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STEUERBERATER Richtig oder falsch

Wer darf nach einer Gesetzesreform die GmbHs prüfen? Wirtschaftsprüfer und Steuerberater streiten um die Pfründe. *
aus DER SPIEGEL 4/1984

An dem neuen Bonner Gesetz findet Manfred Thümmel, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüferkammer, bislang keinen rechten Gefallen. Dabei hätte der Wirtschaftsprüfer-Lobbyist eigentlich allen Grund zur Freude.

Das Paragraphenwerk, das gerade in den Ausschüssen des Bundestags beraten wird, soll den Revisoren viele zusätzliche Kunden zuführen. Nach dem Entwurf, der eine EG-Richtlinie in nationales Recht umsetzt, müssen künftig alle mittleren und großen Gesellschaften mit beschränkter Haftung, die GmbHs, ihre Jahresabschlüsse prüfen lassen, und zwar von Wirtschaftsprüfern. Für Aktiengesellschaften ist die Pflichtprüfung durch Wirtschaftsprüfer lange schon Gesetz.

Was Verbandsmanager Thümmel so betrübt: Die Steuerberater wollen den Wirtschaftsprüfern die Aufträge von den GmbHs nicht allein überlassen; sie fordern, ebenfalls prüfen zu dürfen.

Würde allein den Wirtschaftsprüfern die GmbH-Pflichtprüfung erlaubt, dann werde, barmt Heinz Bachmann, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Steuerberaterverbandes, seinem Berufsstand »die Lebensgrundlage entzogen«.

Der Bundesrat in Bonn teilt Bachmanns Bedenken. Gerade der Steuerberater sei für ein mittelständisches Unternehmen, meint die Länderkammer, »der bevorzugte Ratgeber in allen wirtschaftlichen und steuerlichen Fragen«.

Immer schon sorgen die Steuerberater bei den von ihnen betreuten GmbHs für die freiwillige Jahresabschlußprüfung, die zunehmend von Banken oder anderen Kreditgebern gefordert wird. Durch das neue Gesetz, das ihnen in seiner jetzigen Fassung die Prüfung untersagt, würden die Steuerberater ihre fortan prüfungspflichtigen GmbH-Mandanten an die Wirtschaftsprüfer verlieren.

Auch mit der Steuerberatung wäre bei den GmbHs kaum noch Geld zu verdienen. Es trifft sich nämlich, daß die Wirtschaftsprüfer auch zur Steuerberatung »befugt« sind.

So wird ein GmbH-Management, das demnächst einen Wirtschaftsprüfer mit der Abschlußprüfung beauftragen muß, seinen bisherigen Steuerberater aus Kostengründen verabschieden. Denn der gesetzlich verordnete Wirtschaftsprüfer könnte das bei der Pflichtprüfung anfallende Datenmaterial weniger zeitaufwendig und damit billiger gleich auch für die Steuerbilanz auswerten. Immerhin kostet die Wirtschaftsprüfer-Stunde rund zweihundert Mark.

Für die 45 000 Steuerberater ist es nur ein schwacher Trost, daß die Gesetzesschreiber einer Minderheit vorwiegend altgedienter Steuerberater mit einer Härteklausel Hilfe anbieten. Durch ein gemildertes Zusatzexamen könnten sich diese Steuerberater zu Wirtschaftsprüfern qualifizieren.

Dieses Angebot vor allem ist es, was die Wirtschaftsprüfer so erbost. Damit seien »die Grenzen des Zumutbaren und Tragbaren erreicht, teilweise bereits überschritten«, schimpfte Kammer-Diener Thümmel. Die mittelständische Wirtschaft dürfe nicht zur »Spielwiese für Prüfer zweiter Klasse auf fachlich erheblich niedrigerem Niveau« werden. Dabei sorgt sich der Funktionär, versteht sich, allein ums »Gemeinwohl«.

In Wahrheit geht es um handfeste Standesinteressen. Die aktienrechtliche Prüfung des Jahresabschlusses ist Saisonarbeit nur für wenige Monate. In der übrigen Zeit müssen sich die Wirtschaftsprüfer andere Beschäftigung suchen. Da besorgen sie jedermann, dessen sie habhaft werden, die Steuererklärung; da fertigen sie Organisationspläne oder betriebswirtschaftliche Analysen an.

Allein von den Aktiengesellschaften jedenfalls können die Wirtschaftsprüfer nicht leben. Im Krisenjahr 1931, als der Berufsstand und die AG-Pflichtprüfung durch Notverordnung geschaffen wurden, erinnert Manfred Thümmel, »hatten wir 11 000 Aktiengesellschaften und null Wirtschaftsprüfer«. Heute dagegen gibt es 3500 Wirtschaftsprüfer, aber nur noch 2140 AGs. Im Schnitt bringt die Abschlußprüfung dem einzelnen Wirtschaftsprüfer kaum mehr als 20 Prozent seines Honorarumsatzes.

Da käme es den Wirtschaftsprüfern durchaus gelegen, wenn ihnen allein die GmbHs anvertraut würden. Es lohnte sich: Seit 1960 vermehrten sich die Gesellschaften mit Haftungsbeschränkung von 37 900 auf 294 100.

Die massenhafte Ausbreitung dieser Unternehmensform liegt daran, daß für die GmbH-Gründung vergleichsweise wenig Stammkapital (jetzt mindestens 50 000 Mark) beigebracht werden muß; und daß bei der Pleite nur dieses Kapital, nicht aber Privatvermögen verloren ist.

Weil bei GmbH-Zusammenbrüchen allzu häufig Gutgläubige ihr Geld verloren, schien eine Reform des GmbH-Rechts seit langem überfällig. Außenstehende, vor allem Lieferanten, sollen durch »Prüfung und Offenlegung der Jahresabschlüsse« (Begründung zum Gesetzentwurf) mehr über die Zahlungsfähigkeit einer Firma erfahren.

Allerdings: Auch von Wirtschaftsprüfern abgezeichnete Bilanzen bieten Lieferanten und Geldgebern keine Gewähr gegen Reinfälle - die jüngsten Zusammenbrüche des IBH-Konzerns und der SMH-Bank beweisen dies.

Doch da machen sich die Wirtschaftsprüfer immer ganz klein. In das Testat unter der Bilanz dürften keine zu hohen Erwartungen gesetzt werden, sagen sie, es sei kein Gütesiegel. Stempel und Unterschrift bestätigten lediglich die recht- und ordnungsgemäße Rechnungslegung, keinesfalls aber die Solidität eines Unternehmens.

»Das Testat trifft keine Aussage darüber, ob die Bilanzen gut oder schlecht sind«, doziert Professor Karl-Heinz Forster von der Treuarbeit, »sondern nur, ob sie richtig oder falsch sind.«

Und das, meinen die Steuerberater, könnten sie auch testieren - mit oder ohne Zusatzexamen.

[Grafiktext]

GmbH HANG ZUR GESELLSCHAFT Anzahl der Gesellschaften mit beschränkter Haftung in der Bundesrepublik, Angaben in Tausend; Stand jeweils Jahresende Kapital aller Gesellschaften Ende 1972: 52,7 Mrd. Mark Durch Runden der Zahlen ergeben sich aus den Zu- und Abgängen nicht immer die Jahresendstände Zugänge Abgänge Kapital aller Gesellschaften Ende 1982: 114,3 Mrd. Mark

[GrafiktextEnde]

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