Rezession Europas Wirtschaft hofft auf Ende der Talfahrt

Europa hofft auf ein Ende der Wirtschaftskrise, Experten sehen ein Ende des Abschwungs in den kommenden sechs Monaten. Doch noch hat die Rezession die Staaten fest im Griff: Die Industrieproduktion bricht ein, die Zahl der Pleiten nimmt zu.


München/London - Die Stimmung der europäischen Wirtschaft hellt sich auf: Nach sechs Rückgängen in Folge stieg der Indikator für das Wirtschaftsklima im Euro-Raum im zweiten Quartal von 45,8 auf 55,1 Punkte, teilte das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung am Mittwoch mit. Das entspricht dem ersten Anstieg seit Sommer 2007.

Bauarbeiten in Düsseldorf: Aktuelle Wirtschaftslage wird schlecht beurteilt
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Bauarbeiten in Düsseldorf: Aktuelle Wirtschaftslage wird schlecht beurteilt

Das Wirtschaftsklima für den Euro-Raum wird viermal im Jahr durch die Befragung von Volkswirten aus multinationalen Unternehmen und internationalen Institutionen ermittelt. Bei der jüngsten Umfrage haben die Beobachter die aktuelle Situation in allen Ländern des Euro-Raums allerdings weiterhin als ausgesprochen ungünstig beurteilt, hieß es. "Die Urteile zur gegenwärtigen Wirtschaftslage haben sich weiter verschlechtert und markieren einen neuen historischen Tiefstand", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Verbesserung in den kommenden Monaten

Der Ifo-Index für die derzeitige Lage brach entsprechend von 41,1 auf 29,9 Punkte ein. Die Zukunftserwartungen haben sich dagegen in fast allen Ländern außer Griechenland verbessert, entsprechend kletterte der Erwartungsindex von 49,6 auf 76,0 Punkte.

Die Inflationsprognosen lägen mit 1,0 Prozent im Jahresdurchschnitt deutlich unter der Zielmarke der Europäischen Zentralbank. Im Laufe der nächsten sechs Monate wird die Geldentwertung weiter sinken. Dollar und Yen seien im Vergleich zum Euro angemessen bewertet, das britische Pfund dagegen sei inzwischen unterbewertet.

Einbruch in der Industrie

Tatsächlich belegen aktuelle Konjunkturdaten, dass die derzeitige Situation in Europa weiter von Unsicherheit geprägt bleibt. Dafür spricht der Absturz der Industrie. Wegen der anhaltenden Auftragsflaute drosselte die Firmen im Euro-Raum ihre Produktion im März in Rekordtempo. Die Unternehmen stellten 20,2 Prozent weniger her als vor einem Jahr, wie Eurostat mitteilte. Verglichen mit dem Vormonat sank die Produktion um zwei Prozent und damit doppelt so stark wie erwartet.

"Die Zahlen bestätigen, dass sich die Rezession zu Jahresbeginn verschärft hat", sagte Volkswirt Ben May von Capital Economics. Erwartet wird ein Minus von zwei Prozent. Die Daten werden an diesem Freitag veröffentlicht. Die Industrie macht etwa 17 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus.

Großbritannien warnt vor schwerer Rezession

In Großbritannien sei die Rezession schlimmer als befürchtet, teilte auch die Notenbank mit. Der Zeitpunkt für eine Erholung der Wirtschaft sei unsicher und der Gesundungsprozess werde sich lange hinziehen, sagte der Chef der Bank of England, Mervyn King, am Mittwoch.

Vor Mitte kommenden Jahres sei mit keiner Kehrtwende zu rechnen. Bei einer vorherigen Analyse war die Bank of England davon ausgegangen, dass die Erholung noch 2009 einsetzen könnte. Laut King wird die Wirtschaftskraft in diesem Jahr um 4,5 Prozent zurückgehen. Damit zeichnete er eine deutlich düsterere Prognose als Finanzminister Alistair Darling, der ein Minus von 3,5 Prozent angekündigt hatte.

Bundesregierung erwartet lange Krise

In Deutschland erwartet Bundeskanzlerin Angela Merkel eine länge andauernde Krisenbewältigung auch über 2010 hinaus. Die hiesige Wirtschaft wird nach ihrer Einschätzung auch Ende nächsten Jahres noch nicht das Niveau von 2008 erreicht haben. "Dafür spricht im Augenblick wenig", sagte die CDU-Vorsitzende am Mittwoch in Bochum vor Vertretern des Deutschen Städtetages.

"Der Tiefpunkt, was das Wachstum angeht, ist bald da", sagte Merkel. Danach werde das Bruttoinlandsprodukt aber wesentlich langsamer wachsen, als es in den vergangenen Monaten eingebrochen sei. "Vor uns stehen sehr schwierige Jahre", sagte sie. Bei dem erwarteten Konjunktureinbruch von sechs Prozent für 2009 seien "dramatische Anstrengungen" nötig, sagte sie. Deshalb sei die Politik "noch nicht am Ende der Überlegungen", wie das Wachstum wieder anzukurbeln sei.

Mehr Firmenpleiten

Die Wirtschaftskrise trifft hierzulande immer mehr Unternehmen. Die Zahl der Firmenpleiten ist im Februar wieder gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat erhöhte sie sich um 1,2 Prozent auf 2394, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. Im Januar 2009 hatte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen mit 0,1 Prozent marginal unter dem Vorjahreswert gelegen.

Bei den Verbraucherinsolvenzen setzte sich die Entspannung - wenn auch mit geringerem Tempo - fort: Hier registrierten die Amtsgerichte 7450 Fälle und damit 7,6 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Zum Jahresauftakt hatte es bei den Verbraucherinsolvenzen einen Rückgang um 12,8 Prozent gegeben.

Nach Einschätzung von Experten werden aber künftig mehr Bundesbürger in die Pleite schlittern. Die Wirtschaftsauskunftei Bürgel erwartet in diesem und dem nächsten Jahr eine deutliche Zunahme der Privatinsolvenzen. Allein 2009 sei mit 140.000 privaten Insolvenzen zu rechnen, nach etwas mehr als 120.000 im Vorjahr. Ursache sei vor allem die steigende Arbeitslosigkeit. Im ersten Quartal ist diese Entwicklung jedoch noch nicht sichtbar geworden.

Dennoch bleiben die Deutschen gelassen: Laut einer Umfrage lassen sich die Bundesbürger bislang durch die Finanz- und Wirtschaftskrise kaum verunsichern. Über eine entsprechende Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach berichtet die Wochenzeitung "Die Zeit". Danach glauben nur 13 Prozent, dass sich ihre persönliche wirtschaftliche Lage verschlechtern werde. Dazu passe, dass 54 Prozent noch keinerlei Auswirkungen der schlechten wirtschaftlichen Lage auf ihre Betriebe spürten. Insgesamt sorgten sich 27 Prozent der Arbeitnehmer um ihren Job. Trotz Jobangst und Kurzarbeit halten viele mitten in der Krise, so das überraschende Ergebnis einer Studie des Bankenverbands, Deutschland für "sozial gerecht".

ore/dpa/AP/Reuters



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