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21. Dezember 2008, 22:29 Uhr

Richard Fuld

Wie der Lehman-Boss die Welt in Panik versetzte

Bankenchef Richard Fuld führte Lehman Brothers in die Pleite und löste damit eine Krise aus, die die Weltwirtschaft veränderte. In der "Welt am Sonntag" schildert sein letzter Kommunikationschef Andrew Gowers, wie es dazu kam und zeichnet das Psychogramm eines gescheiterten Top-Managers.

Hamburg - Richard Fuld war 15 Jahre lang Chef der Investmentbank Lehman Brothers, dessen Pleite am Anfang der weltweiten Kreditkrise steht. Für Andrew Gowers, den letzten Kommunikationschef von Lehman, ist Fuld ein wesentlicher Baustein des Desasters, wie er in der Zeitung "Welt am Sonntag" beschreibt.

Protest gegen Richard Fuld im Oktober 2008: Der Lehman-Chef realisierte nicht, in welchen Schwierigkeiten seine Bank steckte
REUTERS

Protest gegen Richard Fuld im Oktober 2008: Der Lehman-Chef realisierte nicht, in welchen Schwierigkeiten seine Bank steckte

Gowers schildert den Lehman-Boss als einen "Mann mit einer fast unerträglich starken Persönlichkeit", der den Gewinn der Bank von 1994 bis 2007 von 113 Millionen auf 4,2 Milliarden Dollar steigerte. Damit schuf Fuld sich einen nahezu unangreifbaren Ruf: "Zu sagen, dass Dick Fuld von einem Persönlichkeitskult umgeben war, wäre eine Untertreibung. Er war ein Paradebeispiel für einen allmächtigen Unternehmenschef", schreibt Gowers. "Für viele Mitarbeiter und für die Außenwelt personifizierte er Lehman, sein Charakter war untrennbar verbunden mit dem der Firma."

Fuld soll selbst seinen engsten Mitarbeitern große Loyalität, aber auch Furcht eingeflößt haben, so dass sie ihm hörig waren "wie einem mittelalterlichen Monarchen" und alles von ihm fern hielten, was er nicht hören wollte. "Seine Bösartigkeit konnte einschüchternd sein. Regelmäßig wies er Kollegen zurecht, die auch nur geringfügig von der Kleiderordnung abwichen."

"Das Herz herausreißen und es vor seinen Augen essen"

Fuld sah Lehman laut Gowers wie im "Krieg", die Mitarbeiter waren seine Truppen. Investoren, die auf fallende Lehman-Kurse setzten, drohte er auf einer Konferenz: Wenn er einen von ihnen finde, "will ich ihm das Herz herausreißen und es vor seinen Augen essen, während er noch lebt", berichtet Gowers in der "Welt am Sonntag". Ein Boss, den niemand in Frage stellen konnte: der Anfang vom Ende bei Lehman Brothers.

Jedoch sei Fuld bald isoliert gewesen vom Arbeitsalltag in der Bank. Die operative Führung habe bei seiner Nummer zwei und langjährigen Weggefährten, Joseph "Joe" Gregory, gelegen. Die Mitarbeiter nannten ihn "Darth Vader", weil er nicht weniger aufbrausend war als Fuld, wenn jemand einen Fehler machte. "Sein Job war nicht, Debatten unter seinen Mitarbeitern zu befördern oder gar intellektuelle Neugier - sondern die Bank nach Dick Fulds Willen zurechtzubiegen", berichtet Gowers.

Ungefähr Mitte 2007 schloss Lehman dann auf dem Immobilienmarkt einige der riskantesten Wetten ab, die die Bank jemals eingegangen war, so Gowers. Die Investmentbank führte ein Konsortium an, das 15 Milliarden Dollar für Amerikas größte Wohnungsgesellschaft bot. "Der Deal wurde vom gesamten Vorstand abgenickt", schreibt Gowers. Später habe ein Spitzenmanager diese Entscheidung ihm gegenüber als "die schlechteste Investition, die Lehman je getätigt hat" bezeichnet.

Kurz darauf begann die Kreditklemme auf den Weltmärkten und "Investitionen wie die in die US-Wohnungsgesellschaft wurden zu Mühlsteinen, die Lehman unerbittlich in den Abgrund zogen", erinnert sich Gowers. "Doch während Fuld mit legendärer Beflissenheit mit Kunden sprach, verwandten weder er noch Gregory viel Zeit darauf, mit Geldgebern zu reden - geschweige denn, ihnen zuzuhören."

Die Führung von Lehman Brothers sei zudem zerstritten gewesen - "es ging zu wie bei einem Treffen von Mafiafamilien". So fiel die Reaktion des Top-Managements, als im März 2008 die Bank Bear Stearns zusammenbrach, halbherzig und konfus aus. Als Lehman im Juni selbst einen Verlust von 2,8 Milliarden Dollar vorzuweisen hatte, realisierte Fuld nicht, in welchen Schwierigkeiten die Bank steckte.

Fuld sah das katastrophale Quartal als Ausreißer an

Nachdem die Zeitung "Wall Street Journal" schließlich enthüllte, dass bei Lehman über die Aufnahme neuen Kapitals diskutiert wurde, setzte Fuld laut Gowers Bericht nicht auf Transparenz - im Gegenteil: "Bei einer Besprechung einen Tag vor der Vorlage der Quartalsergebnisse fragte Fuld sogar, warum Lehman so viele erklärende Details publizieren solle. "Warum verbringen wir so viel Zeit damit?", sagte er schnippisch." Der Lehman-Chef sah das katastrophale Quartal immer noch als Ausreißer an.

Als klar wurde, wie falsch er damit lag und die Lehman-Aktienkurse in den Keller stürzten, verfiel Fuld zwar in Panik, verhandelte aus sentimentaler Bindung zu seiner Bank aber trotzdem nur halbherzig mit potentiellen Investoren.

Das Resultat: Im September meldete Lehman Brothers Holdings in New York Konkurs an. "Eine Firma, die noch sieben Monate zuvor 42 Milliarden Dollar wert gewesen war: Nun war sie wertlos", schildert Gowers. Er selbst wartet bis heute auf sein Geld. "Ich werde mich glücklich schätzen können, wenn ich irgendwann, in ein paar Jahren, mehr als einen Bruchteil davon sehe."

tno

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