Rezession DIW verzichtet auf Konjunkturprognose für 2010

Fast täglich übertreffen sich Ökonomen mit Hiobsbotschaften - jetzt setzt eine der wichtigsten Institutionen einen Kontrapunkt: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung will keine Prognose für 2010 abgeben. Die Branche befinde sich in einem "Erklärungsnotstand".


Berlin - Die wirtschaftliche Lage ist gegenwärtig von extremen Unsicherheiten geprägt. Deshalb sei eine quantitative Konjunkturprognose für das kommende Jahr "nicht sinnvoll", sagte Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In der für Mittwoch angekündigten Frühjahrsanalyse werde das DIW demnach keine bezifferte Vorhersage für 2010 machen.

Hamburger "Hafen-City": Industrieumsätze dramatisch eingebroch
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"Seit der Verschärfung der Finanzkrise laufen alle Vorhersagen der tatsächlichen Entwicklung drastisch hinterher", sagte Zimmermann. Sämtliche Institute - inklusive des DIW Berlin - hätten die Entwicklung in ihrer Dramatik nicht vorausgesehen. Die Makroökonomik befinde sich "in einem Erklärungsnotstand". Zimmermann hatte bereits im Herbst für den zeitweiligen Verzicht auf Wachstumsprognosen plädiert.

Aktuelle Umsatzdaten versprechen derzeit keine Besserung der Lage: Die Industrieumsätze brachen im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat saison- und arbeitstäglich bereinigt um 23,3 Prozent ein, teilte das Statistische Bundesamt mit. Dies ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Berechnungen im Jahr 1991.

Gegenüber dem Januar verringerte sich der um Saison- und Kalendereffekte bereinigte Industrie-Umsatz um 4,3 Prozent. Dabei sank das Inlandsgeschäft um 4,6 Prozent, der Auslandsumsatz ging um 3,8 Prozent zurück.

IG Metall weist Verschiebung von Lohnerhöhungen zurück

Wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten hatte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in der "Bild"-Zeitung angekündigt, dass bis zu 50 Prozent der insgesamt 3,6 Millionen Beschäftigten die Erhöhung erst später bekämen. Die Arbeitgeber beriefen sich dabei auf eine Tarifvertragsklausel, die es Betrieben in Schwierigkeiten erlaubt, die vereinbarte Erhöhung von 2,1 Prozent um sieben Monate zu verschieben. Von dieser Klausel wollten "schätzungsweise bis zur Hälfte der Firmen und Beschäftigten Gebrauch machen."

Nach Ansicht der IG Metall ist eine Verschiebung der Lohnerhöhung in den meisten Fällen jedoch nicht nötig. "Wir wissen, dass ein großer Teil der Arbeitgeber die Verschiebung will, aber ob sie im Einzelfall sinnvoll ist, das ist eine ganz andere Frage", sagte der Frankfurter Bezirkschef Armin Schild dem Sender MDR Info.

In seinem Bezirk, der Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland umfasse, spielten etwa 25 bis 50 Prozent der Arbeitgeber mit dem Gedanken, eine Verschiebung der Tariferhöhung zu beantragen. Er gehe aber davon aus, "dass es am Ende in weit weniger Fällen dazu kommt". Der Tarifvertrag sehe eine Verschiebung im Einzelfall vor. Diese Möglichkeit für den Einzelfall dürfe jetzt nicht zu einer flächendeckenden Regel werden.

Ölpreis sinkt zeitweise unter 50 Dollar

Die weltweit nachlassende Wirtschaftstätigkeit hat allerdings auch einen positiven Nebeneffekt: Der Preis für ein Barrel Rohöl der US-Referenzsorte West Texas Intermediate sank am Dienstag zeitweise unter 50 Dollar. Im späten Vormittagshandel setzte dann aber wieder eine Erholung ein. Der Preis stieg auf rund 50,50 Dollar und damit auf 46 Cent mehr als am Vortag.

Unterdessen verharrte der Preis für Rohöl der Nordseesorte Brent nach wie vor deutlich über der Marke von 50 Dollar. An der Rohstoffbörse in London kostete ein Fass 53,98 Dollar und damit 97 Cent mehr als am Vortag. Laut der jüngsten Prognose erwartet die Internationale Energieagentur (IEA) im laufenden Jahr einen Ölverbrauch von 83,4 Millionen Barrel pro Tag. Das sind 2,4 Millionen Barrel pro Tag weniger als im Vorjahr. Rohstoffexperte Eugen Weinberg von der Commerzbank nannte dies "eine sehr negative Überraschung".

Mit der IEA-Schätzung werde es für die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) sehr schwer, den Ölmarkt zu stabilisieren und die Preise in Richtung von 70 Dollar zu bewegen, sagte Weinberg. Die Experten der Commerzbank erwarten aber dennoch, dass die bisherigen Kürzungen der Opec-Fördermenge an Rohöl und eine Stabilisierung der Weltwirtschaft zum Jahresende ausreichen, die Ölpreise im Verlauf des Jahres wieder in die Nähe der Marke von 70 Dollar steigen zu lassen.

cte/AP/dpa-AFX



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