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QUANDT Reinliche Trennung

Der Bad Homburger Industrie-Dynast Herbert Quandt hat seinen Konzern neu organisiert. Vorteil: Flaue Firmen können leichter gesteuert, zur Not verkauft werden.
aus DER SPIEGEL 35/1977

Der Bielefelder Kosmetik-Millionär Kurt Wolff machte keine langen Worte. Er verabschiedete seinen Gast mit einem »herzlichen Dank« für »das hochinteressante Gespräch«. Das war"s.

Nach dem Willen des Besuchers hätte das Gespräch anders laufen sollen. Rolf Liertz, Vertrauter des Bad Homburger Großindustriellen Herbert Quandt und Topmanager für das expansive Konsumgüter-Geschäft, wollte Wolff (Bestseller-Marke: Alpecin) überreden, Kasse zu machen und die Firma den Homburgern zu verkaufen. Wolff letzte Woche: »Bei mir haben schon ganz andere Interessenten angeklopft.«

Schlecht für Liertz. Denn der 67 Jahre alte, fast erblindete Industrie-Potentat Quandt will sich langsam zur Ruhe setzen und drängt seine Manager hartnäckig, ihre Sparten zukunftssicher abzurunden. Seit längerem schon registrieren die Vertrauten des Konzernchefs, dem immerhin das nach Flick zweitgrößte deutsche Familien-Imperium gehört, deutliche Anzeichen von Führungsmüdigkeit.

Selbst bei den entscheidenden Diskussionen über die langfristige Strategie des auf über sieben Milliarden Mark Umsatz angeschwollenen Firmenreichs läßt sich Quandt immer häufiger entschuldigen und von seinem Intimus Hans Graf von der Goltz vertreten.

Am wenigsten strittig ist dabei die Zukunft lukrativsten Quandt-Besitzstands. Die Autofirma BMW, in die Quandt vor 17 Jahren eingestiegen war, entwickelte sich von einem scheinbar aussichtslosen Sanierungsfall in den letzten Jahren zu einer erstklassigen Anlage.

Das von dem ehemaligen Quandt-Assistenten Eberhard von Kuenheim geführte Unternehmen übertrifft 1977 erstmals die Umsatzmarke van fünf Milliarden und überweist rund 45 Millionen Mark Dividende nach Bad Homburg.

Sein Waffen- und Maschinenkonzern Industrie-Werke Karlsruhe (IWKA) dagegen hat sich noch immer nicht voll von einem gefährlichen Schwächeanfall erholt. Durch Missmanagement und mangelnde Kontrolle hatte die IWKA-Gruppe vor zwei Jahren das halbe Kapital verloren und war nur durch eine Geldspritze von 35 Millionen Mark zu retten.

Mit der Übernahme des 40-Prozent-Anteils seiner Schwägerin Inge Quandt übernahm der Familiensenior schließlich das Kommando über den Maschinenkonzern. Dieser Pakethandel war zugleich der Schlußakt der zähen Vermögenstrennung zwischen den beiden Erbstämmen des Konzerngründers Günther Quandt.

Für eine »reinliche Trennung« (Herbert Quandt) des Familienbesitzes hatte der publikumsscheue Industrie-Tycoon in seiner dritten Domäne, der Firmengruppe Varta, bereits vor drei Jahren gesorgt.

Doch bis heute blieb die von einer Batterie-Fabrik zu einem bunt zusammengewürfelten Gemischtwaren-Konzern aufgequollene Firma ohne feste Konturen. Neben Varta-Batterien bietet das Unternehmen Ceag-Grubenlampen und Milupa-Babynahrung, Mouson-Parfum und Byk Gulden-Kreislaufpräparate an.

Reichlich selbstherrlich arbeiteten die hochbezahlten Manager unkoordiniert aneinander vorbei. Folge: Die Bad Homburger Konzern-Revisoren stießen zum Beispiel bei ihrer Dortmunder Lichttechnik- und Umweltschutz-Tochter Ceag Dominit erst auf zweistellige Millionen-Verluste, als der neue Topmanager Rainer Utecht bei Quandt-Vize von der Goltz vor offenkundiger Bilanzkosmetik gewarnt hatte.

Ceag-Chef Wolfgang Morsbach nämlich hatte der Zentrale unbedingt einen Gewinn melden wollen. Als die Sache aufflog, zitierte Herbert seine Dortmunder Spitzenkräfte ins Hauptquartier und gab ihnen den Abschied.

Schon im letzten Sommer eröffnete Quandt seinen 40 wichtigsten Mitarbeitern, das Konglomerat Varta müsse in drei Gesellschaften unterteilt werden. Die Varta AG solle ab August 1977 nur noch das angestammte Batteriegeschäft betreiben.

Die schwächliche Ceag dagegen muß unter der Regie des für ein Jahr an die Tochterfirma ausgeliehenen Quandt-Finanzchefs Eberhard von Heusinger die Solo-Rolle erst noch üben. Heusinger nach der ersten Inspektion: »Die müssen erst wieder das Sparen lernen.«

Die Lektion fing beim Personal an. In dem auf Beleuchtungssysteme spezialisierten Werk Soest mußten bereits 120 Ceag-Arbeitnehmer ihren Job quittieren. Bei der Hamburger Tochter Nordluft (Hauptprodukt: Abgasfilter) wurde die Lohnliste 80 Namen kürzer.

Auch die Neugründung Altana, die Quandts diverse Konsumgüterfirmen zusammenfaßt, hat matte Stellen. Vor allem die vor fünf Jahren gekaufte Traditionsfirma Mouson ("Haus der Postkutsche") mit ihrem Marken-Evergreen »Uralt Lavendel« blieb hoffnungslos bei 35 Millionen Mark Jahresumsatz stecken.

Als Volltreffer erwies sich dagegen die Übernahme der Diät- und Kinderkostfirma Milupa, die ihren Umsatz allein im letzten Jahr um 41 Prozent auf 250 Millionen Mark steigerte. Weil ihnen der deutsche Markt zu eng wurde, wollen die Milupa-Manager jetzt Babymilch und Kinderbrei nach Amerika exportieren.

Um so mühsamer läuft das Geschäft auf dem einst von Quandt beherrschten Batteriemarkt. Durch den Angriff der englischen Firma Chloride blieben die Hannoveraner bei Industrie-Batterien weiter in der Verlustzone hängen.

Auf dem noch gewinnträchtigen Markt für Haushalts-Batterien dagegen bedrängt der US-Chemiemulti Union Carbide die Quandt-Firma. Auf Anhieb eroberten die Amerikaner zehn Prozent Marktanteil -- und boten den Deutschen Verhandlungen über eine enge Zusammenarbeit an.

Zu solchen Manövern ist Quandt durch den Varta-Split besser gerüstet denn je. Auch die Aufnahme neuer Teilhaber, Fusionen und der Verkauf einzelner Varta-Komplexe wird für den Konzernherrn einfacher. Ein Quandt-Manager im Jargon seines Standes: »Die Vermögen werden wesentlich fungibler.«

immerhin ist der Verkauf von Firmen und Aktienpaketen für den schweigsamen Milliardär keineswegs ein. Tabu. Denn selbst nach dem spektakulären Verkauf seiner gemeinsam mit Schwägerin Inge verwalteten Daimler-Benz-Aktien an den Emir von Kuweit stehen dem Industrievermögen des Bad Homburger Großkapitalisten laut vertraulicher Evidenzliste der Frankfurter Bundesbank immer noch private Schulden von knapp 600 Millionen Mark gegenüber.

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