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FRANKREICH Rücken an der Wand

Die französische Regierung steckt in der Klemme: Sie möchte den Franc stützen und gleichzeitig eine expansivere Politik als andere Industrieländer betreiben.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Wenn es um den Kurs ihres Franc gegenüber Mark und Dollar geht, dann werden nationalbewußte Franzosen militant.

»Das tägliche Leben der Nationen«, kommentierte vergangene Woche die Pariser Wirtschaftszeitung »Les Echos«, sei »zuvörderst der Wirtschaftskrieg«, der Stunde für Stunde an den Devisenmärkten ausgetragen werde. Und von nun an, klagt das Blatt, »schlägt sich die Regierung für den Franc mit dem Rücken an der Wand«.

Wie schon unmittelbar nach dem Wahlsieg des sozialistischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand im Mai war der Franc Ende vorletzter Woche in den Strudel einer massiven Abwertungs-Spekulation geraten. Und wie vor vier Monaten verteidigte die Regierung ihre ins Europäische Währungssystem eingebundene Valuta durch Zwangsmaßnahmen, statt sie gegenüber der Mark und den anderen europäischen Partner-Währungen abzuwerten.

( Dem Europäischen Währungssystem, in dem ) ( die Wechselkurse der angeschlossenen ) ( Währungen untereinander nur innerhalb ) ( bestimmter Bandbreite schwanken dürfen, ) ( gehören neben Frankreich die ) ( Bundesrepublik, die Benelux-Länder, ) ( Dänemark, Irland und Italien an. )

Das Pariser Wirtschafts- und Finanzministerium verbot den Importeuren, sich schon vor Bezahlung einer Dollar-, Mark- oder sonstigen Auslands-Rechnung mit dafür benötigten Devisen einzudecken. Es will damit verhindern, daß Importeure, die einen fallenden Franc erwarten, sich schon frühzeitig Devisen beschaffen und so den Druck auf die heimische Währung verstärken.

Im Mai hatte die Regierung den Importeuren von Halb- und Fertigwaren ohnehin die Beschaffungsfrist für Devisen von zwei Monaten auf einen gekürzt. Den Rohstoff-Importeuren hatte sie eine Frist von drei Monaten zugestanden.

In Ländern mit freiem Devisenverkehr wie etwa in der Bundesrepublik sind solche Termingeschäfte dagegen ohne jede zeitliche Einschränkung erlaubt. Sie ermöglichen es den Außenhändlern, das Risiko von Währungsverlusten bei steigenden oder fallenden Kursen zu beschränken.

»Es trifft immer die, die nicht gemeint sind«, ärgerte sich Grundstoff-Importeur Pierre Arnaud über den verschärften Devisen-Dirigismus der Regierung. »Zielscheibe sind die Spekulanten, aber wir sind es, die getroffen werden.«

Ähnlich könnten auch die Banken klagen, hätten sie nicht angesichts der bevorstehenden Nationalisierung noch größere Sorgen als die Ertragslage in den nächsten Wochen und Monaten.

Denn um ausländische Anleger zum Kauf des kränkelnden Franc zu verlocken, zog die Regierung den Leitzins der Notenbank für täglich fällige Gelder von 17,5 auf 18,5 Prozent hoch.

Damit verteuerte sie die Geldbeschaffungskosten der französischen Banken, verdonnerte die Kreditinstitute jedoch zugleich, den Basis-Zinssatz für Ausleihungen an die Kunden nicht zu erhöhen. Dieser Zins beträgt gegenwärtig trotz einer Inflationsrate von fast 14 Prozent nur 14,5 Prozent, ist real also fast Null.

Nach Ansicht der Regierung können die Banken den Verlust, den sie derzeit durch die Kluft zwischen hohen Refinanzierungskosten und niedrigen Zinseinnahmen erleiden, noch eine Weile gut verkraften. Die Institute könnten ja von den Gewinnen im ersten Halbjahr 1981 zehren.

Auf Dauer aber wird sich der Franc-Kurs nicht auf Kosten von Banken und Außenhändlern halten lassen. Zu tief ist die Sorge der Investoren im In- und Ausland, daß die sozialistische Regierung unter Premier Pierre Mauroy mit einer stark expansionistischen Wirtschaftspolitik den raschen Kaufkraft-Verfall des Franc beschleunigt.

So wollen die neuen Pariser Regenten das Budget-Defizit im nächsten Haushaltsjahr auf 100 Milliarden Franc (42 Milliarden Mark) verdoppeln. In allen anderen großen westlichen Industriestaaten hingegen mühen sich die Regierungen, ihre Haushalts-Lücken durch Ausgabenstutzung soweit wie möglich abzudichten.

Obendrein plant die französische Regierung, durch verkürzte Arbeitszeiten die vorhandene Beschäftigung gleichmäßiger auf alle erwerbsfähigen Franzosen aufzuteilen -- anders als Briten-Premier Margaret Thatcher. Die Regierungschefin lehnt trotz drei Millionen arbeitsloser Briten Arbeitszeitverkürzungen als kosten- und preistreibend ab. Und auch Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff plädiert lieber für längere als kürzere Arbeitszeiten, da sonst die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gefährdet werde.

Gegen den Strom der von allen anderen Ländern verfolgten Politik steuert Paris auch bei den Zinsen. Denn alle westlichen Regierungen klagen zwar, daß die weltweit hohen Zinsen die Wirtschaft lähmen. Aber nur die französische Regierung versucht, sich durch Devisen- und Kapitalmarkt-Barrieren eine interne Zone niedriger Zinsen zu schaffen.

Dauerhaft aber könnte sich Frankreich nur durch ständige Abwertungen von den anderen Industrieländern abkoppeln. Denn nur bei laufenden Wechselkurs-Korrekturen nach unten kann eine Regierung eine expansivere Wirtschaftspolitik als ihre Partnerländer treiben, ohne in ein riesiges Handelsbilanz-Defizit hineinzuschlittern.

Abwertungen heizen über verteuerte Importe die inländische Inflation an. So steckt die französische Regierung in einem Dilemma: Entweder läßt sie die Inflation unkontrolliert laufen oder sie dreht auf den konservativen Kurs der anderen Europäer und Amerikaner bei.

Lange hat Premier Mauroy nach einem überzeugenden Vorbild für die französische Politik gesucht. Jetzt hat er es offenbar in einem kleinen, ebenfalls sozialistisch regierten Staate gefunden.

Es gebe »vor unseren Toren« ein Land, verriet er kürzlich den verdutzten Abgeordneten der Nationalversammlung, das schon seit längerem einen ähnlichen Weg wie er verfolge; es erfreue sich dabei einer niedrigen Arbeitslosigkeit, einer geringen Inflation und einer starken Währung: Dieses Musterland, so Mauroy, sei Österreich.

S.152Dem Europäischen Währungssystem, in dem die Wechselkurse derangeschlossenen Währungen untereinander nur innerhalb bestimmterBandbreite schwanken dürfen, gehören neben Frankreich dieBundesrepublik, die Benelux-Länder, Dänemark, Irland und Italienan.*

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