Rückgang der Arbeitslosenzahl Experten warnen vor Euphorie am Jobmarkt

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland sinkt unter die Drei-Millionen-Grenze - doch Experten warnen: Die Finanzkrise hat auf dem Jobmarkt noch nicht durchgeschlagen. Die Zahl der Erwerbslosen dürfte deshalb wegen des Wirtschaftsabschwungs bald wieder steigen. Die Bundesregierung reagiert vorsorglich.


Nürnberg - Ein "trotziges Signal der Zuversicht" nennt Bundesarbeitsminister Olaf Scholz die guten Arbeitsmarktzahlen angesichts der vielen schlechten Meldungen von Banken, Börsen und Industrie. Die Reformen der vergangenen Jahre, sagte er und meint damit wohl das rot-grüne Reformprojekt Agenda 2010, hätten den Arbeitsmarkt "wetterfester" gemacht. Er sprach aber auch von einer "bislang guten Konjunktur".

Agentur für Arbeit (in Halle): 84.000 Erwerbslose weniger als im Vormonat
DDP

Agentur für Arbeit (in Halle): 84.000 Erwerbslose weniger als im Vormonat

Tatsächlich meldet die Bundesagentur für Arbeit (BA) am heutigen Donnerstag trotz Rezessionsangst und Finanzkrise, dass die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im Oktober flächendeckend gefallen ist - erstmals seit 16 Jahren sogar unter die Marke von drei Millionen. Derzeit seien 2,997 Millionen Menschen ohne Job, heißt es in der Nürnberger Behörde. Damit registriert die BA insgesamt 84.000 Arbeitslose weniger als noch im September - und insgesamt so wenige wie seit November 1992 nicht mehr. Die Arbeitslosenquote geht um 0,2 Punkte auf 7,2 Prozent zurück BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise sprach von einem "von vielen Menschen erhofften Signal für den Arbeitsmarkt".

Ab Dezember wieder mehr als drei Millionen ohne Job

Doch auch Weise weiß, dass die Freude nicht allzu lange andauern wird. Spätestens in der zweiten Jahreshälfte 2009 dürfte die Arbeitslosenzahl wieder steigen, sagte er bei der Präsentation der Daten. Vorerst bleibe die Zahl der Menschen ohne Job aber relativ niedrig: Auch im November rechnet die BA mit weniger als drei Millionen Erwerbslosen, bevor diese Marke im Dezember wieder überschritten wird, sagte Weise. Im Frühjahr 2009 werde sie dann "sicher über drei Millionen bleiben". Im Durchschnitt rechnet Weise mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl um 30.000 im kommenden Jahr. Das erste Halbjahr werde "noch sehr moderat" verlaufen, bevor in der zweiten Hälfte der Anstieg beginne.

Auch Analysten rechnen mit einer Verschlechterung der Lage am Arbeitsmarkt. "Im Verlauf des nächsten Jahres liegt bei der Zahl der Beschäftigten ein beträchtlicher Rückgang vor uns", heißt es in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie der UniCredit. Jüngste Meldungen von großen Unternehmen würden zeigen, dass Zeitarbeiter von der Entwicklung besonders betroffen seien.

Ebenso rechnen Analysten der Commerzbank in den kommenden Monaten mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl, nachdem der deutsche Arbeitsmarkt in diesem Monat "noch einmal richtig gute Zahlen" geliefert habe. Mit Blick auf die sich abschwächende Konjunktur und die Krise an den Finanzmärkten sei eine Reaktion des Arbeitsmarktes absehbar, heißt es in einer Studie der Bank. "Der Arbeitsmarkt ist ein nachlaufender Indikator, der erst mit mehreren Monaten Verspätung auf konjunkturelle Änderungen reagiert", beschrieb Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen den Verzögerungseffekt.

Verlängerung des Kurzarbeitergeldes

Andreas Scheuerle von der DekaBank sagte, die Zeit der Konjunktur-Stimuli für den Arbeitsmarkt sei abgelaufen. "Es war sicherlich wichtig, die Drei-Millionen-Marke nach unten zu durchbrechen. Das war aber wohl der letzte Superlativ am Arbeitsmarkt, denn ab Jahreswechsel wirkt sich die Konjunktur belastend aus." Schon jetzt seien am Arbeitsmarkt "leicht rezessive Anzeichen" festzustellen: So habe der Beschäftigungsindex der BA weiter an Schwung verloren, heißt es in einer Analyse der DekaBank. Auch sei die Herbstbelebung diesen Oktober schwächer ausgefallen als in den Vorjahren.

Antje Hansen von HSBC Trinkaus sagte, der Höhepunkt im Arbeitsmarktzyklus dürfte überschritten sein, die Postbank sieht "dunkle Wolken über dem Arbeitsmarkt", Holger Schmieding von der Bank of America spricht gar vom "letzten Hurra" am deutschen Arbeitsmarkt - ist das Panikmache?

Wohl kaum, denn auch Arbeitsminister Scholz, der aus politischen Gründen an guten Nachrichten interessiert sein dürfte, räumt ein, dass er mit einer Eintrübung des Arbeitsmarktes rechne. Er kündigte eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes von derzeit zwölf auf 18 Monate an. Dies sei "eine von mehreren arbeitspolitischen Maßnahmen im Rahmen des gesamten Konjunkturpaketes der Bundesregierung", sagte Scholz in Berlin. SPD-Fraktionschef Peter Struck hatte ein Konjunkturpaket über bis zu 25 Milliarden Euro angekündigt.

Scholz erklärte, grundsätzlich gelte es, den Arbeitgebern Möglichkeiten zu eröffnen, an ihren Arbeitnehmern auch in schwierigen Zeiten mit schwachem Wirtschaftswachstum festhalten zu können. Eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes auf 24 Monate, wie dies aus den Reihen seiner Partei gefordert wurde, lehnte der SPD-Politiker ab. Es gebe derzeit keine Anzeichen, dass eine solche Verlängerung notwendig werde.

Auch BA-Chef Weise betont bei allen trüben Aussichten, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht in dem Maße wie in früheren Abschwungphasen ausfallen werde. Der Arbeitsmarkt sei besser aufgestellt als früher. Auch Weise begründet dies wie Scholz mit den Reformen in der Arbeitsmarktpolitik. Die Einstiegshürden in den Arbeitsmarkt seien niedriger, so dass Menschen mit eher schlechten Voraussetzungen auch in Schwächephasen der Konjunktur eine Chance hätten.

Die BA widersprach außerdem der Behauptung, es seien bereits verstärkt Zeitarbeiter von Vertragskündigungen betroffen. Bislang habe die Behörde noch keine Hinweise, dass in der konjunkturanfälligen Zeitarbeit vermehrt Mitarbeiter entlassen würden.

kaz/AFP/dpa-AFX/Reuters/AP



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