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GELDANLAGEN Rezession bei Irma

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft fahndet nach dem geflüchteten Bauund Bordellunternehmer Kurt Kohls. Sein Freudenhauskonzern, in den feinste Bürgerkreise 27,1 Millionen Mark investierten, ist pleite.
aus DER SPIEGEL 49/1974

Drei Jahre lang lebte der leichtfüßige Ulmer Geschäftsmann Kurt Kohls, 47, von Luft. Liebe und dem Geld gutgläubiger Spekulanten, die seinem Spruch vertrauten: »Irma la Douce kennt keine Rezession.«

Als sich die Kommanditisten seiner Hauptgesellschaft »Annabella Liegenschaften KG« kürzlich im Ulmer Bahnhofshotel zur ersten Hauptversammlung trafen, warteten sie vergeblich auf den fröhlichen Optimisten.

Der Impresario des größten deutschen Bordellkonzerns, der in Hannover, Konstanz, Kaiserslautern sowie in Österreich fünf luxuriöse Freudenhäuser betrieb, war nach mehreren saftigen Pleiten in der Bau- und Vergnügungsbranche über die Pyrenäen entschwunden.

Auch seine Geschäftsführerin Helga Fetscher war am Erscheinen verhindert. Die Ulmer Justiz hatte die brünette Prokuristin kurz zuvor wegen Verdunkelungsgefahr eingelocht, weil Frau Fetscher sich standhaft geweigert hatte, das Versteck ihres gestrauchelten Chefs zu verraten. So gedieh das Gesellschaftertreffen der Freudenhausbesitzer eher freudlos. »Eins ist klar«. resümierte der eilig bestellte Notgeschäftsführer Kurt Steffen. Vermögensberater aus Stuttgart, »wir befinden uns in einer sehr belämmerten Situation.«

Noch vor einem Jahr waren die 331 Gesellschafter überzeugt, ihr Geld einem zwar anrüchigen. aber einträglichen Wachstumsunternehmen anvertraut zu haben. Mit insgesamt 27,1 Millionen Mark beteiligten sich vorwiegend Bürger gehobenen Standes an dem Puff-Investment -- Rechtsanwälte, Mediziner. Steuerberater, sogar mehrere Geistliche, ein Schweizer Multimillionär, aber auch eine Gemüsekrämerin vom Münchner Viktualienmarkt.

Die Keßheit. mit der Kohls für seine Etablissements geworben hatte. bescherte ihm ein weltweites Echo. Selbst das angesehene »Wall Street Journal« stellte die kühne Prognose: »Ein besserer Kauf als Börsenpapiere«

Der Ulmer Finanzmanager halbierte die Einlagen in Darlehen, die er mit zwölf Prozent zu verzinsen versprach. und in Kommanditanteile, die etwa 20 Prozent Gewinn bringen sollten.

Stolz ließ sich der Sex-Geschäftsmann von der Boulevardpresse als Entkriminalisierer« des Dirnengewerbes feiern -- als Kavalier mit sozialem Empfinden, der einen modernen Hetärentyp züchte: die »Erosteß«, die in der modernen pluralistischen Gesellschaft eine ebenso wichtige Funktion erfülle wie etwa die Hosteß oder Stewardeß.

Hochbezahlte Public-Relations-Claqueure verbreiteten Phantasiemeldungen, in denen es hieß, der Freudenhaus-Reformer sei im Begriff, eine weltweite Annabella-Kette von Alaska bis Zagreb aufzuziehen. In Jugoslawien und Ungarn seien die obersten Fremdenverkehrsfunktionäre ganz versessen darauf, sich von Kohls Nobelpuffs einrichten zu lassen.

Tatsächlich kam der windige Unternehmer außerhalb der Bundesrepublik nur im österreichischen Linz zum Zuge. wo der Landwirt Alois Weichselbaumer eine Duldungslizenz erhielt. Zwar warb der Agrarier in Linz zwei Dutzend Annabellen an. Aber deren teure Reize waren in dem Provinznest nicht sehr gefragt.

Bei seiner Wirtschaftlichkeitsberechnung war Kohls davon ausgegangen. daß die Erostessen monatlich 8000 bis 10 000 Mark einstrichen und davon pro Tag 75 bis 130 Mark für Logis und Kost zahlten. In Konstanz schafften manche Damen sogar für 20 000 Mark im Monat an, wenn genügend Schweizer Grenzgänger sie beglückten.

Das entsprach dem Liebeslohn für rund 100 Stunden in einem Annabella-Appartement denn für jede halbe Arbeitsstunde sollten die Girls laut Preisliste durchschnittlich 100 Mark verlangen. Doch immer häufiger land Kohls. daß die Konkurrenz in den rund 100 anderen Häusern der Bundesrepublik billiger arbeitete.

Ernstlich gefährdet wurden seine Etablissements durch das reichhaltige Angebot der vielen Masseusen. Modelle und Herren-Kosmetikerinnen. die ihren ambulanten Service in »Bild« und anderen Boulevardblättern anpriesen

Als Kohls schließlich merkte, daß es mit ihm steil abwärts ging. flog er nach Beirut, um mehreren Ölscheichs Annabella-Beteiligungen anzubieten. Aber die verwöhnten Herren lehnten ab.

Schließlich konnte sich Kohls vor Zahlungsbefehlen und Gläubigerforderungen kaum noch retten. Mit etwa vier Millionen Mark Handwerker- und Lieferantenschulden ist allein das Linzer Haus belastet, weit mehr als das Haus tatsächlich wert ist. Die erbosten Österreicher wollen deshalb in Kürze an die Annabella-Häuser in Hannover und Konstanz heran und die deutschen Kohls-Objekte pfänden lassen.

Um den deutschen Gesellschaftern wenigstens einen Rest zu sichern -- etwa ein Viertel der Einlage ist als Grundschuld auf die deutschen Annabellen eingetragen -, versuchte Notgeschäftsführer Steffen, die Freudenhäuser zu verkaufen, »aber es meldeten sich nur Leichenfledderer. Jetzt bleibt nur noch der Konkurs« (Steffen).

Vor dem Gang zum Gericht will der Stuttgarter Finanzkaufmann noch versuchen, Geldverstecke aufzuspüren. Buchprüfer haben nämlich festgestellt, daß Kohls von den ihm anvertrauten 27,1 Millionen Mark mehrere Millionen auf die Konten zweier dubioser Briefkastenfirmen -- »Technical« und »Alltrading Anstalt« -- transferierte.

Außerdem genehmigte er sich aus den Annabella-Kapitaleinlagen heimlich einen 2,1-Millionen-Mark-Kredit, um seine schwachen Bauträgerfirmen »Treuco« und »Kohls Kredit KG« zu stützen. Beide Firmen gingen im August mit Bauruinen und überschuldeten Eigentumswohnungen in Konkurs. Eine weitere Millionenpleite baute der doppelbödige Unternehmer mit einer dritten Gesellschaft in der Schwarzwald-Stadt Villingen-Schwenningen, nachdem ein enttäuschter Jugoslawe die Sex-Insel »Panorama« angezündet hatte.

Resigniert flippte Kohls in ein vorbereitetes Asyl nach Andorra aus, wo ihn seine Gläubiger bisher nicht entdecken konnten. Seine treue Prokuristin und zugleich beste Freundin Helga Fetscher trauert um ihn derweil im Ulmer Untersuchungsgefängnis, wohl wissend: »Die goldenen Zeiten sind vorbei. Auch Irma la Douce hat jetzt Rezession.«

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