Rohstoffhunger Wie Schokolade zum Spekulationsobjekt wird

Spekulanten wetten nicht nur auf Öl, Gold oder Weizen. Auch Kakao ist ins Visier der Börse geraten - mit fatalen Folgen für Schokoladenliebhaber. Das Lieblingsnaschwerk der Deutschen ist so teuer wie nie.

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Hamburg - Der Gang durch einen gewöhnlichen Supermarkt ist derzeit kein erquickliches Erlebnis - gerade wenn es Richtung Kasse geht: Nudeln beispielsweise kosten 26 Prozent mehr als noch vor einem Jahr, Käse plus 26 Prozent, Quark plus 46 Prozent, Brot plus zehn Prozent, Bier plus acht Prozent. An der Kasse angekommen, locken dann Regale mit allerlei Süßem. Doch auch hier: Durchschnittlich 13 Prozent mehr als im Frühjahr 2007 kostet eine 100-Gramm-Tafel Schokolade - von Schokoriegeln oder Überraschungseiern ganz zu schweigen.

Schokolade: Teures, süßes Vergnügen
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Schokolade: Teures, süßes Vergnügen

Es ist noch gar nicht lange her, da warfen einem die Discounter die Tafel Milka vom Wühltisch für 39 Cent hinterher. Inzwischen allerdings avanciert die Lieblingsnascherei der Deutschen immer mehr zum Premiumprodukt. Und wie bei Öl, Weizen oder Gold sind für den Anstieg nicht nur die höhere Nachfrage, sondern vor allem Spekulanten an den Warenterminbörsen in New York oder London verantwortlich. Seit Oktober des vergangenen Jahres stieg der Preis für den Hauptrohstoff Kakao von etwas mehr als 1200 Euro pro Tonne auf gegenwärtig 1750 Euro.

Für Edelkakao müssen die Hersteller sogar bis zu 5000 Euro pro Tonne hinlegen. Dabei sind für die Preissteigerungen nicht nur die schlechte Ernte und die hohe Nachfrage der vergangenen Saison verantwortlich: Insgesamt ernteten die Kakaobauern von der Elfenbeinküste oder aus Madagaskar in der vergangenen Saison rund 3,4 Millionen Tonnen der feinen Schokoladenzutat. Zwar benötigte die Industrie eigentlich mehr als 3,6 Millionen Tonnen, Mangel herrschte jedoch trotzdem nicht: Immerhin lagerten mehr als 1,5 Millionen Tonnen Kakao in den Silos der Erzeuger.

Vielmehr trieben Fonds und Spekulanten den Preis in ungeahnte Höhen. Allein im vergangenen Jahr hielten sie an der New Yorker Börse bis zu 96.500 sogenannter Lots (ein Lot = zehn Tonnen) des Rohstoffs. Schon diese Menge spekulativer Positionen entspricht knapp 30 Prozent der gesamten Kakao-Erntemenge - ein zuvor noch nie erreichter Wert. Die entsprechenden Positionen an der Londoner Börse werden nicht veröffentlicht, wurden aber für den gleichen Zeitraum auf bis zu 60.000 Lots geschätzt.

Neue Märkte in China und Indien

"Der Börsenpreis für Rohkakao müsste angesichts der fundamentalen Daten wie Ernte- und Nachfragemenge unter 1200 Euro pro Tonne liegen. Alles andere ist spekulationsbedingt", sagt Alwin Maaskant, als Geschäftsführer des Schokoladeproduzenten Storck in Berlin für den Einkauf der Rohware zuständig.

Denn tatsächlich investieren inzwischen nicht mehr nur die spezialisierten Hedgefonds in Kakao, Kaffee oder Zucker. Zunehmend drängen auch hier die großen Index-Fonds auf den Markt, die sogenannte Commodity-Körbe kaufen. Im Portfolio der Rohstofffonds, wie beispielsweise der Dow Jones AIG Commodity Index oder der Goldman Sachs Commodity Index, nimmt Kakao mit rund zwei Prozent zwar nur einen geringen Anteil ein. Weil aber gigantische Summen investiert werden, sind die Ausschläge auch bei Rohkakao viel größer als bei anderen Rohstoffen wie Weizen oder Soja.

Allein die fünf bedeutendsten Rohstoffindizes verbuchten im vergangenen Jahr einen Wertzuwachs von 29 Prozent. Für die Fondsbetreiber sind sogenannte Soft-Commodities aus dem Lebensmittelsektor überaus lukrativ. Denn sie sind im Vergleich zu klassischen Rohstoffen wie Öl oder Gold vergleichsweise billig. Und die steigende Nachfrage aus Ländern wie China oder Indien verspricht auch in Zukunft satte Renditen.

Das Problem dabei: Der Markt wird dadurch immer intransparenter, da derartige Index-Fonds statistisch nicht dem Spekulationsbereich, sondern den kommerziellen Marktteilnehmern zugerechnet werden - obwohl sie es faktisch gar nicht sind.

Zehn Kilo Schokolade isst der Deutsche im Jahr

Doch auch Farmer an der Elfenbeinküste, von wo 40 Prozent der Weltkakaoerntemenge stammen, profitieren von der Preisexplosion: Normalerweise baut ein Farmer keinen Kakao mehr an, wenn er weniger als rund zwei Euro pro Tonne bekommt. Denn dann lohnen sich die Investitionen in Dünger und Pflege der Plantagen nicht mehr. An der Börse läge dieser Mindestpreis - durch Handelsspannen und die Gewinne der Handelspartner nach oben getrieben - bei 930 Euro pro Tonne.

Momentan kostet die Tonne allerdings 1750 Euro - was Produzenten wie Storck direkt zu spüren bekommen: Das Unternehmen verwaltet kein eigenes Hedge-Konto. Wie viele andere Unternehmen hält es lediglich Kontrakte für Lieferzeitpunkte in der Zukunft. Wird der richtige Moment allerdings verpasst, hat Storck das Nachsehen. "Wir haben letztlich keine Möglichkeit, uns gegen unerwartete Preisexplosionen abzusichern", sagt Storck-Mann Maaskant. 25.000 Tonnen Kakaobohnen und 50.000 Tonnen Kakaobohnenäquivalent kauft Maaskant jährlich ein - zu immer höheren Preisen, die er nur sehr eingeschränkt an die Kunden weiterreichen kann.

Dabei treffen die Ausschläge einen der stärksten Süßwarenmärkte der Welt. Mit rund einer Million Tonnen pro Jahr stellen deutsche Unternehmen so viel Schokolade her wie noch nie. Knapp zehn Kilo der braunen Masse verzehrt jeder Deutsche pro Jahr, damit liegt er hinter den Schweizern und den Briten weltweit auf Platz drei. Und so hoffen vor allem die Schweizer, die mit Lindt & Sprüngli eine der traditionsreichsten Schokoladenmarke beherbergen, dass die Rallye der Spekulanten bald ein Ende findet. Denn - so Ernst Tanner, Chef des Schokoladenherstellers, resigniert - "mit Angebot und Nachfrage hat das kaum noch etwas zu tun."


Öl und Gas, Weizen und Reis: Nach Hightech-Aktien und Immobilienkrediten haben die Spekulanten den Rohstoffmarkt entdeckt: Lesen sie in der aktuellen Titelgeschichte des SPIEGEL, wie sie die Preise in astronomische Höhen treiben.



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H.Ehrenthal, 07.06.2008
1.
Zitat von sysopRohstoffe werden knapp und teuer, die Abhängigkeit der Wirtschaft davon steigt. Sollten daher Spekulationsgeschäfte mit diesen Gütern generell per Gesetz verboten werden
Wo, Herr/In sysop? Deutschland? Andorra? Weltweit? Bei weltweit wäre eine wundersame Intelligenzerhöhung wahrscheinlicher.
tom_hwi, 07.06.2008
2.
Zitat von sysopRohstoffe werden knapp und teuer, die Abhängigkeit der Wirtschaft davon steigt. Sollten daher Spekulationsgeschäfte mit diesen Gütern generell per Gesetz verboten werden
Der jüngste Anstieg des Rohölpreises von 122 auf 139 Dollar innerhalb von 2 Tagen zeigt, dass die Spekulationsgeschäfte verboten gehören oder zumindest stark eingeschränkt werden müssten. Die dann frei werdenen Gelder sollten lieber in die Erforschung und Etablierung von alternativen Energien gesteckt werden, die uns weg vom Öl bringen. Die CTFC, die Aufsicht der US Terminbörsen, will die Spekulanten ins Visier nehmen. http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,556842,00.html Die letzten 2 Tagen zeigen eindrucksvoll, dass hier extremer Handlungsbedarf besteht. Aber auch bei den Nahrungsmitteln wird auf immer höhere Preise spekuliert. Die Folge sind weiter steigende Preise, die viele Menschen in den ärmeren Ländern nicht mehr bezahlen können. Ich habe vor kurzem einen Bericht über Haiti gesehen, wo die Kinder Lehmkekse essen, um nicht zu verhungern. Die Spekulanten sind hier sicherlich nicht die Ursache, sie verschärfen aber in nicht dagewesener Weise die Preisexplosion und forcieren damit das Problem. Auch hier wäre es sinnvoller, das Spekulationsgeld in Projekte zu investieren, die den Hunger bekämpfen. Dummerweise erlaubt diese Art der Investitionen nicht das schnelle Geld, wie es die Spekulation verspricht.
Benjamin1965 07.06.2008
3.
Zitat von tom_hwiDer jüngste Anstieg des Rohölpreises von 122 auf 139 Dollar innerhalb von 2 Tagen zeigt, dass die Spekulationsgeschäfte verboten gehören oder zumindest stark eingeschränkt werden müssten. Die dann frei werdenen Gelder sollten lieber in die Erforschung und Etablierung von alternativen Energien gesteckt werden, die uns weg vom Öl bringen. Die CTFC, die Aufsicht der US Terminbörsen, will die Spekulanten ins Visier nehmen. http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,556842,00.html Die letzten 2 Tagen zeigen eindrucksvoll, dass hier extremer Handlungsbedarf besteht. Aber auch bei den Nahrungsmitteln wird auf immer höhere Preise spekuliert. Die Folge sind weiter steigende Preise, die viele Menschen in den ärmeren Ländern nicht mehr bezahlen können. Ich habe vor kurzem einen Bericht über Haiti gesehen, wo die Kinder Lehmkekse essen, um nicht zu verhungern. Die Spekulanten sind hier sicherlich nicht die Ursache, sie verschärfen aber in nicht dagewesener Weise die Preisexplosion und forcieren damit das Problem. Auch hier wäre es sinnvoller, das Spekulationsgeld in Projekte zu investieren, die den Hunger bekämpfen. Dummerweise erlaubt diese Art der Investitionen nicht das schnelle Geld, wie es die Spekulation verspricht.
Und tom_hiwi, warum verbietest Du diese Geschaefte nicht einfach. Oder sysop" Warum verbietet nicht einfach Deutschland den Amerikanern diese Geschaefte?
susanne_tatter 07.06.2008
4.
Zitat von Benjamin1965Und tom_hiwi, warum verbietest Du diese Geschaefte nicht einfach. Oder sysop" Warum verbietet nicht einfach Deutschland den Amerikanern diese Geschaefte?
Genau! Revolutioooon! Aber wohin????
tom_hwi, 07.06.2008
5.
Zitat von Benjamin1965Und tom_hiwi, warum verbietest Du diese Geschaefte nicht einfach. Oder sysop" Warum verbietet nicht einfach Deutschland den Amerikanern diese Geschaefte?
Bitte überschätzen Sie meine Fähigkeiten nicht. Auf mich werden die sicherlich nicht hören. Das ist allein die Aufgabe der CTFC in enger Zusammenarbeit mit den Politikern, die dann diese Geschäfte verbieten oder zumindest stark einschränken. Schon erstaunlich warum ausgerechnet die Amis nicht gegensteuern, die ja besonders unter dem hohen Ölpreis leiden, da zeitgleich der Dollar massiv in die Knie geht. Außerdem kommt noch der überraschend starke Anstieg des Arbeitslosenquote in den USA von 5 auf 5,5% hinzu, die die Wirtschaft weiter schwächt. Einen weiter steigenden Ölpreis ist das letzte, was die stagnierende amerikanische Wirtschaft jetzt braucht, da die USA die weltweit größten Verbaucher von Öl sind und damit wie kaum ein anderes Land auf Rohöl angewiesen sind.
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