Reis-Preis Thailand will Lebensmittelkrise mit Kartell bekämpfen

Thailand in Not: Der Preis für Reis hat sich seit Jahresanfang verdreifacht. Das Land, weltgrößter Reisexporteur, will jetzt ein Kartell der Reis exportierenden Staaten gründen - eine Orec nach dem Vorbild der Opec. Burma, Laos und Kambodscha haben bereits Interesse signalisiert.


Hamburg - Der thailändische Handelsminister Mingkwan Saengsuwan plant Gespräche mit seinen Ministerkollegen in vier südostasiatischen Ländern, Laos, Vietnam, Kambodscha und Birma. Das teilte ein Regierungssprecher am heutigen Freitag in Bangkok mit. Die vier Staaten hätten bereits Interesse signalisiert, hieß es. Thailand ist der weltgrößte Reisexporteur.

Reisladungen (auf den Philippinen): Hilfe durch Preisabsprachen?
AFP

Reisladungen (auf den Philippinen): Hilfe durch Preisabsprachen?

"Obwohl wir das Nahrungsmittel-Zentrum der Welt sind, haben wir wenig Einfluss auf die Preise", sagte der Sprecher. Derzeit müsse Thailand teures Öl importieren und billigen Reis exportieren, was unfair sei und die Handelsbilanz verschlechtere. Vor dem Hintergrund weltweit steigender Lebensmittelpreise, Dürreperioden und einer höheren Nachfrage haben sich die Reispreise dieses Jahr verdreifacht. Seitdem Indien und Vietnam ihre Reisexporte eingeschränkt haben, hat sich die Situation weiter verschärft. Im vergangenen Januar kostete Reis in Thailand pro Tonne noch 383 Dollar; jetzt hat der Preis die 1000-Dollar-Marke überschritten.

Der Sprecher der thailändischen Regierung erklärte, erste Gespräche mit der Regierung von Burma hätten bereits stattgefunden. Vorbild für ein Reiskartell sei die Organisation Öl exportierender Länder (Opec), die über die Öl-Fördermengen entscheidet und so entscheidenden Einfluss auf die Preise nimmt. Eine Organisation Reis exportierender Länder würde dementsprechend ebenfalls auf die Preisentwicklung Einfluss nehmen.

Die Befürworter der Idee argumentieren, dass so sichergestellt werden könne, dass die Bauern von den steigenden Preisen des Grundnahrungsmittels profitieren. Die Gegner der Idee dagegen halten es für wenig wahrscheinlich, dass sich das Modell der Opec auf den Handel mit Reis übertragen lässt. Robert Zeigler, Direktor des Internationalen Reis-Instituts in Los Banos, Philippinen, erklärte, die Weltgemeinschaft müsse einen Weg finden, dass die Menschheit genügend zu essen habe. "Wir brauchen nur den politischen Willen." Ein Kartell halte er dagegen für unwahrscheinlich: "Reis wird von Millionen von Bauern auf einem, zwei, drei Hektar Land angebaut. Öl wird dagegen von wenigen multinationalen Konzernen produziert." Die Unterschiede seien daher so groß, dass man in der Reisproduktion nicht wie beim Öl mit einem Kartell arbeiten könnte.

Auch gibt es die Befürchtung, eine kleine Gruppe könne Macht über die weltweit insgesamt drei Milliarden Menschen erhalten, die sich mehr oder weniger hauptsächlich von Reis ernähren.

Warum die Lebensmittelpreise so hoch sind
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Neue Essgewohnheiten
In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.

Biokraftstoffe
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.

Spekulationen
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Schlechte Ernten
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.

In Indien erreichte die Inflation derweil wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise ein Rekordhoch: Sie wurde am heutigen Freitag bei 7,57 Prozent beziffert - so hoch wie seit 42 Monaten nicht mehr. Auch in Indien haben sich Lebensmittel in den vergangenen vier Monaten drastisch verteuert. Die konservative Hindu-Partei BJP rief zu nationalen Protesten auf. Indiens Finanzminister Palaniappan Chidambaram von der Kongresspartei rief dagegen zu Ruhe auf. Die Lebensmittelpreise würden bald wieder fallen, sagte er.

Tatsächlich scheint sich die Lage womöglich bald zu entspannen: Berichten zufolge erwarten Indien und Bangladesch für 2008 eine rekordverdächtige Reisernte. Auch die indonesische Regierung teilte mit, sie erwarte eine gute Reisproduktion, die - zusammen mit Importen - ausreichen werde, die 230 Millionen Menschen in dem Land zu ernähren.

kaz/AP



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