Rohstoff-Drehscheibe Zug Im Reich der Rich Boys

Hier sind kritische Nachfragen unerwünscht: Ausgerechnet im Schweizer Kanton Zug residieren einige der mächtigsten Rohstoffhändler der Welt - und machen diskrete Milliardengeschäfte mit Öl, Gas, Metall und Kaffee. Ein Blick auf die Geheimnisse einer umstrittenen Branche.
Von Michael Soukup

Zürich/Zug - Die ganze Region deckte den Mann. Selbst die Landesregierung in Bern legte ihre schützende Hand über ihn. Trotzdem musste er ständig mit der Entführung durch Geheimdienstler der Vereinigten Staaten rechnen. Die hatten für ein Kidnapping per Helikopter schon die Steigung der Straße errechnet, an der er wohnte. Auf dem Dach seiner Firmenzentrale patrouillierten Sicherheitsleute mit Ferngläsern. Zum Lunch ging der "Most Wanted" des FBI durch einen Tunnel, der zu seinem Lieblingsrestaurant führte.

Unglaubliches geschah im Innerschweizer Kanton Zug.

Erst seit dem 20. Januar 2001 führt Marc Rich wieder ein - fast - normales Leben. An diesem Tag wurde der so geniale wie berüchtigte Rohstoffhändler von US-Präsident Bill Clinton begnadigt - nur wenige Stunden vor dem Ende von dessen Amtszeit. Mit einem Federstreich war die seit 1983 bestehende Anklage wegen Steuerhinterziehung, Ölpreismanipulationen und Handel mit dem Feind ebenso aus der Welt geschafft wie die drohende Höchststrafe von 325 Jahren.

Heute sieht man Rich, inzwischen 73, hin und wieder in der schicken Lebensmittelabteilung des "Globus"-Warenhauses einkaufen - oder er spielt Tennis in seiner Wohngemeinde Meggen, einem steuergünstigen Nobel-Vorort Luzerns. Ansonsten lebt er zurückgezogen in seinem Anwesen am Vierwaldstättersee. Doch Rich hat offenbar immer noch Angst um sein Leben. Wozu sonst die Leibwächter, die Abfalleimer im Tennisclub durchsuchen?

New York, Tokio, Zug

Die Geister, die er rief, wird Rich nicht mehr los. Einige der erfolgreichsten und umstrittensten Rohstoffhändler der Welt sollen ihr Handwerk bei ihm gelernt haben – die "Business Week" nannte sie die "Rich Boys". Ihretwegen sind ausgerechnet das Städtchen Zug und der umliegende, gleichnamige Kanton zu einem der wichtigsten virtuellen Handelsplätze für Ressourcen und Agrarprodukte geworden. Und ohne Rich wäre es kaum zu erklären, dass das umsatzstärkste Unternehmen der Schweiz ausgerechnet im Örtchen Baar unweit von Zug residiert.

Dieser gespenstische Koloss, die Glencore International, setzte 2006 146 Milliarden Franken mit dem Handel von Metallen, Erdöl, Kohle und Agrarwaren um - 50 Milliarden mehr als der Nahrungsmittelkonzern Nestlé. Bis 1994 hieß die Firma noch Marc Rich + Co. AG – ein Faktum, das auf der Glencore-Website allerdings nirgendwo erwähnt wird. Ebenfalls in Zug heimisch ist der Rohstoffriese Xstrata  , der zu 35 Prozent Glencore gehört, und mit 33 Milliarden Franken Umsatz zu den Top-Ten-Firmen des Landes zählt. Verwaltungsratspräsident von Glencore und Xstrata ist übrigens der deutsche Willy Strothotte – auch er begann seine Karriere bei Rich.

Die Rohstoffhändler fanden und finden Gefallen an einer Zuger Spezialität: der gemischten Domizilgesellschaft. Dank dieses raffinierten Kunstgriffs profitieren die Händler von den Tiefststeuersätzen für Briefkastenfirmen. Trotzdem dürfen sie eine Geschäftstätigkeit ausüben, wenn der Anteil des Auslandsgeschäfts mindestens 80 Prozent beträgt. Das Gros der im Ausland erzielten Erträge bleibt weitgehend steuerfrei.

Schweigevirtuosen und Diskretionsfanatiker

So viel Freiheit beflügelt. Mittlerweile wird nirgendwo auf der Erde mehr Kaffee umgesetzt als im knapp 25.000 Einwohner zählenden Stadt Zug. Auch beim Erdöl rangiert Zug nicht weit hinter großen Handelsplätzen wie London, New York und Tokio. Weltweit zur Spitze gehört die Innerschweiz auch im Metall- und Kohlegeschäft.

Genauere Daten gibt es nicht - der Rohstoffhandel ist eine Blackbox, Fragen werden ungern beantwortet. "Die Zuger sind richtige Schweigevirtuosen, Verschweigekünstler, Diskretionsfanatiker, und die zugezogenen Zuger sind es noch mehr", schrieb die Reporterlegende Niklaus Meienberg 1984 - eine immer noch aktuelle Aussage.

Zwar veröffentlicht die Regierung jedes Jahr einen ausführlichen "Kiesabbaubericht" - aber wie viele Firmen im viel wichtigeren Rohstoffhandel mitmischen, kann oder will niemand sagen. "Es ist aus Gründen der personellen Ressourcen nicht möglich, diese Frage zu beantworten", erklärte die Regierung auf eine Anfrage der linken Opposition. Erstaunlich, ist doch Zug einer der reichsten Kantone der Schweiz.

Klar ist: Außer Glencore haben einige der größten Erdöl- und -gashändler der Welt ihr Domizil im Kanton Zug gefunden. Hier sitzt die Gasprom-Tochter Nord Stream mit Gerhard Schröder als Vorsitzendem des Aktionärsausschusses. Auch die BASF-Tochter Wintershall, der nach eigenen Angaben führende Erdöl- und Erdgasproduzent Deutschlands, ist mit einem Ableger vertreten.

Der Admiral und die Schurkenstaaten

34 Jahre sind vergangenen, seit Marc Rich hier seine erste Rohstofffirma gründete - damals in einer Vier-Zimmer-Wohnung. Heute residiert sein Spross Glencore in einem wuchtigen Bürokomplex im nachbarschaftlichen Baar. Rich hat offiziell mit Glencore nichts mehr zu tun, hat die Firma ans Management verkauft und sich selbst daraus zurückgezogen - aber die juristische Kontinuität besteht weiter.

Rund 400 Glencore-Angestellte arbeiten in der Zentrale. In Glencores Minen und bei Industriebeteiligungen sind weltweit weitere 50.000 Menschen direkt oder indirekt für den Handelskoloss tätig. Zum Reich gehören 100 Containerschiffen und 50 Öltanklager. Als nicht börsennotierte Firma muss Glencore kaum über seine Geschäfte informieren – und tut es auch nicht. Ein Treffen mit SPIEGEL ONLINE wurde abgelehnt.

Für Schlagzeilen sorgen die Zuger Mitarbeiter immerhin dank ihrer opulenten Feste. Bei der Weihnachtsfeier trat die US-Rockerin Pink auf, in früheren Jahren wurden Bryan Adams, Sting oder Joe Cocker eingeflogen.

Wer bei Marc Rich nicht innerhalb weniger Jahre Millionär wird, sei dumm - so heißt es noch heute in Zug. Glencore gehört heute zu einem Drittel der zwölfköpfigen Geschäftsleitung. Nach Schätzungen von "Euro am Sonntag" bekam 2006 jedes Mitglied 104 Millionen Franken ausgeschüttet.

CEO Ivan Glasenberg, der gebürtige Südafrikaner, bekam demnach noch ein bisschen mehr. Der ehemalige Kohlehändler machte unter Rich eine steile Karriere. Laut "Wall Street Journal" hat er während der Apartheid weiterhin Käufer für südafrikanische Kohle gefunden. Da die Schweiz weder Mitglied der Uno war noch die Sanktionen unterstützte, diente Zug als globale Drehscheibe für den Handel mit Südafrika.

Glencore betont hingegen, Glasenberg habe damals zwar südafrikanische Kohle aufgekauft, für den Weiterverkauf sei aber nicht er, sondern unter anderem die Zentrale in der Schweiz zuständig gewesen.

"Blutsauger der Dritten Welt"

Rich sei ein "Blutsauger der Dritten Welt", sagte einmal der Zuger Politiker und Rich-Gegner Josef Lang von der Partei Die Alternative Kanton Zug. Eine von Richs Spezialitäten war der Handel mit Schurkenstaaten. Man nannte ihn den "Admiral", weil er zwischen 1979 bis 1993 über hundert Öltanker mit nigerianischem Erdöl nach Südafrika schickte - damit unterlief auch er das Uno-Embargo. Das Geiseldrama in der US-Botschaft in Teheran 1979 hielt Rich nicht davon ab, mit dem iranischen Regime Ölgeschäfte zu machen.

Viele Rich-Boys halten sich weiterhin an Richs Motto "Es geht nie um Politik" - und machen Geschäfte mit fragwürdigen Regierungen. "Die Rohstoffzwischenhändler springen auch heute in die Bresche, wo andere sich zurückziehen", sagt der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth SPIEGEL ONLINE. "Und Zug bietet dafür gute Rahmenbedingungen."

Pieth untersuchte für die Uno den "Oil for Food"-Skandal. Zwischen 1995 und 2003 konnte der Irak Erdöl im Wert von 65 Milliarden Dollar verkaufen, für humanitäre Zwecke - doch tatsächlich gingen nach Untersuchungen einer unabhängigen Uno-Kommission fast zwei Milliarden an Saddams Regime. Schmiergelder in diesem Zusammenhang sollen auch 40 Schweizer Firmen gezahlt haben, darunter Glencore und die Marc Rich Group - die die Vorwürfe bestritten haben.

Rechtlich belangt wurde neben der Schweizer Händlerfirma Vitol der Konzern Trafigura mit Hauptsitz in Amsterdam und Niederlassung in der Zentralschweiz – er wurde 1993 von ehemaligen Rich-Partnern gegründet. Der Erdölhändler zahlte 20 Millionen Dollar Strafe wegen Schmiergeldzahlungen im Irak. Mitte 2006 sorgte der Konzern noch für einen weiteren Skandal - damals lud ein Giftmülltransporter aus Amsterdam hochgiftige Abfälle auf Müllhalden der Elfenbeinküste ab. Tausende erlitten Vergiftungen, mindestens zehn Menschen starben. Trafigura zahlte eine Millionenentschädigung an die Regierung der Elfenbeinküste.

Dubiose Rolle in Kolumbien

Glencore und Xstrata stehen aktuell vor allem wegen ihres Engagements in Kolumbien in der Kritik. Laut kolumbianischen Gewerkschaften betrieben die Bergbaukonzerne dort eine Politik der Vertreibung - Glencore bezeichnet diese Berichte als unwahr.

Als ein Beispiel wird das Umland von Carbones del Cerrejón genannt. Dort befindet sich eine der wichtigsten Kohletagbauminen der Welt, größer als der Bodensee. Bis 2002 gehörte sie mehrheitlich einem Ableger des US-Ölgiganten ExxonMobil, dann stockte Glencore seinen Anteil auf. Kurz zuvor wurde das Dorf Tabaco geräumt - 1000 Polizisten und Soldaten vertrieben die noch 110 verbliebenen Familien. Nach Angaben von Menschenrechtlern wurden Häuser mit Bulldozern platt gewalzt.

Glencore weist jede Verantwortung von sich. Als Minderheitsaktionär habe man "keine Kontrolle über das Exxon-Management" gehabt. Vor zwei Jahren verkaufte Glencore seinen Anteil an der Mine an Xstrata. Auf Druck der Öffentlichkeit erklärte sich Xstrata im August zusammen mit den übrigen Eignern bereit, eine unabhängige Untersuchung einzuleiten.

Der kolumbianische Gewerkschafter Sergio Becerra Moreno erhebt noch weiter gehende Vorwürfe. In der Umgebung der Glencore-Mine La Jagua seien Bewohner bedroht und ermordet worden, sagte er SPIEGEL ONLINE. Glencore dementierte auf Nachfrage entschieden, direkt oder indirekt involviert gewesen zu sein. Die Gewerkschaften in Kolumbien starteten alle zwei Jahre eine Kampagne gegen den Konzern, heißt es - denn immer im Frühling würden die Gehälter neu verhandelt. Der Konzern empfing den kolumbianischen Gewerkschafter Ende Januar in Zug, um die Vorwürfe zu besprechen.

Die Beweislage ist schwierig. "Es gab Attentate, Morde und gar Massaker im Umkreis der Minen", sagt Stephan Suhner von der Menschenrechtsorganisation Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien. "Dass Glencore daraus einen Nutzen zog, ist denkbar. Es gibt einige Zeugenaussagen, aber beweisen kann man es nicht."

Fest steht: Glencore macht sich Sorgen um sein Image - und investiert in ungewohnte Öffentlichkeitsarbeit. Mitte Februar engagierte der Konzern hoch bezahlte Imageberater aus London – zu deren Ex-Kunden gehörte schon der Skandalkonzern Enron.

Innerhalb von 24 Stunden organisierte man für SPIEGEL ONLINE über 100 Seiten "Beweismaterial" über Glencores Wohltaten in Kolumbien: Fotos von sanierten Spitälern und Schulen, Berichte aus Lokalzeitungen und Dankesbriefe von Behörden. Die Investitionen in solche Projekte beliefen sich nach Firmenangaben in den vergangenen Jahren auf 1,4 Millionen Dollar.

Menschenrechtler Suhner ist unbeeindruckt von der Summe. Er sagt: "Das entspricht dem Gegenwert der Kohleproduktion von zwei, drei Tagen."

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