Report Geheimverhandlungen über irakische Ölreserven

Einige britische und amerikanische Ölkonzerne sind auf dem besten Wege, die lukrative Ölförderung im Irak unter ihre Kontrolle zu bringen. Das ergab eine Studie mehrerer politischer Organisationen. Für den Irak könnte das Einnahmenverluste in Milliardenhöhe bedeuten.


Hamburg - Bereits vor einiger Zeit hatte die irakische Regierung angekündigt, ausländische Investoren für die Förderung irakischen Öls suchen zu wollen. Allerdings wollten die Verantwortlichen damit eigentlich bis nach den Parlamentswahlen im Dezember warten. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass eine offene Debatte über die Konditionen für die lukrativen Investitionen stattfinden kann.

Brennende Ölpipeline im Irak: Durch Krieg und Sanktionen völlig zerstört
AP

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Einer Studie zufolge verhandeln Vertreter des Ölministeriums in Bagdad jedoch längst im Geheimen mit ausländischen, vor allem britischen und amerikanischen Ölkonzernen wie BP und ChevronTexaco. Der Report wurde gemeinsam von mehreren Organisationen wie War on Want, Platform und die New Economics Foundation veröffentlicht.

Derzeit würde über sogenannte Production Sharing Agreements (PSA) verhandelt - Verträge, die die Nutzungsrechte für die Reserven für 20 bis 40 Jahre den Konzernen überlassen. In den Gesprächen gehe es um rund 60 bisher noch nicht erschlossene Ölfelder, die fast 64 Prozent der irakischen Ölreserven bergen. Der Irak sei kurz davor, die noch nicht erschlossenen Erdölfelder für Jahrzehnte in die Kontrolle der großen Ölmultis zu geben. Das Land tappe in eine "alte koloniale Falle", warnt der Bericht.

Man habe zahlreiche Beweise, dass die amerikanische und die britische Regierung massiven Druck auf den Irak ausübten, erklären die Verfasser des Reports. "Unter dem Einfluss der USA und Großbritanniens machen mächtige irakische Politiker und Technokraten Druck, damit alle noch nicht erschlossenen Ölfelder an multinationale Ölkonzerne übergeben werden", sagte der Autor des Reports, Greg Muttitt von der Gruppe Platform.

Sollten die Verträge über die Nutzungsrechte tatsächlich wie geplant abgeschlossen werden, würde der Irak der Studie zufolge auf Einnahmen zwischen 74 und 194 Milliarden Dollar verzichten - bei einem angenommenen Weltmarktpreis von 40 Dollar pro Fass Öl. Derzeit kostet ein Fass fast 20 Dollar mehr. Die PSA zur Nutzung der irakischen Ölreserven habe das US State Department bereits vor der amerikanischen Invasion vorgeschlagen.

"Wir brauchen solche Verträge"

"Die Menschen werden sich immer stärker darüber bewusst, dass es beim Irakkrieg um Öl, Profite und Plünderung ging. Obwohl Politiker das als Verschwörungstheorie bezeichnen, zeigt unser Report detailliert, dass die Profite gut in die Pläne der Öl-Multis passen", erklärte Louise Richard, Geschäftsführerin der Organisation War on Want.

Ein Sprecher des britischen Außenministeriums erklärte dagegen, die irakische Ölindustrie benötige dringend zahlungskräftige Investoren. Schließlich habe sie jahrelang unter der Herrschaft Saddam Husseins, unter den Sanktionen der Uno und unter Plünderungen und Anschlägen gelitten. "Die irakischen Autoritäten haben klargemacht, dass die Entscheidung über diese Angelegenheit in ihrer Hand liegt, aber sie verstehen, dass eine Menge an Investitionen nötig ist." Es sei nicht überraschend, dass der Irak ausländische Fachleute zu Rate ziehe, um die Schlüsselindustrie des Landes wieder auf Vordermann zu bringen.

Auch der irakische Vize-Premier Ahmed Tschalabi verwies auf die Notwendigkeit des Know-how-Imports: "Um die Ölförderung in großen Ausmaß zu steigern, brauchen wir Production Sharing Agreements."

Die angeblichen Beweise des Reports über Geheimverhandlungen mit den Konzernen seien aus dem Zusammenhang gerissen, erklärte zudem Shamkhi Faraj, einer der für die irakische Ölindustrie Verantwortlichen: "Wir sind längst nicht so weit in den Verhandlungen, und wenn wir es sind, dann wird alles für offene Ausschreibungen und Diskussionen getan werden. Jeder, der will, wird daran teilnehmen können."



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