Reizthema Rente Die Legende von der Altersarmut

Mit der Entscheidung, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die Rentenbezüge zu kürzen, hat die Bundesregierung eine Welle der Empörung ausgelöst. Die Horrorvision von den verarmenden Alten geht allerdings an der Realität vorbei.
Von Carsten Matthäus



Verdi-Chef Frank Bsirske redet davon, DGB-Vize Ursula Engelen-Kefer hat sie im Repertoire, und mehrere Chefs der Sozialverbände stellen sie immer wieder in den Mittelpunkt ihrer Argumentation: die Angst vor der Altersarmut. Adolf Bauer, Präsident des Sozialverbandes Deutschland (SoVD), vermutet beispielsweise, das geplante Renten-Notprogramm der Regierung werde zu "neuer Altersarmut" führen.

Auf den großen Protestzug sind neben Kirchen, Gewerkschaften und Sozialverbänden auch noch die Globalisierungskritiker von attac aufgesprungen, die nun gemeinsam alle Register ziehen, um den "sozialen Kahlschlag" abzuwenden und den "Sparschweinen der Nation" zu Hilfe zu eilen.

Auch die andere Seite - will sagen die selbst ernannten Interessenvertreter der jungen Generation - hat das schaurig klingende Wort schon gelernt. So fordert Buchautor Bernd Klöckner ("Wie die Alten die Jungen abkassieren", Eichborn Verlag), dass die Alten ab sofort weniger bezahlt bekommen, damit die Jungen später nicht in die Altersarmut abrutschen. Unvergessen natürlich auch die peinliche Hüftgelenk-Attacke von Philipp Missfelder, Chef der Jungen Union. Er regte an, Operationen an diesem Körperteil bei über 85-jährigen sein zu lassen, um Geld für schwere Zeiten zu sparen.

Die Panikmacher beider Seiten sollten das Wort "Altersarmut" besser völlig aus ihrem Vokabular streichen. Renten-Experten weisen immer wieder darauf hin, dass die Geschichte von der armen alten Frau nicht mehr ist als ein Klischee. "Altersarmut als Massenphänomen gibt es nicht mehr", sagt beispielsweise Bernd Katzenstein, Sprecher des Instituts für Altersvorsorge. Auch Franz Ruland, Chef des Verbandes der Rentenversicherungsträger (VdR), sagte kürzlich in einem Interview, die Altersarmut sei in Deutschland kein Problem mehr.

Wie unsinnig das Gerede von der Altersarmut ist, zeigt schon ein Blick in die Statistik. Am Jahresende 2001, so das Statistische Bundesamt, gehörten 1,4 Prozent der über 65-Jährigen zu den Sozialhilfeempfängern. Die Quote der Gesamtbevölkerung lag mit 3,3 Prozent mehr als doppelt so hoch. Die Altersgruppe mit dem höchsten Anteil an Sozialhilfeempfängern waren mit 6,4 Prozent Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt das Sozio-ökonomische Panel SOEP in einer Untersuchung aus dem Jahr 2000. Danach ist die Armutsquote von Kindern bis zehn Jahren in Deutschland etwa dreimal so hoch wie die der Älteren von mehr als 70 Jahren. In Ostdeutschland kommen die Statistiker sogar auf ein Verhältnis von fünf zu eins. Fazit im "Datenreport 2002": "Mit zunehmendem Alter sinkt die Betroffenheit von Armut und Niedrigeinkommen."

Völlig unsachlich ist es zudem, die Höhe der Renten mit dem Einkommen der Rentner gleichzusetzen. So weist die Sprecherin des Sozialverbandes VdK darauf hin, dass die Hälfte der Rentner lediglich eine Altersversorgung von bis zu 1000 Euro beziehen. Sie zieht daraus den Schluss: "Für viele geht es jetzt ans Eingemachte." Dabei unterschlägt sie wie die meisten Empörten, dass die Rente natürlich längst nicht die einzige Einkommensquelle ist. Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge macht das Altersruhegeld durchschnittlich etwa 80 Prozent der Einkünfte aus, ein weiteres Fünftel kommt aus anderen privaten oder betrieblichen Einkünften. Hinzu kommt, dass Rentner eine ungleich niedrigere Belastung mit Steuern und Sozialabgaben haben.

Ein sinnvoller Vergleich, der allerdings weit weniger spektakulär ausfällt, ist die Betrachtung der Netto-Jahreseinkommen, wie sie das Statistische Bundesamt mit Zahlen für das Jahr 2000 geliefert hat. Die Statistiker haben errechnet, wie viel jedem Haushaltsmitglied im Jahr für Konsum und Sparen zur Verfügung steht. Der Durchschnitt in Deutschland liegt hier bei 14.300 Euro, Renter kommen auf 12.600 Euro, Pensionäre sogar auf 16.300 Euro. Zum Vergleich: Der Durchschnitt aller Arbeitnehmer - also der Beitragszahler - liegt bei 13.200 Euro. Von einer Annäherung der Einkommenssituation der Rentner an die der Sozialhilfeempfänger, die sich pro Kopf im Jahr mit 5700 begnügen müssen, kann nach dieser Rechnung überhaupt keine Rede sein.

Nicht viel schlauer ist es, das Gespenst der Altersarmut unter den heutigen Beitragszahlern umgehen zu lassen - nach dem Motto: "Weil immer weniger Beitragszahler für immer mehr Rentner zahlen müssen, rutschen die Rentner von übermorgen in den sozialen Abgrund." Dabei wird außen vor gelassen, dass die kommende Rentnergeneration von völlig anderen Voraussetzungen ausgeht als die jetzige. Die Jungen profitieren nämlich nicht unerheblich vom Arbeitseifer der jetzigen Ruheständler. Fachleuten zufolge werden in Deutschland 200 Milliarden Euro vererbt - pro Jahr.