Rekordboni für Investmentbanker $o $chön war$ noch nie

Dass Investmentbanker in New York, London und Frankfurt zum Jahresende schwindelerregend hohe Boni einstreichen, ist nichts Neues. In diesem Jahr aber sind die Zahlungen üppig wie nie. In London wurde gar kolportiert, ein Banker von Goldman Sachs habe 51 Millionen Pfund extra bekommen - nur wer?

Von und Rita Syre, Frankfurt am Main


Hamburg/Frankfurt am Main - Das Revolverblatt "New York Post" verließ sich auf die Macht der kruden Zeichensprache. In der vergangenen Woche illustrierte es eine Titelgeschichte über den Bonussegen an der Wall Street mit dem Symbolbild eines Bankers, der Zigarre pafft. In der Hand hält der Mann ein Bündel Dollarnoten. Daneben standen als Überschrift schlicht die Wörter "Goldmine $achs".

Spott und Sarkasmus, Neid oder Gier - die diesjährige Bonus-Saison bei den Investmentbanken in Manhattan, London und Frankfurt am Main weckt Emotionen, die noch weit heftiger ausfallen als in den Jahren zuvor. Denn die sonst schon üppig gefüllten Töpfe für erfolgsabhängige Sonderzahlungen sind in diesem Jahr auf ein Rekordmaß angeschwollen.

Das gilt vor allem, aber nicht nur, für Goldman Sachs Chart zeigen. Nach einem Rekordjahr mit fast zehn Milliarden Dollar Reingewinn gibt's beim Edel-Geldhaus so viel zu verteilen wie nie zuvor. Doch auch bei Konkurrenten wie Morgan Stanley Chart zeigenoder Merrill Lynch Chart zeigenbekommen die Toptalente auf einen Schlag Sonderzahlungen, wie sie mancher Normalentlohnte in einem 30-jährigen Erwerbsleben nicht zusammenverdient.

Ein 100-Millionen-Mann?

Anfang der Woche verblüffte der oberste Finanzbeamte New Yorks mit einer Prognose: Alle Wall-Street-Banken zusammen würden 2006 voraussichtlich 23,9 Milliarden Dollar an Boni ausschütten, weissagte er. Allein bei Goldman bekommen Banker und Broker die astronomisch wirkende Summe von insgesamt 16,5 Milliarden Dollar - nie zuvor hat eine Finanzfirma in Manhattan so viel Geld auf einmal unter ihre Leute gebracht. Im Schnitt gibt es für jeden der Goldmänner 622.000 Dollar Sonderleistung - mit zahlreichen kräftigen Ausreißern nach oben.

Der prominenteste Goldjunge ist - natürlich - der Bankchef höchstselbst: Lloyd Blankfein, 52, erhält für 2006 gut 54 Millionen Dollar. Zu 600.000 Dollar Grundgehalt kommen 27,3 Millionen Dollar Bonus, Aktien im Wert von 15,7 Millionen und Optionen für 10,5 Millionen. Obwohl erst seit einem halben Jahr in seinem Führungsamt, verdient Blankfein damit schon mehr als John Mack vom Konkurrenten Morgan Stanley - Mack amtiert immerhin seit Sommer 2005 und bekommt für 2006 rund 41 Millionen Dollar.

Es geht offenbar noch üppiger: In Londoner Finanzkreisen jedenfalls wird kolportiert, ein einzelner Goldman-Banker erhalte einen Bonus in Höhe von 51 Millionen Pfund, umgerechnet 100 Millionen Dollar - das wäre ein neuer Rekord in der langen Geschichte der City. Seitdem rätseln die Finanzarbeiter der Stadt: Stimmt die Zahl? Und wenn ja - wer ist der ungenannte Bonus-Meister?

"Offenkundig ist eine 100-Millionen-Dollar-Auszahlung nicht so ungewöhnlich, wie manche gedacht haben", zitiert die "New York Post" eine ungenannte Quelle bei Goldman. Erst hieß es, der Händler Driss Ben-Brahim habe die Superzahlung abgesahnt. Dann wurde der gebürtige Franzose Pierre-Henri Flamand ins Gespräch gebracht, der für Goldman einen Hedgefonds managt. Beide Gerüchte wurden inzwischen zurückgewiesen.

Britischen Zeitungen zufolge ist der Verdacht nun auf Morgan Sze gefallen, einen Händler aus Hongkong. Ein Goldman-Sprecher dementierte auch dieses Gerücht. "Es gibt niemanden, der auch nur ansatzweise in die Nähe der 100 Millionen kommt", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Er könne allerdings auch "nicht ausschließen", dass es bei Goldman noch jemanden gebe, der "geringfügig" mehr erhalte als Bankchef Blankfein.

"Optimale Bedingungen" für die Stars ...

Auch die Investmentbanker aus Frankfurt können sich auf einen Geldregen freuen. Headhunter Tim Zühlke vom auf Investmentbanking spezialisierten Berater Smith & Jessen schätzt, dass die Bonuspools im Schnitt um 15 Prozent besser ausgestattet sind als im Jahr zuvor.

Die Topverdiener der Saison seien die Eigenhändler der Banken. Nach Zühlkes Schätzung erhalten die Spitzentalente bei den Ablegern von Goldman, Merrill Lynch oder Lehman Brothers Bonuszahlungen von 20 bis 30 Millionen Euro. "Die Banken müssen diesen Stars optimale Bedingungen bieten, wozu auch eine Topbezahlung gehört", sagt er. Denn sonst würden die Banker rasch zur Konkurrenz wechseln oder sich selbstständig machen.

Wen wundert's angesichts der Boni-Extravaganzen, dass mancher neidisch und mancher übermütig wird. Schon vertraute ein City-Banker der "Sunday Times" an: "Diese Goldman-Sache ist ein Alptraum. Vor meiner Tür steht eine Schlange 25-Jähriger, die mir erzählen, dass 200.000 Pfund nicht genug für sie sind."

Dabei könnte die Zeit der babylonisch üppigen Boni schon 2007 wieder enden. Headhunter Zühlke jedenfalls ist sich sicher: "Bei den Bonuszahlungen ist 2006 der Peak erreicht" - im kommenden Jahr würden die Zahlungen wohl niedriger ausfallen. Die Prognosen der Banken für die Entwicklung der Finanzmärkte seien jedenfalls vorsichtiger. "Die Investmentbanken erwarten eine Beruhigung", sagt Zühlke.

... ein Fußtritt für die "Underperformer"

Nicht nur wegen der Höhe der Bonuszahlungen sind die Wochen zwischen Dezember und Januar spannend - es ist auch die Zeit der Entlassungen, das ist in Frankfurt nicht anders als in New York oder London. "Wenn es keinen Bonus gibt, folgt oftmals kurze Zeit später die Kündigung", berichtet der Personalberater. Wer bei der jährlichen Leistungsprüfung in der Rubrik "Underperformer" eingestuft wird, dessen Tage sind gezählt.

Vor allem das mittlere Management habe in diesem Jahr die "Kündigung per Bonus-Entzug" erhalten, beobachtet Zühlke. Denn trotz der Rekordgewinne werden weiter die Kosten gesenkt. Deshalb habe man sich auch vom Gießkannenprinzip bei der Verteilung der Zahlungen verabschiedet und setze voll auf das Leistungsprinzip. Motto: Wer viel Geld für die Bank verdient, bekommt auch eine hohe Bonuszahlung.

Fest steht also: Wer in diesem Winter keinen Bonus bekommt, hat langsam Anlass, nervös zu werden.



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