Rezession Experten rechnen mit Massenentlassungen ab Sommer

Die Krise schlägt auf den Arbeitsmarkt durch: Ökonomen rechnen im Jahr 2009 mit deutlich mehr Erwerbslosen als bisher vorausgesagt. So manche Firma, die jetzt auf Kurzarbeit setze, könne sich das bald nicht mehr leisten. EU-Kommissionspräsident Barroso verlangt nun staatliche Hilfe.


Hamburg - Führende Wirtschaftsexperten rechnen wegen der Wirtschaftskrise ab Sommer mit Massenentlassungen und einem drastischen Anstieg der Erwerbslosenzahlen. Der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, sagte der Online-Ausgabe von "Bild": "Jetzt setzen viele Firmen noch auf Kurzarbeit. Wir rechnen aber ab Sommer mit einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit." Derzeit wolle jedes vierte Unternehmen Stellen abbauen. Carstensen erklärte, auch die Kurzarbeit werde für viele Firmen dauerhaft zu teuer.

Industriearbeiter in Berlin: Kurzarbeit auf Dauer zu teuer
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Industriearbeiter in Berlin: Kurzarbeit auf Dauer zu teuer

Für das Gesamtjahr 2009 rechnet der Wirtschaftsexperte mit deutlich mehr Arbeitslosen als bisher. "Die Zahl der Arbeitslosen könnte im Jahresverlauf um bis zu 700.000 steigen", sagte Carstensen. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) rechnet einem Pressebericht zufolge mit etwa einer halben Million mehr Menschen ohne Job. Ende 2008 hatte das Ifo-Institut noch ein Plus von 500.000 vorausgesagt.

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) befürchtet eine spürbare Zunahme der Erwerbslosigkeit, weil die Firmen beispielsweise befristete Verträge nicht weiter verlängern würden. IW-Direktor Michael Hüther forderte, die Regelungen für befristete Verträge zu ändern und damit befristete Arbeitsverträge über die derzeit geltende Dauer von zwei Jahren hinaus zu ermöglichen. "Ein liberaleres Befristungsrecht würde uns helfen. Aber ich sehe keine Bereitschaft des Gesetzgebers, das wirklich zu tun", sagt Hüther.

Signale aus der Metall- und Elektroindustrie bekräftigen die Befürchtungen der Experten. Jedes zweite Unternehmen der Branche rechnet einem Zeitungsbericht zufolge in diesem Jahr mit Stellenabbau. Nach zweieinhalb Jahren Beschäftigungsaufbau seien im November und Dezember erstmals wieder Jobs verloren gegangen, sagte der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, der "Welt am Sonntag". Insgesamt 13.000 Stellen. Dies werde sich fortsetzen. Im vierten Quartal sei der Auftragseingang um 25 Prozent eingebrochen, die Produktion um acht Prozent.

Die Kapazitätsauslastung sei im Januar auf das Rekordtief von 76,6 Prozent gesunken, sagte der Gesamtmetall-Präsident der Zeitung. Die Tendenz sei weiter fallend. Sollte die aktuelle Talfahrt anhalten, werde man mit Kurzarbeit nicht weiter als bis zum Herbst kommen.

Anders als in den beiden Vorjahren ist die Arbeitslosigkeit nach Ansicht von Experten schon von Januar auf Februar gestiegen. Betroffen seien vor allem Leiharbeiter und Beschäftigte mit Zeitverträgen. Die Zahl der Erwerbslosen könnte die Marke von 3,5 Millionen deutlich übersteigen. Gründe sind der relativ strenge Winter und Auftragseinbrüche in den Unternehmen. Zahlen darüber, wie viele Arbeitnehmer seit Beginn der Wirtschaftskrise in Kurzarbeit geschickt wurden, gibt die BA am Donnerstag bekannt.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso appellierte an die EU-Mitgliedstaaten, den Anstieg der Arbeitslosigkeit mit finanziellen Hilfen für Unternehmen zu begrenzen. "Gesunden Firmen, die allein wegen der Wirtschaftskrise in Turbulenzen geraten, sollten Geld vom Staat bekommen, damit sie auf Jobabbau verzichten", sagte Barroso dem "Hamburger Abendblatt". "Das Geld könnte in die Weiterbildung jener Mitarbeiter fließen, für die es gegenwärtig weniger oder keine Arbeit gibt."

Barroso hieß das zweite Konjunkturpaket der Bundesregierung gut, mahnte Deutschland allerdings zur Einhaltung des Stabilitäts- und Wachstumspakts. "Deutschland hat einen sehr wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der Krise geleistet", sagte er. "Aber es ist ebenso wichtig, einen Weg aus der Verschuldung zu finden." Er forderte: "Wir dürfen keine kurzfristigen Maßnahmen ergreifen, die unvereinbar sind mit nachhaltigem Wirtschaften." Mittel- und langfristig müsse eine Haushaltskonsolidierung entsprechend den Vorgaben des Stabilitätspakts angestrebt werden.

kaz/Reuters/AFP

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