Rezessionsangst Deutschlands Wirtschaft schrumpft

Für Hans Eichel kommt es immer dicker: Die Steuerschätzer werden am Nachmittag Riesenlöcher offenlegen, der Haushalt ist nur mit hoher Neuverschuldung zu finanzieren. Und nun hat es der Finanzminister amtlich: Deutschlands Wirtschaft schrumpft, teilte das Statistische Bundesamt offiziell mit. Damit hatten Experten nicht gerechnet.


Experten sind überrascht: Die Wirtschaft schrumpft
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Experten sind überrascht: Die Wirtschaft schrumpft

Wiesbaden - "Morgen werden wir entgegen allen Annahmen, die Bundesbank und auch die Bundesregierung hatten, vom Statistischen Bundesamt hören, dass wir im ersten Quartal kein leichtes Wachstum, sondern ein kleines Minus gehabt haben", hatte Finanzminister Hans Eichel schon am Vorabend gewarnt. Eine Hiobsbotschaft, die das Statistische Bundesamt am Morgen bestätigte: Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im ersten Quartal saison- und kalenderbereinigt verglichen mit dem Schlussquartal 2002 um 0,2 Prozent gesunken, hieß es in Wiesbaden.

Im Vergleich zum ersten Quartal 2002 habe das reale BIP zwar um 0,5 Prozent höher gelegen. Rechne man aber den zusätzlichen Arbeitstag im diesjährigen Quartal heraus, bleibe lediglich ein Wachstum in Höhe von 0,2 Prozent gemessen am Vorjahresquartal übrig.

Volkswirte hatten im Schnitt vor allem wegen der zum Jahresbeginn unerwartet starken Produktionsdaten mit einem Wachstum in Höhe von 0,1 bis 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal und in Höhe von 0,6 Prozent zum Vorjahresquartal gerechnet. Für die BIP-Entwicklung im vierten Quartal 2002 bestätigte das Statistikamt eine Stagnation zum Vorquartal (rote Null) und einen Zuwachs von 0,5 Prozent zum Vorjahr.

Die im Quartalsvergleich geringere Wirtschaftsleistung gehe vor allem auf einen Anstieg der Importe zurück, der deutlich über dem der Exporte lag. Dies habe zu einem negativen Wachstumsbeitrag des Exportüberschusses (Außenbeitrag) geführt. Die nur leichte Erhöhung der inländischen Umsätze gegenüber dem Vorquartal habe dies nicht ausgleichen können. Das Statistische Bundesamt präsentierte die Eckdaten zum BIP früher als bislang üblich. Detaillierte Ergebnisse will das Amt kommenden Donnerstag vorlegen.

Experten erwarten, dass die deutsche Wirtschaft auch im laufenden Quartal nicht wächst. Für das Gesamtjahr gehen die meisten Volkswirte bislang von allenfalls einem halben Prozent Wachstum aus, die offizielle Regierungsprognose liegt bei 0,75 Prozent. Statistiker stellen eine Rezession fest, wenn die Wirtschaft zwei Quartale hintereinander schrumpft.

Grüne und FDP fordern angesichts der prekären Haushaltslage einen verstärkten Abbau von Subventionen. FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt bekräftigte am Morgen im "Deutschlandfunk" die Forderung seiner Partei nach einem verstärkten Subventionsabbau. Er warnte vor einem langwierigen Streit: "Man hat nur eine Chance, mit einer bestimmten Prozentmarge jetzt quer durch die Bereiche zu gehen", sagte Gerhardt.

Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hatte bereits eine Verschärfung des Sparkurses angekündigt und plant neue Sozialeinschnitte. Er will heute das Ergebnis der dreitägigen Steuerschätzung bekannt geben. Für das laufende Jahr gehen Politiker von einer Haushaltslücke beim Bund von bis zu 20 Milliarden Euro aus.

Volkswirte waren zuversichtlicher geworden

Nachdem viele Volkswirte noch eine Rezession befürchtet hatten, sorgten die zu Jahresbeginn starken Produktionsdaten für einen leichten Hoffnungsschimmer und die Erwartungen auf ein Minimalwachstum. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ging in seinen Berechnungen sogar davon aus, dass die Wirtschaft dank des verarbeitenden Gewerbes um 0,3 Prozent wuchs. Dagegen habe der Handel - gemessen an den Umsätzen im Einzel- und Großhandel - stagniert. Das gesamte produzierende Gewerbe hatte im ersten Quartal Bundesbankdaten zufolge 0,4 Prozent mehr als im Schlussvierteljahr 2002 hergestellt.

Die Aussichten für die nächsten Monate sind eingetrübt. Als ungünstiges Element nennen Volkswirte etwa die starke Aufwertung des Euros. Diese Belastung werde sich im Außenbeitrag niederschlagen. Zudem weise der Rückgang des Ifo-Geschäftsklimaindexes und der Einbruch der Auftragseingänge im März auf eine schwächere Wirtschaftsentwicklung hin. Allenfalls für das Jahresende halten die Experten eine langsame Wachstumsbeschleunigung für möglich - aber nur, wenn die Weltkonjunktur anzieht und sich die zuletzt rasante Euro-Aufwertung nicht fortsetzt.

Eichel hat bereits einen Nachtragshaushalt angekündigt und erklärt, Deutschland werde daher auch in diesem Jahr die europäische Defizit-Obergrenze von drei Prozent BIP nicht einhalten. Sollte die Wirtschaftsschwäche in dem so nicht erwarteten Ausmaß anhalten, dürften auch die aktuellen Berechnungen zum Nachtragshaushalt bald Makulatur sein. Die Bundesregierung geht, weit optimistischer als alle Wirtschaftsforschungsinstitute, von einem Wachstum von rund 0,75 Prozent für das Gesamtjahr aus.



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