Zur Ausgabe
Artikel 14 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

LONDON Rosa Zone

aus DER SPIEGEL 1/1960

Einen Tag nach der Proklamation der »Rosa Zone«, eines Park-Sperrbezirks in der Londoner City, erzählte Englands Verkehrsminister Ernest Marples vor Journalisten persönliche Tageserlebnisse. Der Minister habe, so hieß es anderntags in den Personalienspalten der Fleet-Street-Zeitungen, für die Fahrt vom Parlament zu seinem Amtssitz am Berkeley Square nur sieben Minuten gebraucht - dreizehn Minuten weniger als sonst. Vor dem Ministerium hätten ihn Taxifahrer angesprochen, um ihm, dem Initiator der innerstädtischen Parksperre, spontan zu danken. Laut Marples etwa so: »Gewöhnlich haben wir Taxifahrer jeden Tag eine Stunde Arbeitszeit durch Verkehrsstockungen verloren. Gestern und heute nicht eine Minute.«

Zeitungen werteten die Schnellfahrt des Ministers Marples und die von den Taxichauffeuren repräsentierte Stimme des Volkes als sichere Zeichen für den Erfolg der ersten umfassenden Parksperre in der britischen Hauptstadt. Und tatsächlich schien es, als ob die Aktion »Rosa Zone« sich als wirksames Mittel gegen das großstädtische Verkehrschaos erweisen würde.

Nur wenige Tage nach der Einführung der »Rosa Zone« - sie wurde Ende November verkundet - stellte sich allerdings ein gänzlich unerwarteter Umstand heraus: Die Briten, die sich gewöhnlich zum Wohle der Allgemeinheit willig Selbstdisziplin auferlegen, wenn es Vernunftgründe gebieten - verblüffendstes Beispiel für Kontinentaleuropäer: die Schlangen ("Queues") an den Bushaltestellen -, benahmen sich diesmal so unvernünftig wie Mitteleuropäer. Schon eine Woche später sprach die konservative »Daily Mail« aus, was inzwischen offenkundig geworden war: »Marples« Projekt droht zusammenzubrechen!«

Nach dem Marples-Plan, dem die Kabinettsmitglieder im November zugestimmt hatten, sollte zwischen dem 1. Dezember und dem 16. Januar verboten sein, Automobile in der rosa markierten Zone abzustellen, in der bekannte Geschäftsstraßen wie die Oxford Street, die Regent Street und das Ausländer-Viertel Soho liegen. »Die Dauerparker haben nicht das Recht«, begründete Marples die strenge Regelung, »den Bezirk abzuwürgen, in dem sie ihr Brot verdienen.« Er verwies darauf, daß schon im Vorjahr, bei geringerem Autobestand, der Stadtverkehr in der Vorweihnachtsperiode stundenweise zum Stillstand kam - nicht zuletzt, weil die Verkehrsadern durch Dauerparker verengt worden waren.

Deshalb sollten in diesem Jahr die privaten Kraftwagen nicht mehr von Kaufhaus zu Kaufhaus rollen, nicht mehr vor den Theatern oder den Soho-Gaststätten vorfahren, sondern auf provisorisch eingerichteten Großparkplätzen außerhalb der »Rosa Zone« verbleiben. Von dort aus, so versprach Marples, könnten die Autofahrer mit den fortan schnell und pünktlich verkehrenden Bussen ihren Zielen zueilen. Das war ein Plan, wie er seit längerer Zeit auch Städteplanern in der Bundesrepublik vorschwebt.

Anfangs klappte alles wie vorgesehen. Kein Londoner parkte in dem Sperrgebiet. In der Oxford Street, die früher mehrmals täglich heillos verstopft war, konnten Pkw und Busse lange Strecken im (höchstzulässigen) 50-Kilometer-Tempo fahren. Die Westend-Kraftfahrer vermochten jedoch der Verlockung der leeren Flächen nicht zu widerstehen und drangen alsbald von allen Seiten in das Parkvakuum vor. Verkehrsminister Marples selbst steuerte zu den Debatten über die »Rosa Zone« eine angeblich wahre Geschichte bei: »Ein Freund, der im Westend wohnt«, erzählte der Minister vor Zeitungsleuten, »wollte das Projekt unterstützen und zahlte wöchentlich drei Pfund (35,25 Mark) für einen Abstellplatz in einer Garage. Am ersten Tag blieb der Platz vor seinem Haus, wo er sonst seinen Wagen geparkt hatte, leer. Aber vom zweiten Tag an parkte dort ein fremdes Auto. Schließlich rief er mich an und erklärte: 'Weshalb soll ich eigentlich jede Woche drei Pfund zahlen, damit ein anderer umsonst parken kann?'«

Die Parksünder wurden von Tag zu Tag kecker. Denn Marples hatte durchblicken lassen, daß er, auf die Vernunft der Londoner bauend, sein zunächst nur für die Weihnachtszeit befristetes Parkverbot nicht durch Tausende von Gerichtsvorladungen zu diskreditieren gedachte. Da in England

- anders als etwa in der Bundesrepublik - ein Verstoß gegen die Verkehrsgesetze nur auf dem Weg über eine Gerichtsverhandlung geahndet werden darf, blieb der Polizei nur noch eine rigorose Kampfmaßnahme.

Die Bobbies schleppten mit Hilfe von Polizei-Lastautos rund tausend Kraftwagen ab, die in der Sperrzone parkten. Mehr Automobile konnten die angestrengt arbeitenden Polizisten nicht aus dem Banngebiet schaffen, und die Gesetze ließen nicht zu, daß sich etwa private Firmen im Auftrage der Polizei an der Bergungsaktion beteiligten.

Die Abschlepperei beeindruckte zudem die Dauerparker nicht sonderlich, weil die Polizei verpflichtet war, jedes abtransportierte Auto sofort und ohne Strafgebühren wieder herauszugeben, sobald der Besitzer auf dem Abstellplatz erschien. Die einzige Unannehmlichkeit für die Parksünder bestand mithin darin, daß sie mit einem Bus oder einer Taxe zu dem entsprechenden Sammelplatz außerhalb der »Rosa Zone« fahren mußten.

Obwohl die noch bis Mitte Januar andauernde Parkverbot-Aktion schon jetzt als mißlungen gelten kann, will Verkehrsminister Marples nicht aufgeben. Wie während einer Verkehrsdebatte des Unterhauses kurz vor den Weihnachtsferien ersichtlich wurde, betrachtet er Dauerparksperren als einziges Mittel zur Bekämpfung der Straßenverstopfungen in der Londoner City. Er beabsichtigt, baldmöglichst eine erweiterte »Rosa Zone« zu proklamieren, und will dann »zwei Jahre lang experimentieren«.

Die Fachleute seines Ministeriums planen bereits, die noch geringe Zahl der Parkuhren in London zu erhöhen. Außerdem soll der Polizei das Recht eingeräumt werden, Strafmandate nach amerikanischem Muster ("Tickets") an Parksünder zu verteilen und private Abschleppdienste anzuheuern. Der »Guardian« schlug überdies eine Maßnahme vor, die dem verblüffenden Mangel an Selbstdisziplin der britischen Automobilisten entgegenwirken soll: Abgeschleppte Autos, so forderte das Blatt, sollten künftig nur gegen eine Gebühr - »in der abschreckenden Höhe von 50 Pfund« (rund 600 Mark) - freigegeben werden.

Britischer Verkehrsminister Marples

Tempo 50 ...

... ohne Stop: Regent Street nach Verkündung der Parksperre

Zur Ausgabe
Artikel 14 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.