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15. September 2008, 19:56 Uhr

Rückkehr der Finanzkrise

Bankenturbulenzen bedrohen Steinbrücks Haushalt

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Die Bankrotterklärung der US-Bank Lehman hat ein weltweites Börsenbeben ausgelöst. Auch deutsche Finanzinstitute werden durch die Krise bedroht. Jetzt fürchtet Finanzminister Steinbrück um den Bundeshaushalt - die wichtigsten Hintergründe der Krise im Überblick.

Hamburg - Es ist ein Bankenbeben, der rabenschwarze Montag nach dem schwarzen Sonntag - zumindest für den Finanzsektor. Aktien der Bank of America büßten zu Wall-Street-Beginn mehr als 13 Prozent ein, Papiere der Citigroup fast sechs Prozent. Die größte US-Sparkasse Washington Mutual verlor über 15 Prozent an Börsenwert, die Schweizer UBS über 20 Prozent. Die mit Abstand größten Verluste machte die American International Group - der größte US-Versicherer büßte an einem Tag fast die Hälfte seines Börsenwerts ein.

Händler in New York: Schwarzer Montag folgt schwarzem Sonntag
AFP

Händler in New York: Schwarzer Montag folgt schwarzem Sonntag

Das Epizentrum des Banken- und Börsenbebens befindet sich in New York, in der Zentrale Traditionshauses mit deutschen Wurzeln. Nach einem verzweifelten Überlebenskampf meldete die viertgrößte US-Investmentbank Lehman Brothers am Montagmorgen Gläubigerschutz an. Gleichzeitig wurde bekannt, dass Merrill Lynch , die drittgrößte, ebenfalls angeschlagene Investmentbank von der Bank of America gerettet wird.

Finanzexperten bekräftigten im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den Ernst der Lage - auch für Deutschland. "Lehman ist ein Risiko für die internationale Finanzwelt", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim. "Eine Bank von diesem Format einfach pleite gehen zu lassen, ist unverantwortlich. Das sendet Schockwellen bis nach Frankfurt."

Auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück greift angesichts der neuen Turbulenzen zu ungewöhnlich deutlichen Bildern. Diejenigen, die voreilig vom Licht am Ende des Tunnels gesprochen hätten, müssten nun feststellen, "dass das in Wirklichkeit der entgegenkommende Zug war", sagte der SPD-Politiker.

Lesen Sie im Überblick, wie zum neuen Banken-Beben kam, welche Auswirkungen für Deutschland zu erwarten sind

Wie sich Lehman in einer Woche in Luft auflösen konnte

Binnen einer Woche stürzte der Aktienkurs von Lehman Brothers ins Bodenlose. Wochenlang hatte das Institut nach einem Investor gesucht, der es mit frischem Kapital versorgt. Im zweiten Quartal hatte das Haus durch die Finanzkrise einen Verlust von 2,87 Milliarden Dollar hinnehmen müssen, jetzt lief Lehman die Zeit davon.

Lehman-Zentrale in New York: Absturz ins Bodenlose
AFP / Getty Images

Lehman-Zentrale in New York: Absturz ins Bodenlose

Anleger hofften daher auf einen Einstieg der Korean Development Bank (KDB). Vergangenen Mittwoch lösten sich diese Hoffnungen in Wohlgefallen auf. Der Aktienkurs von Lehman schmierte bereits einen Tag vor der offiziellen Bestätigung der KDB, dass der Deal geplatzt sei, um 46 Prozent ab. Am selben Tag gab Lehman einen Rekordverlust von 3,9 Milliarden Dollar für das dritte Geschäftsquartal bekannt.

Ab diesem Zeitpunkt verloren die Aktien des Instituts täglich im zweistelligen Bereich an Wert. Doch noch immer gab es Hoffnung, die US-Regierung würde für Risiken von Lehman bürgen. Als sich abzeichnete, dass die Regierung nicht intervenieren würde, sprangen die Finanzhäuser Barclays und Bank Of America als potentielle Lehman-Retter ab. Am Montag meldete das Wall-Street-Haus mit seinen 26.000 Mitarbeitern und seiner Bilanzsumme von 786 Milliarden Dollar Gläubigerschutz an.

"Viele hatten bis zuletzt gehofft, dass Lehman von der US-Regierung schon irgendwie gerettet wird", sagt Wolfgang Gerke, emeritierter Hochschullehrer für Bank- und Börsenwesen und seit 2006 Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums. "Jetzt erlebt die Finanzwelt, wie eine der größten Banken der Welt Chapter 11 in Anspruch nehmen muss."

Laut Dirk Schiereck, Finanzprofessor an der TU Darmstadt, ist die Lehman-Pleite keine Überraschung. "Lehman stand seit langem auf der Kippe", sagt Schiereck SPIEGEL ONLINE. "Seit einem halbem Jahr gab es immer wieder Gerüchte, dass das Institut weit höhere Liquiditätsprobleme halt, als bislang bekannt. Die geplatzte KDB-Deal war nur der letzte Sargnagel."

Welche anderen US-Institute akut pleitegefährdet sind

In den USA haben seit Mitte 2007 bereits elf kleinere Banken die Schalter schließen müssen. Christopher Whalen von Institutional Risk Analytics sagte sogar voraus, dass bis Juli nächsten Jahre etwa 110 der 8400 US-Banken das Geschäft einstellen könnten. Während die Finanzwelt noch die Lehman-Pleite verdaut, geraten bereits weitere Finanzhäuser unter Druck:

Laut Bankenexperte Wolfgang Gerke ist das Ende der Krise noch nicht erreicht: "Wahrscheinlich kommen noch weitere Banken unter die Räder", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Dennoch rechne ich fest damit, dass die Investmentbanken, die den Sturm überstehen, schon Ende des Jahres wieder Gewinne machen. Dann wahrscheinlich sogar größere als heute, weil einige Konkurrenten nicht mehr da sein werden."

Schon jetzt habe sich die US-Finanzbranche drastisch verändert. An der Wall Street gibt es nun mit Goldman Sachs und Morgan Stanley nur noch zwei unabhängige Investmentbanken. Vor einem halben Jahr waren es noch fünf.

Was deutschen Banken jetzt droht

Das Bundesfinanzministerium, die Bundesbank und die Finanzaufsicht Bafin versuchten in einer gemeinsamen Erklärung am Montagmorgen, für Ruhe in der Finanzbranche zu sorgen. Die Engagements deutscher Kreditinstitute bei Lehman Brothers hielten sich in einem überschaubaren Rahmen und seien verkraftbar, erklärten sie.

Banken-Skyline in Frankfurt: Finanzsystem am Scheitelpunkt
DDP

Banken-Skyline in Frankfurt: Finanzsystem am Scheitelpunkt

In der Tat dürften sich die unmittelbaren Verluste im Portfolio deutscher Banken in Grenzen halten. "Die Banken sind diversifiziert genug, um Aktienverluste wegzustecken", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim, SPIEGEL ONLINE. Das heiße aber nicht zwangsläufig, dass der Schaden für den Finanzsektor ebenso gering ausfällt.

Tatsächlich drohen durch den Absturz der Lehman-Aktien auch andere Banken-Anleihen ins Rutschen zu geraten. Denn es ist weitgehend unklar, welche Milliardenverluste noch in den Bilanzen anderer großer Finanzhäuser stecken, an denen deutsche Banken Anteile haben. Der Citigroup werden im Hintergrund immer wieder hohe Verluste nachgesagt. Die UBS soll Insidern zufolge ebenfalls noch nicht aus dem Gröbsten raus sein.

"Wenn sich bei Lehman keine Lösung findet, durch die Kunden und Gläubiger ihr Geld zurückbekommen, wäre das zudem für die Kunden ein gewaltiger Vertrauensverlust", sagt Burghof. "Die Folge könnte sein, dass massenweise Kunden ihr Geld von der Bank abheben und das ganze Finanzsystem ins Rutschen gerät."

Welche Folgen der deutschen Wirtschaft drohen

Das Bundesfinanzministerium hat eine weitere Belastung des Wachstums und des Bundeshaushalts durch die US-Finanzkrise nicht ausgeschlossen. "Natürlich kann es Auswirkungen auf das Wachstum haben", sagte ein Sprecher des Finanzministeriums. Damit hätte dies dann auch Auswirkungen auf den Haushalt, sagte der Sprecher. "Wir befinden uns in der Krise, sie ist noch nicht ausgestanden."

Finanzminister Steinbrück: "Krise noch nicht ausgestanden"
REUTERS

Finanzminister Steinbrück: "Krise noch nicht ausgestanden"

"Tatsächlich besteht die Gefahr, dass sich die Lehman-Pleite im Bundeshaushalt niederschlägt", sagt Dirk Schiereck, Finanzprofessor an der TU Darmstadt. "Turbulenzen an den Finanzmärkten führen unweigerlich dazu, dass Geschäftsleute und Unternehmen mit Investitionen vorsichtiger werden. Sie nehmen weniger Kredite auf und tätigen in der Folge weniger Geschäfte. Letztlich nimmt der Staat dadurch weniger Steuern ein."

Ohnehin sei die bisherige Konjunktur-Einschätzung des Bundesfinanzministeriums viel zu optimistisch gewesen. So seien die aktuellen Turbulenzen sicher auch "ein willkommener Anlass, um die bisherigen Einschätzungen ohne Gesichtsverlust zu korrigieren".

Warum der Absturz so stark auf den Dax drückt

Die Verluste im Dax sind vor allem auf herbe Verluste der Finanzwerte zurück zu führen. Der Aktienkurs der Commerzbank brach vorübergehend fast zwölf Prozent ein, Papiere der Deutschen Bank verloren bis zu 8,5 Prozent, die der Allianz 7,9 Prozent.

Börsenhändler, 6000er-Dax-Symbol: Milliardenverluste in Bilanzen vermutet
[M] DDP:, mm.de

Börsenhändler, 6000er-Dax-Symbol: Milliardenverluste in Bilanzen vermutet

Die Nervosität an der Börse ist vor allem darauf zurück zu führen, dass Banken durch die Lehman-Pleite neue Verluste drohen. "Lehman ist weltweit einer der größten Anleihehändler", sagt Dirk Schiereck, Finanzprofessor an der TU Darmstadt, SPIEGEL ONLINE. Da die Pleite offenbar niemand auffängt, sei es nun wahrscheinlich, dass Anleihen des Instituts verkauft werden, um Ansprüche der Gläubiger zu erfüllen.

Insgesamt könnten so Anleihen im Wert von 50 bis 60 Milliarden Euro auf den Markt geschwemmt werden. Dadurch entstehe ein Überangebot, das die Preise international in den Keller drückt. "Und davon sind letztlich alle Banken betroffen", sagt Schiereck.

Ohnehin ist unklar, welche Milliardenverluste noch in den Bilanzen anderer großer Finanzhäuser stecken. Der City Group werden im Hintergrund immer wieder hohe Verluste nachgesagt. Die UBS soll Insidern zufolge ebenfalls noch nicht aus dem Gröbsten raus sein. Durch die Lehman-Pleite drohen ohnehin angeschlagene Banken nun vollends zu kollabieren.

Deutsche Banken, die Aktien solcher Institute in ihrem Portfolio haben, könnten diese nun vorsichtshalber verkaufen - was weitere Kursrutsche im Dax verursacht.

Wie Finanzriesen die Krise in den Griff kriegen wollen

Zehn internationale Großbanken wollen einen Nothilfefonds in Höhe von 70 Milliarden Dollar auflegen. An dem Fonds beteiligen sich die Banken Bank of America , Deutsche Bank , Credit Suisse , UBS , Barclays , Morgan Stanley , Citigroup , Goldman Sachs , J. P. Morgan und Merrill Lynch . Das kündigten die Unternehmen gemeinsam an.

Jedes Institut will demnach sieben Milliarden Dollar in den Fonds einzahlen. Im Falle von Liquiditätsengpässen könne jede dieser Banken bis zu einem Drittel der Gesamtsumme von 70 Milliarden Dollar aus diesem Hilfsfonds erhalten.

Weitere Banken könnten sich dem Konsortium anschließen, dann könnte auch die Summe steigen, hieß es. Mit dem Fonds wollen die Banken die Auswirkungen von Marktverwerfungen abfedern, die durch die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers hervorgerufen werden.

Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim, bezweifelt, dass der Notfonds die Krise aufhalten kann. "Ein solcher Fonds kann lediglich die Liquiditätsengpässe aufhalten, sprich: dafür sorgen, dass die Banken bei Geldmangel im Markt weiter Kredite vergeben können", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Er kann aber nicht die Verluste kompensieren, die den Banken durch Abschreibungen entstehen. Und jeder Bank, die Lehman-Aktien im Portfolio hat, drohen Verluste."

Warum die US-Regierung nicht eingeschritten ist

Nachdem die Regierung vor einer Woche zudem die Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae verstaatlicht und damit vor dem Zusammenbruch bewahrt hatte, wuchs in der Politik der Widerstand gegen eine erneute Rettung einer privaten Bank auf Kosten des Steuerzahlers. Allein im Falle Fanny und Freddie bürgt die Regierung für Kredite von umgerechnet 1500 Milliarden Dollar.

Dirk Schiereck, Finanzprofessor an der TU Darmstadt, vermutet sogar, dass die US-Regierung nicht nur nicht eingreifen wollte, sondern es gar nicht konnte. "Dass die US-Regierung dieses Mal nicht einschreitet, kann als Signal gewertet werden, dass die Aufnahmefähigkeit ihres Staatshaushalts für Bankenrisiken aufgebraucht ist", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Das würde bedeuten, dass alle künftigen Insolvenzen das internationale Finanzsystem mit ungeminderter Härte treffen."

Wie es zur internationalen Finanzkrise kam

Auslöser für die internationale Finanzkrise war das Platzen einer Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt. US-Banken hatten in Jahren niedriger Zinsen immer häufiger schlecht gesicherte Kredite für den Hauskauf oder -bau vergeben - sogenannte Subprimes.

Ende 2006 dann stiegen die Zinsen in den USA. Wegen sinkender Nachfrage rutschten die Immobilienpreise ab, bis heute um etwa 25 Prozent. In der Folge konnten immer mehr Subprime-Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen.

Verschärft wurde die Situation durch waghalsige Konstruktionen: Um sich selbst zu refinanzieren, bündelten die Immobilienbanken die Kredite zu neuartigen Wertpapieren, die weltweit an Investoren verkauft werden, beispielsweise an chinesische oder europäische Banken.

Die gebündelten Kredite werden durch Verbriefung zu an Börsen handelbaren Papieren, mit denen spekuliert wird. Problematisch daran ist, dass in den Paketen gute ebenso wie schlechte Hypothekenrisiken enthalten sind. Der Käufer kennt die wirklichen Bestandteile nicht. Er kann nicht selbst das Risiko des Paktes ermitteln, sondern muss sich auf die Einstufung einer Rating-Agentur verlassen.

Experten haben schon frühzeitig vor den Gefahren solcher Finanzkonstruktionen gewarnt. Solange genügend Marktteilnehmer an den Wert der strukturierten Produkte glauben, kann man sie handeln. Das System bricht zusammen, wenn das Vertrauen wegfällt. "Etwas musste passieren", sagte der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, dem SPIEGEL. "Man kann nicht einfach mit dünner Luft Geld verdienen."

Mitte 2007 platzten dann immer mehr Subprime-Kredite. Das Vertrauen in den Wert der mit US-Hypothekenverträgen angeblich gesicherten Papiere fiel in den Keller - und damit ihr Preis an den Märkten. In der Folge mussten Banken die Werte dieser Papiere in ihren Büchern teils drastisch nach unten berichtigen - und verbuchten dadurch herbe Verluste.

Laut Rogoff ist die Krise noch nicht vorbei. Er erwartet ein Schrumpfen der Branche um weitere 25 Prozent. Mindestens: "All diese schicken, hoch komplizierten Finanzprodukte der vergangenen Jahre kommen nicht zurück", sagt er. "Und das wird sehr schmerzhaft."

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