Rohstoffräuber "Die werden immer dreister"

Der Metallklau ist ein lohnendes Geschäft - besonders beliebt ist Kupfer. Diebe räumen immer öfter die Lager des Sanitärhandels leer und kappen Bahn-Oberleitungen. Obwohl die Polizei Hunderte Täter fassen konnte, geht der Spuk immer weiter.

Von Tim Höfinghoff


Hamburg – Wenn Karl Schwanbeck über sein Geschäft spricht, dann hört es sich an, als ob der Mann in einer ganz exklusiven Branche zu Hause ist. "Unser Zeug hier ist Gold wert", sagt er. "Wir handeln mit Edelmetallen", schiebt er nach, wobei seine Betonung auf dem Wort edel liegt.

Was Schwanbeck auf dem Hof liegen hat, ist unter Kriminellen inzwischen begehrter als die Ware von Juwelieren. Dabei ist Schwanbeck Chef eines Sanitärgroßhandels. Die Firma D.F. Liedelt in Norderstedt nördlich von Hamburg verkauft alles, was Handwerker brauchen: Rohre, Wasserrinnen, Dichtungen, Schrauben, und Badewannen. Mehr als vier Millionen Teile hat das Unternehmen vorrätig. Auch Kupfer - und das in großen Mengen: Auf dem Firmengelände lagern 25 Tonnen Kupferrohre, das entspricht einer Länge von 40 Kilometern.

Seit der Kupferpreis im Höhenflug ist, schlagen Rohstoffdiebe bei Liedelt immer öfter zu: Schon sechsmal haben sie sich bedient. "Irgendwann bin ich pleite, weil wir gegen solche Diebstähle nicht versichert sind", schimpft Schwanbeck. "Ich habe eine unheimliche Wut im Bauch." Die Polizei ermittelt, hat aber noch niemanden dingfest machen können.

Für Branchenkenner sind solche Klau-Aktionen in Serie längst keine Überraschung mehr: "Der Diebstahl floriert", sagt Ladji Tikana vom Deutschen Kupferinstitut in Düsseldorf. "Fast alle Industriemetalle sind hoch im Kurs." Nicht nur Kupfer ist heiß begehrt, auch Aluminium und Stahlschrott kommen immer öfter weg. Vor drei Jahren kostete ein Kilo Kupfer noch zwei Euro, heute sind es acht Euro - auch die Preise für Alu und Schrott stiegen rasant. Volkswirtschaften wie China und Indien boomen und heizen die Preise an. Aber auch hierzulande ist in der Autoindustrie, der Energietechnik oder beim Wohnungsbau viel Kupfer gefragt. "Wenn man Energie übertragen will, gibt es nichts besseres als Kupfer", sagt Rohstoff-Experte Tikana.

Eigentlich war Unternehmer Schwanbeck gut gewappnet gegen Einbrecher: Den Zaun der Firma Liedelt krönt Stacheldraht, Kameras und Bewegungsmelder am Dach haben den Hof im Blick und ein schweres Eisentor sichert die Einfahrt. Doch wenn Diebe mit einem geklauten Postwagen den Zaun niederwalzen und die Tor-Elektrik kurzschließen, dann "nimmt die Dreistigkeit schon zu", sagt Schwanbeck. Die Bilanz des jüngsten Einbruchs: acht Tonnen Kupfer fehlten. Insgesamt summiert sich der Schaden auf 125.000 Euro. "Das muss man mal in Relationen sehen", sagt Schwanbeck, "das ist der Wert eines kleinen Einfamilienhauses."

Nächtliche Aktion auf Video aufgezeichnet

Die Einbrecher kamen stets in den frühen Morgenstunden – gerne sonntags, wenn in dem Industriegebiet absolute Ruhe herrscht. Erst überlisten sie die Bewegungsmelder und Flutlichtscheinwerfer. Dann setzen sie sich Grubenlampen auf dem Kopf und schaffen Leitern heran, um die Vorhängeschlösser aufzubrechen, die das Kupfer-Hochregal sichern. "Diese Leute sind hoch professionell", sagt Schwanbeck, "sechs bis acht Mann sind es gewesen." Dem Unternehmer bleibt nicht mehr übrig, als sich am nächsten Morgen die nächtliche Aktion auf Video anzusehen. Dank Vollmond hatten die Überwachungskameras Bilder geliefert.

Auch andere Unternehmen müssen in Sachen Diebstahlschutz aufrüsten: So kamen dem Thermotechnik-Anbieter Buderus in Hamburg kürzlich elf Tonnen Kupfer abhanden - Schaden: 40.000 Euro. Bei einer sächsischen Firma waren es 18 Tonnen. Dabei nimmt der Rohstoffklau bisweilen bizarre Formen an: In Berlin drohte im Frühjahr ein Wohnhaus in die Luft zu fliegen, weil Diebe die Kupfer-Gasrohre aus den Wänden rissen. Als ein Nachbar den Diebstahl in der leer stehenden Wohnung bemerkte, flüchteten die Täter. Vorsichtshalber evakuierte die Feuerwehr alle Bewohner.

In Düsseldorf brach Mitte Juni der Bahnverkehr zusammen, weil Diebe Signalkabel aus Kupfer gekappt hatten. Die Folge: Weichen und Signale funktionierten nicht mehr, Zehntausende Reisende steckten in den Zügen fest. Für die Deutsche Bahn wird der Rohstoffklau zunehmend zum Problem: "Seit 2004 merken wir einen deutlichen Anstieg", so eine Sprecherin. Im vergangenen Jahr verbuchte die Bahn einen Schaden von mindestens 20 Millionen Euro. Kosten für Reparaturen und die Verspätungen noch gar nicht eingerechnet.

Komplette Lkw-Ladung geraubt

Auch die Schrottbranche stöhnt wegen der Diebstähle: "Wir können nicht erkennen, dass das abebbt", sagt Ulrich Leuning vom Bundesverband Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen (BDSV). Was die Schrotthändler auf ihrem Gelände lagern, wird mit steigenden Rohstoffpreisen immer wertvoller. Kameraüberwachung und hohe Zäune sind bei den Händlern längst Standard. Wenn mittlerweile aber komplette Lkw-Ladungen mit Metall wegkommen, "dann ist das so, als ob man einen Geldtransporter fährt", sagt Leuning. Kein Wunder, dass manche Speditionen ihren Fahrern schon die Pinkelpause verbieten, damit die teure Fracht direkt und sicher zum Ziel kommt.

Eigentlich würde es Sinn für die Diebe machen, die geklaute Ware beim Schrotthändler zu verhökern. So kann auch beim BDSV niemand ausschließen, dass "jemand einen geklauten Wasserhahn verkaufen will", doch die Schrotthändler geben vor, sich stets die Ausweise der Verkäufer zeigen zu lassen, damit sie keine Hehlerware angedreht bekommen. Zudem meldet der BDSV auf seiner Internetseite stets die neuesten Diebstähle: Ob 17 Kupferbarren aus einem Güterzug verschwinden oder Diebe mal wieder aus einer Trafostation Niederspannungskabel "mit einer Flex durchtrennt" haben. "Vor dem Ankauf der Ware wird gewarnt", so der Aufruf an die Recyclingfirmen auf der BDSV-Internetseite.

Ermittler gehen davon aus, dass die Rohstoffe irgendwo im Osten Europas verkauft, verbaut oder eingeschmolzen werden. Wegen der Nähe zur Grenze scheint das "Phänomen Buntmetalldiebstahl" - wie die Fälle im Polizeijargon heißen - daher besonders in Ostdeutschland beliebt zu sein. Hatte das Landeskriminalamt Brandenburg im Jahr 2000 noch 119 Fälle gemeldet, registrierten die Fahnder im vergangenen Jahr schon 810. Der Schaden summierte sich auf 2,7 Millionen Euro. Dabei konnte die Polizei in Brandenburg inzwischen ein Drittel der Fälle aufklären und 460 Täter ermitteln. Auch in anderen Bundesländern stehen zunehmend Täter wegen Rohstoffdiebstahl vor Gericht.

Hunderte Meter Oberleitung gekappt

Bei manchen Unternehmen sorgt der Kupferklau nicht nur für Dauerfrust, sondern auch für Stillstand: So hat die historische Extertalbahn, die in Nordrhein-Westfalen eigentlich zwischen Bösingfeld und Rinteln pendelt, in den vergangenen 18 Monaten schon sieben Klauattacken auf die Fahrleitung verschmerzen müssen. "Da ist mittlerweile nicht mehr so viel übrig, was man noch klauen kann", sagt Manuela Scheel von den Verkehrsbetrieben Extertal. Seitdem die Diebe immer wieder Hunderte von Metern der Oberleitung kappen, steht der Bahnbetrieb auf der Sechs-Kilometer-Strecke für die Elektro-Lok still. "Wir zögern, das wieder aufzubauen, denn wir sind nur ein Museumsbetrieb."

Der Schaden von 200.000 Euro haut mächtig ins Budget: "Wir ärgern uns schwarz", sagt Scheel, "zumal die Diebe immer dreister werden und sich auch tagsüber bedienen." Da nur selten eine Lok über die Gleise rauscht, ist oft der Strom abgestellt - das scheinen die Diebe zu wissen. Obwohl der Museumsbetrieb im Extertal wegen des Dauer-Diebstahls noch einige Monate lahm gelegt ist, gibt sich Jochen Brunsiek vom Verein Landeseisenbahn Lippe kämpferisch: Die Eisenbahnfreunde wollen nächtliche Patrouillefahrten organisieren, schließlich "hatten die Täter oft bei Vollmond zugeschlagen".



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