Reichste Deutsche Pillendreher mit Angst vor der Presse

Der Name Boehringer stand in den Augen der Öffentlichkeit lange Zeit vor allem für eins: Dioxinschleuder. Heute präsentiert sich die Firma als weltweit hervorragend aufgestellter Pharmaspezialist in den Händen einer milliardenschweren Inhaberfamilie.

Der Imageschaden hätte verheerender nicht sein können: Im Juni 1984 erzwingt ein Umweltsenator erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die Schließung eines Chemiewerks. Die in Hamburg-Moorfleet angesiedelte Dependance des Ingelheimer Pharma- und Pflanzenschutzmittelherstellers "C. H. Boehringer Sohn" muss den Betrieb einstellen. Über Nacht stehen alle Maschinen still.

Den Anlass für diesen einzigartigen Staatsakt liefert Dioxin. Die wohl giftigste aller synthetischen Substanzen, weltweit durch Vietnam und Seveso bekannt geworden und wie keine andere Synonym für die Bedrohung des Menschen durch die Chemie, ist bei der Produktion - entgegen der wiederholten Beteuerung der Werksleitung - reichlich angefallen.

Arbeits- und Umweltschützer laufen Sturm. Leichtfertigen Umgang mit der Gesundheit seiner Mitarbeiter muss sich Boehringer vorwerfen lassen, eine fast beispiellose Verschmutzung der Umwelt. Die Sanierung von Boden und Grundwasser wird Jahre dauern und Millionen verschlingen.

Pillendreher von Weltformat

Das Kapitel "Hamburg" ist vermutlich das dunkelste in der sonst so glänzenden Erfolgsgeschichte der Firma, die Albert Boehringer 1885 in Nieder-Ingelheim nahe Mainz gegründet hat. 20 Mitarbeiter beschäftigte er anfangs, die Salze der Weinsäure für den Gebrauch in Apotheken und Gerbereien produzierten.

Heute gilt Boehringer neben Bayer als größter deutscher Medikamentenhersteller. Bei Arzneimitteln gegen Aids und Erkrankungen der Atemwege etwa sind die Pillendreher vom Rhein führend. Der bekannte Schmerzstiller Thomapyrin gehört ebenso zum Angebot wie moderne Biopharmaka. Mit einem Umsatz von rund 6,2 Milliarden Euro dürfen die Ingelheimer Platz 17 unter den 20 weltgrößten Pharmakonzernen für sich reklamieren. Und noch immer befindet sich die Gesellschaft ausschließlich in Privatbesitz.

Die verschwiegenen Stämme

Drei Stämme, deren Vermögen auf insgesamt 32 Milliarden Mark taxiert wird, halten in vierter Generation je ein Drittel der Firmenanteile: Albert und Otto Boehringer sowie der eingeheiratete Erich von Baumbach. Zusammen mit Hans Boehringer bildeten sie viele Jahre den Gesellschafterausschuss, in dem die Boehringer-Inhaber auf die Wahrung ihrer Interessen achten.

Doch mehr als ihre Funktion im Unternehmen geben die von Baumbachs und Boehringers der Öffentlichkeit von sich nicht preis. Pflegen sie exklusive Hobbys? Hängen sie - wie andere Superreiche - kostspieligen Neigungen nach? Man weiß es nicht. Auch als Mäzene oder bedeutende Kunstsammler haben sich die Familien bisher nicht in Szene gesetzt. Was wir daraus schließen dürfen? Dass die Ingelheimer aus Erfahrung wissen: Keine Presse ist auf jeden Fall besser als eine schlechte.

Christian Keun, manager-magazin.de

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