

Abgesehen von den Problemen beim Buch gebe es bei Bertelsmann »business as usual«, resümiert Finanzchef Luther. Einige der 300 Profit-Center des Hauses liefen besser als geplant, andere schlechter - das wiege einander auf, so der Spitzenmanager.

Die internen Zahlen enthüllen, daß zu den problematischen Geschäftsfeldern auch das Musikgeschäft von Vorstand Michael Dornemann, 52, zählt. Mit einem Betriebsergebnis von rund 300 Millionen Mark liegt es deutlich unter der Vorgabe von 400 Millionen.

Die Planabweichung ist eine Folge der Asienkrise: Ein Einbruch in Japan, unter dem alle Musikkonzerne leiden, beeinträchtigte den Verkauf von CDs. In Japan gab es bei Bertelsmann Music Group (BMG) sogar Entlassungen. Aber auch in Frankreich zeigt die Gewinnentwicklung von BMG nach unten. Hinzu kommt: Ein vor vier Jahren bei BMG Interactive begonnener Versuch, im Markt der Computerspiele zum wichtigen Player aufzusteigen, endete mit einer Bruchlandung. Nach 150 Millionen Mark Anlaufverlust wurde das Geschäft - in aller Stille - an eine amerikanische Softwarefirma abgegeben.

Auch wenn sich Dornemann im schwierigen Musikgeschäft, vor allem in Deutschland, nach Ansicht seiner Vorstandskollegen bravourös schlägt - die Kapitalrendite liegt mit zehn bis elf Prozent noch immer klar unter dem Konzernschnitt.

Eine Fusion mit dem Musikkonkurrenten EMI, die Dornemann vor zwei Jahren vorschlug, lehnten die Aktionäre des englischen Musikriesen zum Bedauern der Bertelsmänner ab. Nun soll BMG aus eigenen Kräften wachsen.

Für Unruhe in Gütersloh sorgt auch das Ergebnis des Luxemburger Fernsehablegers CLT-Ufa, an dem Bertelsmann 40 Prozent hält. CLT-Ufa machte 1997 rund 140 Millionen Mark Verlust, trotz des hochprofitablen Senders RTL. Allein der Start ins Digitalfernsehen verursachte beim Pay-TV-Sender Premiere ein Minus von 120 Millionen Mark. Insgesamt muß Gütersloh diesmal für die Fernsehaktivitäten einen Verlust von knapp 60 Millionen Mark verbuchen.

Auch die Zukunft sieht hier keineswegs rosig aus. Noch immer ist unklar, wie Bertelsmann zusammen mit dem Münchner Medienunternehmer Leo Kirch das teure Digital-TV rund um Premiere betreiben will. Denn Kirch betreibt parallel seinen Pay-Sender DF 1. Erst vergangene Woche sprachen die Manager beider Konzerne am Tegernsee in einer internen Klausur über das Dauerproblem. Eine Lösung gibt es noch nicht, Arbeitsgruppen sollen Strategien ausloten.

Möglicherweise steigen die Essener WAZ-Gruppe und die französische Mediengruppe Hachette als neue Gesellschafter bei Premiere ein. Doch auch der Ausstieg von Bertelsmann aus dem Pay-TV-Geschäft, das die Kartellbehörden zusätzlich erschweren, ist »nicht mehr ausgeschlossen«, so Wössner vergangene Woche.

»Besenrein« wollte er den Konzern an seinen Nachfolger Middelhoff übergeben, hatte der Vorstandschef Ende 1996 intern den Führungskräften verkündet. Die Unternehmensberater von McKinsey halfen ihm bei den notwendigen Korrekturen.

Doch mittlerweile ist klar, daß trotzdem auf den Nachfolger noch reichlich Arbeit wartet.

Wössner sieht das mittlerweile genauso, er will die Lage gar nicht beschönigen: »Es führt kein Weg daran vorbei«, sagt er: »Die Ertragskraft ist in diesem Jahr um 200 bis 300 Millionen Mark zu niedrig.«

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Betriebsergebnis bei Bertelsmann

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Betriebsergebnis bei Bertelsmann

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