Ringen um Opel Wie der Fiat-Boss die deutsche Politik verwirrt

Sergio Marchionne löst Irritationen aus: Erst stellte der Fiat-Chef scheinbar das Opel-Werk Kaiserslautern zur Disposition, dann garantierte er im Fall einer Übernahme alle vier Standorte. Gewerkschafter und Länder sind verärgert - doch Wirtschaftsminister Guttenberg scheint zufrieden.

Berlin - In Mainz kam die Aktion gar nicht gut an. "Guttenberg schadet einem Standort, wenn er Details aus Gesprächen nennt, die noch am selben Tag von seinem Gesprächspartner anders dargestellt werden", ärgert man sich in rheinland-pfälzischen Regierungskreisen über den Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Opel-Neuwagen in Bochum: "Gewisser Konsolidierungsbedarf"

Opel-Neuwagen in Bochum: "Gewisser Konsolidierungsbedarf"

Foto: AP

Der CSU-Politiker hatte nach einem Gespräch mit Fiat-Boss und Opel-Interessent Sergio Marchionne von einem "gewissen Konsolidierungsbedarf" berichtet, den der Italiener bei Opel sehen. Gemeint war offenbar das Opel-Werk im pfälzischen Kaiserslautern. Ein paar Stunden später aber gab Marchionne der "Bild"-Zeitung ein Interview - mit ganz anderem Zungenschlag: Die Belegschaften sollten verkleinert, aber keines der vier Werke in Deutschland geschlossen werden.

Das Ergebnis: Verwirrung in Mainz, Kaiserslautern und anderswo - und offenbar eine gewisse Zufriedenheit in Berlin. "Vorbehaltlich der endgültigen Prüfung des Konzepts begrüßen wir es, wenn Fiat jetzt den Fortbestand aller Standorte garantieren kann", so Guttenberg zu SPIEGEL ONLINE.

Hat Guttenberg die Fiat-Pläne also öffentlich gemacht, um Marchionne unter Zugzwang zu setzen? Oder hat der Minister den potentiellen Investor schlicht falsch interpretiert?


"Mir ist es sehr wichtig, mit völlig offenen Karten zu spielen", sagte Guttenberg schon am Montagabend in der ARD. Denn die Opel-Mitarbeiter hätten große Sorge, da nütze es nichts, wenn man Dinge mitgeteilt bekomme, und dann "damit hinterm Berg" halte. Was Kaiserslautern anbelange, habe man "sehr genau nachgefragt". Das Schicksal des Werkes, so Guttenberg zu diesem Zeitpunkt, "scheint mir noch offen zu sein".

Fakt ist: Sergio Marchionne hat in seinen Gesprächen in der Hauptstadt tatsächlich über "Veränderungen" am Standort Kaiserslautern gesprochen. Neben Guttenberg traf er sich auch mit dem Chef des Kanzleramts, Thomas de Maizière, dem SPD-Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier und dem Opel-Gesamtbetriebsrat Klaus Franz. Auch andere Teilnehmer berichten von Sparplänen für Kaiserslautern. Details seien aber nicht genannt worden, hieß es.

In den Ländern sind sie auf der Hut, Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel - es sind vor allem die Ministerpräsidenten, die im Falle einer Pleite im Feuer stehen. Auch deshalb haben sich die Opel-Länder Hessen (Rüsselsheim), Nordrhein-Westfalen (Bochum), Thüringen (Eisenach) und Rheinland-Pfalz geschworen, sich nicht "auseinanderdividieren" zu lassen. So erschallt es aus jeder der vier Landeshauptstädte. Und praktisch bedeutet das: Alle drängen sie auf den Erhalt der vier Werke, keines soll zugrunde gehen.

Dass der Preis einer Rettung von Kaiserslautern möglicherweise eine Ausdünnung der Belegschaften in den drei anderen Werken ist - dies ist den Landesregierungen bewusst. Nur will natürlich keiner öffentlich diesen Zusammenhang herstellen. "Das Spiel Standort A gegen Standort B können Sie vergessen", heißt es, wenn man nachhakt.

Auch ins Ringen um Opel zwischen Fiat und dem austro-kanadischen Autozulieferer Magna will man sich in Düsseldorf, Wiesbaden, Erfurt und Mainz nicht offensiv einmischen. Nur indirekt hat etwa NRW-Regierungschef Jürgen Rüttgers (CDU) Fiat kritisiert: "Größe allein ist kein Wert."

Und Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) - derzeit auf Staatsbesuch in arabischen Ländern - hat auf die Doppelung der Modellpalette zwischen Fiat und Opel hingewiesen. Von anderen heißt es dann wieder, Magna mit seinen russischen Partnern sei ja auch nicht wirklich transparent. Eine parteipolitisch motivierte Frontlinie zwischen Fiat-Verfechtern auf der einen und Magna-Männern auf der anderen jedenfalls, so viel ist klar, gibt es nicht.

Klare Worte dagegen gibt es von Gewerkschaften. Opel-Betriebsräte und die IG Metall beurteilen einen möglichen Fiat-Einstieg kritisch: "Der Vertrauensverlust in einzelne Investoren und die Politik werden bei den Belegschaften von Tag zu Tag größer", hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung. Und wie in der Mainzer Regierung haben offenbar auch hier die unterschiedlichen Stellungnahmen von Guttenberg und Marchionne zu Verwirrung geführt.

Es gebe nun mehr Unklarheiten als zuvor und erheblichen Zweifel innerhalb der Belegschaften, wenn sich beide Seiten bereits bei der Frage, ob vier oder drei Standorte überleben, verrechnet oder missverstanden hätten, so die Gewerkschafter. Ihr Vorschlag: Ein Kreis externer, unabhängiger Experten soll mit der Bewertung von Investoren beauftragt werden.

Derweil konferieren Opel-Länder und Berliner Wirtschaftsministerium nahezu täglich. So sind auch am Dienstag die vier betroffenen Landesminister in einer Telefon-Schalte mit dem Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Jochen Hohmann, über die Opel-Gespräche in Berlin informiert worden. Das Ergebnis? Man werde sich "nicht auseinanderdividieren lassen." Natürlich.

Guttenberg hält eine Entscheidung zur Zukunft von Opel noch im Mai für möglich. Die nächste grundlegende Weichenstellung liege beim Mutterkonzern General Motors, sagte er im ZDF. Auf deren Grundlage könne die Bundesregierung dann über das Ob und Wie einer staatlichen Hilfe entscheiden.

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