Ritter-Sport-Eigentümerin Grüne Schokolade

Für Bioprodukte wäre es ein Durchbruch: Ritter-Sport-Eigentümerin Marli Hoppe-Ritter will Schokolade aus organisch angebautem Kakao auf den Markt bringen. Damit will sie die Konkurrenz ärgern - und ein bisschen die Welt verbessern. Porträt einer sozialen Managerin.
Von Hannes Koch

Marli Hoppe-Ritter ist vermutlich die einzige Unternehmerin Deutschlands, die schon mal im Bett eines katholischen Bischofs geschlafen hat. Es steht im Pfarrhaus des nicaraguanischen Dorfes Waslala, in den Bergen nordöstlich der Hauptstadt Managua. So etwas wie eine Straße in die abgelegene Gegend existierte im Jahr 1991 noch nicht. Um hinzukommen, musste die Eigentümerin der Schokoladenfabrik Alfred Ritter GmbH einen Jeep nehmen.

Der Weg besteht aus Schlammkuhlen und Geröll. Damit er den Gast aus dem fernen Deutschland nicht zu arg strapaziert, umkurvt der Fahrer langsam jedes Hindernis. Dem Ehemann Hilmar Hoppe und "Doña Marli", wie die Nicaraguaner den hohen Besuch seitdem nennen, reserviert die Gemeinde nach geglückter Ankunft das bequemste Nachtlager im Ort. "Es gab fließendes Wasser und manchmal auch Strom", erinnert sich Hoppe-Ritter an das Bischofsquartier.

Tage später steht Marli Hoppe-Ritter vor ein paar Dutzend Bauernfamilien. Die schauen die Deutsche mit den kurzen braunen Haaren erwartungsvoll an. Für Hoppe-Ritter eine schwierige Situation. Zu vielen Menschen zu sprechen, ist sie nicht gewohnt. Im Gegenteil: Fast scheu, hält sie sich oft zurück, aber sie spricht einigermaßen Spanisch.

Ohne vorbereiteten Text erklärt sie den Campesinos, den Bauern, dass sie künftig Kakao bei ihnen kaufen will für die Fabrik in Deutschland. Dafür sollen die Produzenten in Waslala einen höheren Preis erhalten als auf dem Weltmarkt üblich. Die Leute glauben ihr. "Damit hat sie sich in die Herzen hineingeredet", sagt Hans W. Grebe, der das Kakaoprojekt seit 1991 organisiert.

Was das Unternehmen Ritter aus Waldenbuch bei Stuttgart in Nicaragua unterstützt, ist ein Entwicklungsvorhaben. Es geht um Gerechtigkeit. Denn der normale Weltmarktpreis für Kakao schwankt stark. In manchen Jahren ist er so niedrig, dass sich die Bauern davon kaum ernähren können. Weil Ritter ungefähr ein Drittel mehr zahlt, garantiert die Firma den Produzenten materielle Sicherheit. Die Dorfbewohner können ihre Kinder ohne Probleme zur Schule schicken, dem kleinen Haus ein weiteres Zimmer hinzufügen und das Dach reparieren.

"Es gibt jetzt Verkehrsprobleme", sagt Grebe, "20 Leute haben sich alte Taxis gekauft und verdienen Geld damit." Doch die Kooperation ist auch für Ritter von Vorteil. Knapp 200 Tonnen biologisch hergestellten Kakaos – das ist die Frucht, die die Firma 2007 erntete.

Diesen Gedanken hegte Marli Hoppe-Ritter schon immer: Sie will der Familienfirma die Rohstoffbasis sichern, denn Edelkakao aus Mittelamerika, angebaut ohne Chemie, ist knapp und begehrt. Und er wird immer teurer. Ein umkämpfter Markt, auf dem sich die Käufer gegenseitig die Erntemengen abjagen.

Ihr Ziel: Bio-Schokolade aus der Nische herausführen

In diesem Spiel will das Unternehmen Ritter seine Position verbessern. "In den kommenden zwei Jahren bringen wir eine Bioschokolade auf den Markt", sagt Hoppe-Ritter. Die Entwickler in Waldenbuch arbeiten daran, probieren Zutaten und Rezepturen aus.

Gelingt der Plan, wäre das nicht nur eine gute Sache, sondern auch ein Durchbruch. Die großen Produzenten haben bislang keine Sorte herausgebracht, die sowohl den Kriterien des biologischen Anbaus als auch den des fairen Handels genügt. Die politisch korrekte Schokolade wird nur von kleinen Herstellern an vergleichsweise wenige Kunden verkauft, es handelt sich um ökonomische Nischen.

Unter den Großen verkauft nur die Firma Stollwerck seit 2007 ein Bioprodukt. Ritter Sport dagegen ist Marktführer bei den Schokoladentafeln, die 100 Gramm wiegen – zusammen mit Milka. Als Nummer eins in Deutschland würde Ritter mit seiner Bioschokolade deshalb das Zeichen setzen, dass ehemals alternative Konsumgewohnheiten nun auch auf dem Massenmarkt zum ökonomischen Faktor werden. Die Nachfrage nach chemiefreien und sozial verträglichen Nahrungsmitteln nimmt zu.

Im Gespräch ist Marli Hoppe-Ritter immer auf der Hut. Sie betrachtet ihr Gegenüber sehr aufmerksam – wie aus einer Deckung heraus. Schwarze Hose, weiße Jacke, Perlenohrringe und –kette, dem braven Eindruck widerspricht die Brille: Das erstaunliche Exemplar ist ein Statement, sie sagt: "Ich kann auch anders."

Ein bisschen aus der Reihe zu tanzen, das hat sich die Firmenerbin schon immer geleistet. Marli Hoppe-Ritter, Jahrgang 1948, begann ihr Studium 1967, als die Studenten beinahe täglich gegen die Spießigkeit der Post-Adenauer-Jahre demonstrierten. "Das habe ich mit Sympathie verfolgt, das hat mich begeistert", sagt sie. Der Aufbruch von 1968 ist ein fester Bestandteil ihrer Identität. "Radikal war sie aber nie, eher auf der moderaten, kooperativen Seite", sagt eine Mitstreiterin aus alten Tagen.

Links sein, frei sein: Dieser Zeitgeist herrschte noch in der ersten Hälfte der siebziger Jahre, als Hoppe-Ritter in Heidelberg Jura studierte. Neben Westberlin und Frankfurt am Main war die Stadt eines der drei bundesdeutschen Zentren der aufrührerischen Akademiker.

Hoppe-Ritter, Mitte 20, mischte mit in der "Basisgruppe Jura, A- Fraktion", einer eher gewaltlos und alternativ ausgerichteten Truppe. Mit ihren Kommilitonen besetzte sie das Juristische Seminar der Universität. Und ab 1976 leitete sie den Verein, der das zweite selbstverwaltete Frauenhaus der Republik eröffnete. "Zusammen sind wir mit dem Rad durch Heidelberg gefahren und haben Flugblätter in die Briefkästen gesteckt", erinnert sich eine Bekannte.

Spagat einer Idealistin

"Sie unterstützte einen Gegenentwurf", sagt Martin Stather, ein Freund. Allerdings aus der zweiten Reihe – das war lange Zeit Hoppe-Ritters typische Rolle: sich nicht selbst nach vorn zu stellen, sondern die Leute in der ersten Reihe finanziell zu fördern.

Aber dann starb 1974 ihr Vater Alfred Ritter, der Sohn des Firmengründers. Seine Witwe Martha übernahm die Nachfolge, man bestellte eine externe Geschäftsführung. Die Geschwister Marli und Alfred junior, Jahrgang 1953, wurden Mitglieder des Beirates, der die Geschäfte beaufsichtigte. "Das war ein Spagat", sagt Hoppe-Ritter.

Hier die Ideen von einer besseren Welt – Gerechtigkeit gegenüber den Entwicklungsländern, gleiche Rechte für Frauen und Männer, Umweltschutz und Frieden. Dort die Firma der Eltern, die Produktion von Millionen bunter Tafeln Schokolade – Milchpulver, Haselnüsse, Marzipan. Mit so etwas hatten die Twens in der Nachfolge der 1968er nicht viel im Sinn.

"Zum Teil war es schwierig, beides zu verbinden, mein Leben in Heidelberg und die Firma", sagt Hoppe-Ritter. "An der Kombination musste ich lange arbeiten." So richtig interessierten sich die Geschwister erst einmal nicht für das Unternehmen. Am liebsten hätte Marli Hoppe-Ritter sowieso Romanistik studiert. "Als Übersetzerin zu arbeiten, stelle ich mir noch heute fantastisch vor."

"Die grüne Schokolade wird gesellschaftsfähig"

Der elterlichen Schokoladenfirma haben sich die Geschwister erst allmählich angenähert. Wenn sie sich engagierten, suchten sie sich spezielle Betätigungsfelder aus. Ende der achtziger Jahre kamen sie in Kontakt zu einem Deutschen, der in Nicaragua arbeitete: Hans W. Grebe, der später ihr Projektleiter wurde.

Nun stellte sich eine konkrete Frage: Kann man in Nicaragua Kakao kaufen? Die Geschäftsführung von Ritter Sport war strikt dagegen. Die Manager hatten kein Interesse an der komplizierten Kooperation mit den Campesinos in Mittelamerika - im Gegensatz zu den "Rittersleuten", wie Grebe die Eigentümer nennt. Alfred und Marli Hoppe-Ritter setzten sich durch. So begann 1990 das Entwicklungsprojekt Cacaonica in dem nicaraguanischen Dorf Waslala.

Mehr als drei Millionen Euro hat Ritter bislang in die Zusammenarbeit investiert. Die Firma stellte den Bauern Pflanzen, Werkzeuge und Ausrüstung zur Verfügung. 500 Bauernfamilien produzieren mittlerweile in Zusammenarbeit mit der Kooperative von Waslala. Trotzdem ist die Lieferung von Biokakao nach Deutschland bislang nicht über eine homöopathische Dosis hinausgekommen.

2006/2007 verkaufte die nicaraguanische Genossenschaft Ritter ungefähr so viel, wie die Schokoladenfabrik an einem Tag verbraucht. 99 Prozent des Rohstoffs stammen weiterhin aus der normalen Weltmarktproduktion, die nicht an besondere Sozial- oder Umweltstandards gebunden ist. Wie die anderen Unternehmen auch, bezieht Ritter einen wesentlichen Teil aus Westafrika. Aus Ländern wie Ghana und der Republik Elfenbeinküste berichten Menschenrechtsorganisationen immer wieder über Kinderarbeit, konkrete Vorwürfe gegen Ritter gibt es aber nicht.

Sicher ist es eine honorige Angelegenheit, arme lateinamerikanische Bauern zu unterstützen und ihnen den Kakao zu einem höheren Preis abzukaufen. Aber handelt es sich angesichts der Masse der normalen Importe nicht um Luxus, um Dritte-Welt-Schnickschnack zur Beruhigung des Gewissens der Eigentümer? Ist es nicht eine wohlfeile Maßnahme, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass man ein bisschen besser ist als die Konkurrenz?

"Die Ritters gehören zu den sozialeren Arbeitgebern"

Müsste die Firma Ritter mit ihrem Jahresumsatz von 280 Millionen Euro (2006) nicht etwas großzügiger sein, als innerhalb von zehn Jahren drei Millionen Euro zu stiften – aus der Portokasse gewissermaßen? "Dass die Lieferung aus Nicaragua so schwierig würde, haben wir nicht vorausgesehen", sagt Hoppe-Ritter. Im Jahr 2000, knapp zehn Jahre nach Beginn des Projektes, haben die ersten 82 Bauern das Zertifikat der Europäischen Union für Bioanbau erhalten.

Weitere zwei Jahre dauerte es, bis der erste Biokakao nach Waldenbuch geliefert wurde. Und heute kommt es immer wieder vor, dass die Bauern ihren Kakao direkt an einheimische Lkw-Fahrer verkaufen, anstatt ihn mühselig mit dem eigenen Maultier zur Annahmestelle der Kooperative nach Waslala zu bringen.

Die geringe Liefermenge habe also nicht nur mit der finanziellen Bereitschaft ihrer Firma zu tun, sagt Hoppe-Ritter. Aber ein Grund ist darin wohl schon zu suchen, denn Ritter Sport ist als Massenhersteller positioniert. Die Kapazität der Fabrik in Waldenbuch liegt bei knapp einer Milliarde Tafeln pro Jahr.

Der Verkaufspreis spielt eine wesentliche Rolle, die Konkurrenz zu den anderen Herstellern ist hart. 2007 schwankte der Preis um die 70 Eurocent pro 100-Gramm-Tafel – Discountniveau. Der Spielraum für außergewöhnliche Kosten, die den Preis in die Höhe treiben, hält sich deshalb in Grenzen.

Aber er ist doch vorhanden. Marli Hoppe-Ritter und ihr Bruder wollen die Strategie verändern – und haben jetzt auch bessere Möglichkeiten dafür. Denn seit Dezember 2005 ist Bruder Alfred selbst Geschäftsführer. Der Vorgänger Olaf Blank hat die Firma verlassen. Es gab Zerwürfnisse über die Expansionsstrategie. Auch über das Thema "Bioschokolade" herrschten unterschiedliche Einschätzungen.

Künftig wird die Firma viel mehr organisch hergestellten Kakao aus Nicaragua abnehmen als bisher. Um einen Anreiz für größere Liefermengen zu bieten, zahlt man den Kleinbauern neuerdings 3000 Euro pro Tonne – ein höherer Kaufpreis als zuvor. "Das ist ein attraktives Angebot", sagt Hans W. Grebe. Der Weltmarktpreis lag im Sommer 2007 bei lediglich 2000 Euro. Dieser Zuschlag von 50 Prozent ist Ausdruck einer Wertentscheidung im Unternehmen. Die Eigentümer sind bereit, sich ihre Ideale etwas kosten zu lassen – zumindest etwas mehr als früher.

Doch auch der Markt unterstützt diese Entscheidung. "Die grüne Schokolade wird gesellschaftsfähig", sagt Wolfgang Werth, der in der hauseigenen Marktforschung arbeitet. Er stellt einen Stimmungswandel unter der Bevölkerung fest. "Gesunde Ernährung, biologische Nahrungsmittel und fairer Handel spielen eine größere Rolle." Hoppe- Ritter sagt, dass das Unternehmen seit kurzem deutlich mehr E- Mails von Verbrauchern erhalte, die sich für die Bedingungen der Produktion interessierten.

Ist Marli Hoppe-Ritter nun eine konventionelle Unternehmerin, die sich ein bisschen Sozialpolitik für ihr gutes Gewissen leistet und per Kunstsponsoring ihren Namen überliefern will? Oder kann man sie als "Soziale Kapitalistin" bezeichnen?

"Ich würde sagen, die Ritters gehören zu den sozialeren Arbeitgebern", sagt Jürgen Reisig von der Gewerkschaft NGG.

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