Rückläufige Fördermenge Russland geht das Öl aus

Diese Nachricht dürfte die internationalen Energiemärkte in Angst und Schrecken versetzen: In der zweitgrößten Ölnation der Welt geht die Fördermenge seit Beginn des Jahres zurück. Experten fürchten jetzt Engpässe. Kann die globale Nachfrage noch befriedigt werden?

Moskau/London - Dramatische Warnung aus Russland: Die Erdölproduktion in Russland hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Warnung hat nicht irgendwer ausgesprochen, sondern der Vizechef des großen russischen Ölkonzerns Lukoil, Leonid Fedun.

Im vergangenen Jahr belief sich die Fördermenge in Russland auf 9,95 Millionen Barrel pro Tag. Einen höheren Betrag werde er "in diesem Leben" wohl nicht mehr sehen, sagte Fedun der "Financial Times". Mit anderen Worten: Ab jetzt geht es mit der Fördermenge bergab. Die Einschätzung sorgte an den Märkten für Unruhe. Der Ölpreis kletterte in New York auf ein neues Rekordhoch von mehr als 113 US-Dollar pro Barrel.

Für die westlichen Industrienationen ist der Rückgang der Förderung in Russland ein Schock. Jahrelang hatten sie sich darauf verlassen, dass das Riesenreich zuverlässig Energie liefern kann - nicht zuletzt als Alternative zu den unsicheren Produzentenländern in der arabischen Welt. Mit dieser Illusion ist es nun vorbei.

Russland ist der zweitgrößte Ölproduzent der Welt nach Saudi-Arabien. Doch ausgerechnet im ölreichen Westsibirien sei "die Phase intensiven Wachstums der Ölförderung vorüber", sagte Fedun dem Bericht zufolge. Dabei verglich er Russland mit Produktionsgebieten wie der Nordsee und Mexiko, wo die Ölförderung ebenfalls stark rückläufig ist.

Untermauert wird Feduns Warnung von aktuellen Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA). Demnach ist die russische Ölförderung in den ersten drei Monaten dieses Jahres bereits zurückgegangen, wie das "Wall Street Journal" berichtet.

Es ist das erste Mal in diesem Jahrzehnt, dass Russland weniger Öl produziert. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ging die Förderung um ein Prozent zurück. In den Jahren zuvor war die russische Ölproduktion zum Teil noch zweistellig gewachsen (siehe Grafik).

Rohstoffminister Jurij Trutnew sieht nun die gesamte Jahresförderung in Gefahr. Seiner Ansicht nach könnte sie niedriger ausfallen als im Vorjahr. Das Energieministerium hingegen widerspricht: Es erwartet immer noch einen Zuwachs von 1,8 Prozent. Die IEA rechnet im Gesamtjahr mit einem Plus von immerhin 0,8 Prozent.

Das Problem der Russen: In die Ölförderung wird zu wenig investiert. In jüngster Zeit wurden private Firmen durch massive Staatseingriffe regelrecht abgeschreckt. Krassestes Beispiel war die Verstaatlichung des Ölkonzerns Jukos. Für Unruhe sorgte aber auch der Fall Shell: Das britisch-niederländische Unternehmen wurde gezwungen, die Hälfte seiner Anteile an einem großen Förderprojekt an der russischen Ostküste zu verkaufen. BP geriet ebenfalls unter Druck: Im vergangenen Monat verhaftete der Geheimdienst einen Mitarbeiter wegen angeblicher Industriespionage.

Der weltweite Energiehunger wächst

Lukoil-Vize Fedun sagte, Russlands Ölindustrie benötige in den kommenden zwanzig Jahren eine Billion Dollar Investitionen - allein, um die Förderung bei rund zehn Millionen Barrrel pro Tag zu halten. Doch der weltweite Energiehunger wächst, vor allem in Asien. Daher dürfte eine noch weit größere Summe nötig sein. Experten gehen davon aus, dass die weltweite Ölnachfrage von derzeit 86 Millionen Barrel pro Tag bis 2015 auf 100 Millionen Barrel steigen wird.

Auch die US-Bank Citigroup warnte kürzlich in einem Bericht: "Das Wachstum der russischen Ölproduktion gibt es nicht länger umsonst."

Die Internationale Energieagentur appelliert deshalb an Moskau, alles nur Mögliche für Investitionen zu tun. "In Russland gibt es eine ganze Reihe von Gebieten, die komplett unerforscht sind", sagte IEA-Experte Lawrence Eagles laut "Financial Times". "Um das Öl zu finden und auf den Markt zu bringen, sind beachtliche Investitionen nötig."

Das Energieministerium in Moskau will nun reagieren. Um mehr Investitionen anzuregen, sollen die Steuern für Energiefirmen sinken, kündigte Energieminister Wiktor Christenko an. Die Citigroup ist dennoch skeptisch: "Wir glauben nicht, dass dadurch genug Kapital in die Branche fließt."

wal/dpa

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