Rentenbericht Müntefering ruft zum Sparen sparen auf

Der Rentenbericht der Bundesregierung ist ein Katalog der Grausamkeiten. Trotzdem übt sich Sozialminister Franz Müntefering in Zuversicht - wer fleißig privat vorsorge, müsse im Rentenalter nicht darben.

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Berlin - Es war der Geist der siebziger Jahre, den Franz Müntefering heute während der Vorstellung des Rentenberichts beschwor. "Man bekam zum 18. Geburtstag einen Bausparvertrag geschenkt, oder man schloss selbst einen ab", erinnerte sich der Sozialminister. Den Wunsch nach den eigenen vier Wänden verlor damals niemand aus den Augen.

Sozialminister Müntefering: Rentner sind gut versorgt
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Sozialminister Müntefering: Rentner sind gut versorgt

Die Orientierung auf die Zukunft will Müntefering jetzt wieder schärfen - weniger im Hinblick auf die Errichtung eines Eigenheims allerdings, sondern vielmehr auf die finanzielle Absicherung im Alter. Denn eines stellt der heute im Kabinett verabschiedete Rentenversicherungsbericht unmissverständlich fest: "In Zukunft wird seinen Lebensstandard nur erhalten können, wer die finanziellen Spielräume des Alterseinkünftegesetzes und staatliche Förderung nutzt, um eine private Vorsorge aufzubauen."

Die Rente allein wird dem Bericht zufolge für einen kommoden Ruhestand kaum noch reichen. Eine Kürzung schließt die Bundesregierung bis 2009 zwar aus, doch selbst die Festschreibung des bisherigen Niveaus gibt es nur auf Kredit: Ein sogenannter Nachholfaktor soll ab 2012 greifen und einen Teil der dann zu erwartenden Rentensteigerungen kassieren. Real müssen die Ruheständler also auch in Zukunft mit Einbußen rechnen, weil die Inflation einen Teil der Kaufkraft wegfrisst.

Ab 2009 dann wird's auch für die Berufstätigen ungemütlich. Wer dann in den Ruhestand geht, kann nur noch mit einer gesetzlich Mindestrente in Höhe von 49,9 Prozent des allgemeinen Durchschnittsgehalts rechnen - nach Sozialabgaben und vor Steuern. Bislang garantiert der Staat 52,2 Prozent, von 2019 an soll dieser Wert noch einmal auf 46,3 Prozent abgesenkt werden.

Ab 2009 sinkt die gesetzliche Mindestrente

Und damit ist die Liste der Grausamkeiten noch keineswegs vollständig. So ist der Anstieg der Altersgrenze zumindest koalitionsintern bereits beschlossene Sache. Vom Jahr 2012 an wird sie schrittweise heraufgesetzt. Ab 2029 dann gilt für alle ein Rentenalter von 67 Jahren, es sei denn man hat schon vorher 45 Berufsjahre auf dem Buckel.

Trotzdem soll der Beitragssatz schon 2007 wieder steigen - von 19,5 auf 19,9 Prozent. Erst ab 2013 ist leichte Entspannung in Sicht. Allerdings bleibt für das Jahr 2008 nach derzeitiger Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung eine Finanzlücke von 600 Millionen Euro. Sie soll - wenn erforderlich - durch eine Zahlung aus dem Bundeshaushalt geschlossen werden. Noch leistet Finanzminister Peer Steinbrück massiven Widerstand gegen diese Pläne. Die endgültige Entscheidung soll erst im Sommer 2007 fallen.

Gleichwohl gibt sich Müntefering überzeugt davon, dass die Rentner auch in Zukunft nicht schlechter wegkommen werden. Voraussetzung sei allerdings, dass konsequent in die private Altersvorsorge investiert werde. Ermutigend sei in diesem Zusammenhang der steigende Anteil der Arbeitnehmer, die über eine Betriebsrente abgesichert seien - ein Erfolg der sogenannten Entgeltumwandlung, bei der Arbeitnehmer vier Prozent des Bruttolohns steuer- und Abgabenfrei zurücklegen können.

Keine Pflicht zur Riesterrente

Zwar bleibe die gesetzliche Rente auch künftig "das wichtigste Alterssicherungssystem für die Bevölkerung", versicherte Müntefering. "Die Menschen müssen zusätzlich privat für ihr Alter vorsorgen", fügte er aber hinzu. Eine Pflicht zu einer solchen Privatvorsorge solle es jedoch zunächst weiterhin nicht geben. Stattdessen sei vorgesehen, die sogenannte Riester-Rente ab 2008 für Familien attraktiver zu machen, etwa durch einen höheren Kinderzuschlag. Dagegen solle die Entgeltumwandlung, ein wichtiges Instrument zur Förderung betrieblicher Zusatzversorgung, nach jetzigem Stand wie geplant 2008 auslaufen.

Rund zehn Prozent des Bruttoeinkommens müssten die Arbeitnehmer sparen, um die Einbußen zu kompensieren, rechnen die Statistiker vor, etwa durch einen Riester-Sparvertrag oder den Kauf einer Immobilie. Doch eine solche Quote bleibt reines Wunschdenken. Bislang haben lediglich 4,7 Millionen Arbeitnehmer einen Riestervertrag unterschrieben. Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Postbank legen die wenigsten Geld für das Alter zurück. Insbesondere die Unter-30-Jährigen schätzten die Aussichten in der Zukunft völlig falsch ein.

Sorgen bereiten auch die Geringverdiener. Bei ihnen ist die Quote der Riester-Sparer besonders gering. Grund dafür ist aber nicht allein Sorglosigkeit oder fehlende Information - häufig bleibt den Haushalten am Ende eines Monats einfach kein Geld mehr übrig.

Angesichts dieser Situation befürchten nicht nur die Vertreter der Sozialverbände Verwerfungen im sozialen Gefüge. "Die Rentner werden die großen Verlierer der Großen Koalition sein", kritisierte VdK-Präsident Walter Hirrlinger die Pläne. Der Sozialbeirat unter Führung des Wirtschaftsweisen Bert Rürup unterstützt zwar im Prinzip die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters, doch ohne flankierende Maßnahmen zur Förderung der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer bedeute sie nichts anderes als eine versteckte Rentenkürzung.



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