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ZUKUNFT Reichlich blaß

Die amerikanische Umwelt-Studie »Global 2000« wurde in der Bundesrepublik zum heimlichen Bestseller. Jetzt erscheint der zweite Teil der Studie.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Das Buch bietet alle Voraussetzungen für einen Ladenhüter. Der Text zieht sich über 1438 Seiten hin, ist in einer trockenen Sprache geschrieben und wimmelt von Zahlen, Statistiken und Schaubildern.

Zeitungs- und Rundfunkredaktionen schenkten dem Buch, das Ende letzten Jahres erschien, zunächst kaum Beachtung. Es gab weder Ankündigungen noch Vorauskritiken, weder Verlegerinterviews noch Vorabdrucke.

In den offiziösen Bestsellerlisten ist das Werk bis heute noch nicht aufgetaucht. Denn dort werden nur Bücher aufgenommen, die in Buchhandlungen zu kaufen sind. Nicht aber solche, die -- wie in diesem Fall -- nur per Versand oder über verlagseigene Filialen vertrieben werden.

Dennoch ist »Global 2000«, ein amtliches Dokument der US-Regierung ("Copyright: Das Volk der Vereinigten Staaten"), zur Zeit eines der am meisten gekauften Bücher in der Bundesrepublik.

Ziemlich genau 250 000 Exemplare lieferte der Frankfurter Versandverlag Zweitausendeins bis Ende August aus. Das heißt, jeden Monat wurde »Global 2000« mehr als 20 000mal verkauft.

Der Bericht, den der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter in Auftrag gegeben S.90 hatte, brachte es zum Bestseller, weil über ihn geredet wurde. »Kein anderes Buch« seines Verlagsprogramms, so Zweitausendeins-Verleger Lutz Reinecke, habe bei den Lesern »so starke Emotionen und so viele Aktivitäten ausgelöst«. Auf ihn selbst, sagt Reinecke, habe das Buch »wie ein Schock« gewirkt -- seitdem ist er engagierter Anhänger der Grünen.

Grüne und Umweltschützer, Öko-Gruppen und Bürgerinitiativen bestellen »Global 2000« gleich kistenweise, um es dann auf Veranstaltungen und Treffen weiterzuverkaufen.

Die »Grünen« in München etwa empfehlen »Global 2000« allen dringend zur Lektüre«. Die Bürgerinitiative von Möhrfelden-Walldorf in der Nähe des Frankfurter Flughafens legt den Mitbürgern »diese Grundausstattung für jede Umweltdiskussion« im Zusammenhang mit der geplanten Startbahn West »ans Herz«.

Selbst die FDP diskutierte die Erkenntnisse von »Global 2000« auf einem Parteiseminar.

Das Buch sei »spannender als jeder Thriller«, urteilt etwa das »Sonntagsblatt«; es handele »nüchtern und sachlich vom langsamen Untergang unserer Welt«. Der WDR resümierte: »Die Apokalypse ist ausrechenbar geworden.«

Drei Jahre lang haben 160 amerikanische Wissenschaftler an dem Werk gearbeitet. Ihr Fazit: Im Jahr 2000 sei die Weltbevölkerung »vielleicht nur noch wenige Generationen« von dem Zeitpunkt entfernt, wo sie »die Grenze der Belastbarkeit des gesamten Planeten erreicht« habe.

Die »Global«-Forscher behaupten nicht, daß ihre Vorhersagen auf jeden Fall eintreffen werden. Sie schildern nur, wie die Welt in 19 Jahren aussehen wird, wenn alles so weiterläuft wie bisher.

Um die dann wahrscheinliche Entwicklung so präzis wie möglich vorhersagen zu können, haben die Wissenschaftler einen guten Teil des auf der Welt verfügbaren statistischen Materials zusammengetragen und ausgewertet. Alle amtlichen US-Stellen, sogar der amerikanische Geheimdienst CIA, mußten ihre Daten offenlegen.

Eine der wichtigsten Grundannahmen von »Global 2000« lautet, daß die Weltbevölkerung gewaltig wachsen wird. Statt etwa 4,5 Milliarden, die heute den Globus bevölkern, werden im Jahr 2000 vermutlich 6,35 Milliarden Menschen auf der Erde leben; 30 Jahre später sollen es zehn Milliarden sein.

Der überwiegende Teil der Erdenbürger wird sich dort zusammendrängen, wo die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben am ungünstigsten sind. Fünf Milliarden der insgesamt 6,35 Milliarden Weltbürger, so schätzen die »Global«-Forscher, werden in den unterentwickelten Ländern ihr Dasein fristen. Und denen wird es dann noch schlechter gehen als heute: In den reichen Industriestaaten wird im Jahr 2000 das Bruttosozialprodukt pro Kopf etwa 20mal höher liegen als in den Entwicklungsländern.

Ein großer Teil der Menschen in der Dritten Welt wird hungern müssen. Die Weltbank schätzt, daß die Zahl der unterernährten Menschen in den Entwicklungsländern von etwa 500 Millionen auf 1,3 Milliarden steigt.

Ähnlich gravierend wie der Mangel an Nahrung ist die Knappheit an Energie. Da die Menschen in den unterentwickelten Ländern zum Heizen und S.92 Kochen vor allem Holz verwenden, das Holz aber nicht so schnell nachwächst, wie die Menschheit es verfeuert, wird es spätestens in den neunziger Jahren ernste Versorgungsprobleme geben.

Jahr für Jahr, so zählen die »Global«-Autoren, werden auf der Erde 18 bis 20 Millionen Hektar Wald geschlagen -- soviel wie die gesamte Fläche der Bundesrepublik. Wenn es so weitergeht -- und warum sollte es nicht? --, werden in 19 Jahren 40 Prozent des Baumbestandes, im Jahr 2020 sogar sämtliche Wälder in der Dritten Welt abgeholzt sein.

Die Plünderung des Planeten durch die Spezies Mensch wird dramatische Auswirkungen auf die Umwelt haben. Die »Global«-Forscher erwarten, daß fruchtbares Acker- und Weideland weltweit immer knapper wird. Schon heute veröden in jedem Jahr etwa sechs Millionen Hektar Felder und Wiesen -- eine Fläche von der Größe Bayerns und Hessens.

In den nächsten Jahren, so die »Global«-Prognose, könnten sich die Wüstenflächen noch schneller ausdehnen. Die Uno etwa schätzt, daß sich die Wüstengebiete im Jahr 2000 verdreifacht haben.

Ähnlich dramatisch die Daten über die Luftverschmutzung. Schon heute liegen in den Großstädten der Entwicklungsländer die Konzentrationen von Schwefeldioxid, Staubteilchen, Stickstoffdioxid und Kohlenmonoxid weit über den erlaubten Normen. In Ankara etwa enthält die Luft zweieinhalbmal soviel Schwefeldioxid, wie die Weltgesundheitsorganisation als Höchstdosis zuläßt.

Obwohl in vielen Industrieländern mehr auf den Umweltschutz geachtet wird als in den unterentwickelten Regionen, rechnen die »Global«-Forscher damit, daß auch dort die Luftverschmutzung weiter zunimmt. Hauptursache: Immer größere Mengen an Kohle und anderen fossilen Energieträgern werden verbrannt.

Die dabei entstehenden Mengen von Schwefel- und Stickstoffdioxid sind besonders bedrohlich, weil sie sich in der Atmosphäre mit Wasserdampf verbinden und anschließend als saurer Regen auf die Erde niedergehen.

Schlimmer noch wirkt sich die zunehmende Konzentration von Kohlendioxid, das ebenfalls beim Verbrennen von Kohle entsteht, in der Erdatmosphäre aus.

Durch den erhöhten Kohlendioxidgehalt kann es zu einer gefährlichen Erwärmung der Erde kommen. Die Konsequenzen nehmen sich wie Science-fiction aus: Schon bei einem Anstieg der Polartemperaturen von fünf bis zehn Grad könnten die Eiskappen in Grönland und in der Antarktis abschmelzen; die Küstenstädte würden im Meerwasser versinken.

Panikmache? Die Veränderung der Erde allein in den letzten 30 bis 40 Jahren hätte wohl kaum jemand für möglich gehalten, wenn ähnlich vorausschauende Wissenschaftler damals ein »Global ''80« vorgelegt hätten.

»Die ganze Wirkung« der abgeschilderten Trends, resümieren die »Global«-Autoren, werde erst im Jahr 2000 sichtbar werden. »Die Zeit zum Handeln aber«, warnen die Zukunftsforscher, »geht zu Ende.« Zögere die Menschheit die notwendigen Entscheidungen noch weiter hinaus, so werde sich der Spielraum für ein wirkungsvolles Gegensteuern »drastisch verringern«.

Die Mahnungen der »Global«-Forscher haben bisher kaum etwas bewirkt. S.94 Und sie selbst tun sich auch schwer mit konkreter Weisung, wie der Marsch in die Katastrophe gestoppt werden könnte.

Im Sommer letzten Jahres hatte Präsident Carter die »Global«-Autoren beauftragt, die Zukunftsstudie durch konkrete politische Vorschläge zu ergänzen. Im zweiten Teil der »Global«-Studie mit dem Titel »Global Future. Time to Act«, das jetzt in einer deutschen Übersetzung erscheint,

( »Global-Future -- Es ist Zeit zu ) ( handeln.« Dreisam-Verlag, Freiburg ) ( 1981; 192 Seiten; 10 Mark. )

beschreiben die Autoren aber nur, welche finanziellen Programme und internationalen Initiativen die Vereinigten Staaten in Zukunft fürdern sollten.

Ihre Zielvorstellungen formulieren die »Global«-Wissenschaftler so unverbindlich wie irgend möglich. So fordern sie reichlich blaß ein »den natürlichen Lebensgrundlagen angepaßtes Wirtschaftswachstum« und den »Schutz der natürlichen Ressourcen-Basis« in den Entwicklungsländern.

Die Sichtweise ihrer Ratschläge ist erschreckend eng. Vor jeder Handlungsempfehlung begründen die »Global«-Forscher ausführlich, warum die vorgeschlagene Maßnahme im Interesse des amerikanischen Volkes liegt. Weitergehende Empfehlungen, etwa die Reform des Weltwirtschaftssystems oder der Abbau der sozialen Unterschiede, passen natürlich nicht zu solchem Schmalspurdenken.

Carters Nachfolger Ronald Reagan, gegenwärtig emsig dabei, Umweltschutzbestimmungen wegzuräumen, gingen selbst solche Gedanken zu weit. Er ließ den Handlungskatalog in den Archiven des Weißen Hauses verschwinden und entließ die etwa 60 Wissenschaftler, die ihn verfaßt haben.

Doch auch die Bonner Regierung reagierte kaum besser. Auf die Frage des CDU-Abgeordneten Norbert Lammert, welche Schlüsse die Regierung aus der US-Studie gezogen habe, antwortete die Bundesregierung: »Auch diese Studie wird -- wie andere auch -- bei der Entwicklung unserer Politik berücksichtigt werden.«

S.94"Global-Future -- Es ist Zeit zu handeln.« Dreisam-Verlag, Freiburg1981; 192 Seiten; 10 Mark.*

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