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SPEKULATION Richtig reich

Der Milliardär Warren Buffett spekuliert mit einem gewaltigen Silberschatz. Indische Bauern könnten ihn in Bedrängnis bringen.
aus DER SPIEGEL 7/1998

An diesen düsteren Winterabenden verzieht sich Warren Buffett gern hinter seinen Computer und loggt sich ins Internet ein. Dort trifft der weißhaarige Gentleman aus Omaha in Nebraska mit seinen Freunden aus Washington, New York oder Los Angeles zusammen, um mit ihnen bei einer Dose Cherry Coke und Hot dogs ein paar Partien Online-Bridge zu spielen.

Gern gibt der 67 Jahre alte Buffett, der sich am Bildschirm mit dem Pseudonym tbone tarnt, dann ein paar seiner Weisheiten zum besten. »Mach nie einen Schritt, wenn du nicht den nächsten kennst«, warnt er seine Buddies, wenn sie mal wieder zu hektisch ihre Karten werfen: »Für Speed gibt's keine Punkte.«

Mit Geduld und Überlegung hat es der verschmitzte Herr, den sie jenseits der Prärie ehrfürchtig den »Weisen aus Omaha« nennen, bisher zumindest im richtigen Leben geschafft, seine Konkurrenten zu schlagen: Buffett ist Amerikas erfolgreichster Investor und mit 21 Milliarden Dollar Vermögen nach seinem Freund Bill Gates der zweitreichste Mann des Kontinents.

Nun allerdings hat sich der Finanzmann ("Ich habe nie daran gezweifelt, daß ich richtig reich werde") auf eine besonders heikle Spekulation eingelassen. Klammheimlich kaufte er im vergangenen halben Jahr auf dem Londoner Edelmetallmarkt gewaltige Mengen Silber ein, die nun größtenteils in den Tresoren der Banken entlang der Themse lagern: ein 4000 Tonnen schwerer Schatz im Wert von derzeit fast einer Milliarde Dollar, rund 20 Prozent der weltweiten Jahresproduktion.

Als der Kauz aus dem Wilden Westen vergangene Woche seinen Coup bekanntgab, löste die Nachricht eine wilde Spekulation aus. Banken und Trader hatten seit Monaten über die Hintermänner der Silberkäufe gerätselt. Nun registrierten sie selbst plötzlich Tausende von Kauforders. Der Silberpreis schoß in der vergangenen Woche um 25 Prozent nach oben. Wo Buffett investierte, so hieß es, muß Geld zu holen sein.

Immer wieder hatte der »Forrest Gump der Finanzwelt« ("Vanity Fair"), der sich selbst nur ein Jahresgehalt von 100 000 Dollar genehmigt, in den vergangenen Jahren den Wall-Street-Profis den Weg gewiesen. Er hält nichts von hektischen Börsendeals, sondern kauft Aktien von wenigen Firmen wie Coca-Cola und Gillette, um sie jahrelang zu halten. »Wir machen mehr Geld, wenn wir nichts tun«, pflegt Buffett zu sagen und hat damit bisher recht behalten: Wer ihm vor 40 Jahren 10 000 Dollar anvertraut hätte, würde heute ein Vermögen von über hundert Millionen Dollar besitzen.

Sein neuestes Investment allerdings verunsichert selbst eingefleischte Fans. Immer wieder hat der Silbermarkt schillernde Spekulanten angezogen, oft waren sie gescheitert. Ende 1979 hatte der texanische Ölmilliardär Nelson Bunker Hunt mit seinen Brüdern und der Hilfe arabischer Finanziers rund die Hälfte allen Silbers aufgekauft und den Preis auf fast 50 Dollar pro Unze geschoben. Als die New Yorker Börse den Handel stoppte, brachen die Kurse ein. Die Gang verlor ihr Vermögen, Hunt wurde wegen Marktmanipulation verurteilt.

Doch anders als Hunt hat Buffett nicht auf Pump gekauft, sondern mühelos aus seinem Cash-Reservoir bezahlt. Und seine Rechnung könnte auch diesmal aufgehen.

Schon seit längerem verbrauchen Filmhersteller, Elektronikkonzerne und Schmuckfirmen viel mehr Silber, als produziert wird, die Lagerbestände schwinden stetig. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Silber knapp wird - und der Preis nach oben geht.

Andererseits werden die Minengesellschaften ihre Ausbeute und damit das Angebot kaum erhöhen. Über 80 Prozent des Silbers wird als Beiprodukt von anderen Metallen - Gold, Kupfer oder Zink - geschürft. Die Preise dieser Metalle aber sind abgesackt. Selbst wenn Silber teurer würde, gäbe es kaum Anreiz für die Bergbaufirmen, mehr aus der Erde zu holen.

Buffett scheint genau den richtigen Zeitpunkt für sein Silberinvestment gefunden zu haben. Nachdem die Kurse im Sommer zunächst auf knapp über vier Dollar gefallen waren, gab er am 25. Juli die erste Kauforder. Von da an stieg der Silberpreis erstmals nachhaltig an, bis Ende vergangener Woche um über 75 Prozent. Allein in den letzten fünf Handelstagen gewann Buffett knapp 200 Millionen Dollar.

Ob allerdings auch Buffetts Nachahmer großen Erfolg haben werden, ist zweifelhaft. Denn je höher der Silberpreis steigt, um so riskanter wird die Spekulation: In Indien und anderen asiatischen Ländern haben Bauern Hunderte Tonnen Silber gehortet - als Geldanlage. Sollte der Silberpreis noch weiter steigen, könnten die Sparer plötzlich anfangen, ihre Bestände gegen Dollar zu verkaufen. Die Preise würden schlagartig sinken.

Niemand weiß, wie Buffett sein Silber jemals loswerden will. Sollte er auch nur einen Teil feilbieten, würden die Preise sofort wegbrechen. Der Profit wäre so schnell zerronnen wie gewonnen.

»Wenn Buffett auch nur eine Unze verkauft«, sagt ein New Yorker Trader, »denken doch alle, daß er bald auch den Rest auf den Markt wirft.«

[Grafiktext]

Spekulationsobjekt Silber

[GrafiktextEnde]

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