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KARTELLAMT Rückruf erbeten

Unauffällig empfängt Kartellamtschef Wolfgang Kartte Topmanager, um sich mit ihnen zu besprechen. Auch intern will er sich mit einer Umorganisation mehr Einfluß sichern.
aus DER SPIEGEL 35/1977

Friedrich Wilhelm Christians, Präsident des Bankenverbandes und Vorstand der Deutschen Bank, betrat die ehemalige Außenstelle von Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium kurz vor elf Uhr, VW-Chef Toni Schmücker kam -- Christians war schon wieder abgereist -- vier Stunden später, am letzten Donnerstag.

Ober einen Mangel an Besuchern dieses Kalibers kann sich Gastgeber Wolfgang Kartte, Präsident des Berliner Bundeskartellamts, nicht beklagen.

Wenige Tage vor seiner Ermordung war Dresdner-Bank-Sprecher Jürgen Ponto erschienen, zuvor hatten Esso-Chef Wolfgang Oehme und Axel Springers Generalmanager Peter Tamm vorgesprochen.

Tamm hatte einen aktuellen Anlaß: Er beklagte sich über die Vorbehalte der Behörde gegen die Beteiligung Springers am »Münchner Merkur«.

Vorsorglich erkundigte sich auch Reinhard Mohn vom Branchenführer Bertelsmann, in welche Verlagsbereiche er ohne Einwände des Amtes noch einsteigen könne. Karttes Antwort: In der Bundesrepublik sei für Bertelsmann mit einer Fusionsgenehmigung kaum noch zu rechnen.

Fusionsfreudige Großbanken und Industriekonzerne, Verlagshäuser und Handelsriesen reagieren mit ihren Besuchen in Berlin auf den neuen Amtsstil des geborenen Berliners Kartte. Der neue Präsident und seine Spitzenbeamten klären »informelle Anfragen oft schon im Vorfeld der Fusionen« (Kartte) und warten nicht mehr darauf, daß die Zusammenschlüsse offiziell angemeldet oder bereits vollzogen sind.

Selbst bei bloßen Gerüchten über Aufkaufabsichten von Branchenführern werden die Beamten aktiv. Die Manager des Großhandelsgiganten Metro zum Beispiel erfuhren zu ihrer eigenen Überraschung aus einem in Berlin abgestempelten Brief, die Behörde werde die Übernahme eines anderen Handelskonzerns durch die Metro kaum genehmigen.

Vorsorglich und in kühner Auslegung seiner Kompetenzen warnte Karttes Amt im Frühjahr 1977 die drei Autounternehmen Volkswagen, Ford und Opel davor, »in nächster Zeit« die Preise ihrer Mittelklassewagen unter mißbräuchlicher Ausnutzung ihrer Marktmacht drastisch zu erhöhen -- obgleich die Firmen sich offiziell noch gar nicht über ihre Listenpreise geäußert hatten.

Tatsächlich zeigten die Bosse nach »Karttes gelber Karte« (Schmücker) Wirkung: Statt happiger Zuschläge, wie geplant, beschieden sie sich mit einem Aufschlag von 3,9 Prozent.

Kritische Beamte nennen die Vorliebe ihres Präsidenten, Probleme möglichst frühzeitig, ohne offizielle Verfahren zu lösen, »Karttes Kungeleien«.

Der Kungler selbst erklärt sie mit »einem Schlüsselerlebnis«, dem Fusionsfall Karstadt/Neckermann. Kartte, gerade einen Monat im Amt, war gemeinsam mit dem zuständigen Amtsdirektor Fritz Lanzenberger zunächst zu einem Verbot der Gigantenhochzeit entschlossen. Auf genau 33 Seiten hatten sie eine ausgefeilte Begründung für ihr Veto niedergeschrieben, als der drohende Neckermann-Konkurs sie weich machte: Der befürchtete Verlust von 20000 Arbeitsplätzen und die vom Kartellamts-Dienstherrn Wirtschaftsminister Hans Friderichs für den Fall eines Fusionsverbots angekündigte Sondergenehmigung ("Ministererlaubnis") hatten die Wettbewerbswächter überrollt.

In einer Wochenend-Klausur klaubten Kartte und seine acht Direktoren Argumente zusammen, die eine vorher verweigerte Genehmigung rechtfertigten und das Amt vor peinlichem Gesichtsverlust bewahren sollten. Wenige Monate später, als Karstadt-Manager Entlassungen bei Neckermann nicht länger ausschließen mochten, bedauerte Kartell-Kartte vor seinen Spitzenbeamten den Umfall der Behörde. Auch diesmal nahmen die Direktoren, verblüfft über die »pragmatische bis opportunistische Auslegung der Gesetze« (ein Amtsdirektor), den Meinungswandel widerspruchslos hin.

Kartte selbst vermutet, daß sein »konsensueller Stil« die Mitarbeiter für ihn eingenommen habe. Die laut Gesetz von Chefweisungen unabhängigen Beamten, die ihre Verfahren nach eigenem Ermessen durchziehen können, seien eben vom neuen Stil des Präsidenten angetan und billigten am Ende jede zur Diskussion gestellte Entscheidung ihres betriebsamen Amtsvorstehers.

Willig versammeln sich die Direktoren, »vom kollegialen Stil angetan« (Lanzenberger) und »wegen des besseren Informationsflusses« (Johann-Heinrich Barnikel), jeden Mittwoch zur Chefbesprechung -- eine Übung, die unter dem überaus reise- und vortragsfreudigen Kartte-Vorgänger Eberhard Günther undenkbar war.

Beim Mittwochs-Meeting gibt es stets Neuigkeiten. Kartte berichtet über die Abteilungsleiter-Sitzung des Bonner Wirtschaftsministeriums vom Vortag, an der er regelmäßig teilnimmt. Dafür berichten die Direktoren lückenlos über ihre laufenden Verfahren.

Sachlicher Widerstand gegen den vom liberalen Friderichs ernannten Christdemokraten regt sich allenfalls bei den SPD-Kollegen Siegfried Klaue und Kurt Markert, die sich selbst Hoffnung auf die Günther-Nachfolge gemacht hatten.

Die unteren Beamten-Chargen nahm Kartte für sich ein, als er quer durch die Abteilungen Arbeitsgemeinschaften etwa zu dem neuen Problem der Nachfragemacht zusammenstellte und selbst anführte.

Mit der Basis im Rücken riskierte Kartte vor wenigen Wochen eine interne Diskussion über die Effizienz des Amtes. Nach zwei Wochenend-Seminaren mit dem vom Präsidenten ausgesuchten Professor für Organisationslehre Rolf Wunderer »hatte er uns«, so stellte einer der acht Direktoren am Ende fest, »ein Organisations-Konzept untergejubelt, das nur einen Sieger kennt -- Kartte«.

Das neue Konzept erlaubt dem vom Kartellgesetz nur mit lauen Kompetenzen ausgestatteten Amtschef« künftig in alle schwebenden Verfahren seiner mächtigen Amtsdirektoren nachhaltig einzugreifen. Eine mit den erfahrensten Fahndern und Juristen besetzte Grundsatzabteilung soll ihm bei Chefentscheidungen zur Hand gehen und die mit einzelnen Großfirmen ausgehandelten Kompromisse kartellrechtlich absichern.

Eine Neuverteilung der Zuständigkeiten sorgt überdies dafür, daß zum 1. Oktober alle acht Direktoren gleichrangige Aufgaben haben. Der »Graben zwischen Numerierten und Fürsten«, meint Lanzenberger, sei dadurch zugeschüttet worden.

Bisher mußten sich die »numerierten« Abteilungen I bis V mit unauffälligen Branchen wie Steine oder Spielwaren, Schnittholz oder Schuhen befassen. Die »Fürsten« der Abteilungen VI bis VIII dagegen hatten die spektakulären Fälle von Machtmißbrauch und Fusionsanträgen zu behandeln.

Prominentestes Opfer der »Nivellierung« (Markert) wurde Sozialdemokrat Markert. Durch forsche Aktionen wie die Untersagung der Übernahme der Fichtel & Sachs AG durch den britischen Mischkonzern GKN oder mehrere gescheiterte Preis-Mißbrauchsverfahren gegen Autofabriken war der Genosse dem CDU-Mitglied Kartte schon vor seiner Präsidentenzeit aufgefallen.

Karttes Versuch, dem Honorarprofessor die ergiebige Aufsicht über Machtmißbrauch in der Autobranche abzunehmen, scheiterte allerdings. Bonner Parteifreunde des »Beraters der SPD-Fraktion« (Markert über Markert) ließen wissen, daß sie diese Degradierung des Genossen nicht hinnehmen würden. Ungebrochen will Markert deshalb seinen Feldzug gegen die Automanager fortführen.

Als VW-General Toni Schmücker vorigen Donnerstag im Kartellamt zum erstenmal seinen Kartellkritiker persönlich begegnete, war in Wolfsburg wieder einmal ein blauer Brief aus Berlin eingegangen. Inhalt: VW-Verstöße gegen das sogenannte Behinderungsverbot, weil der Konzern seine Vertragswerkstätten zum ausschließlichen, »uneingeschränkten« Bezug von VW-eigenen Ersatzteilen zwinge. Markert drohte nut einem Verfahren, wenn der Konzern diese Klausel nicht unverzüglich lockere.

Allzu eifrigen, vor allem aber kostspieligen Einsatz wird sich das Amt in den nächsten Monaten allerdings nicht leisten können. Denn Karttes mit zehn Millionen Mark dotierte Behörde leidet an akutem Geldmangel. Schon heute, gut vier Monate vor Jahresultimo, hat das mit mächtigen Paragraphen, aber kargen Finanzen ausstaffierte Fahndungsamt seinen Telephon-Etat von 140 000 Mark überzogen.

Erstaunt vernehmen in diesen Tagen per Telephon angesprochene Manager wie etwa das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank Eckart van Hooven, sie mochten ihren Verhandlungspartner im Amt bitte zurückrufen, um der Behörde Telephongebühren zu ersparen. Kartte selbst hat per Ukas die Rückrufaktion veranlaßt.

Ohne fremde Hilfe können die Fahnder in diesen Monaten kaum zu ihren Ermittlungsorten kommen. Der Reiseetat von 165 000 Mark ist längst überzogen. Gereist werden darf künftig nur noch bei »dringendsten Angelegenheiten« -- per Flugzeug von Berlin nach Hannover und von dort mit der Bundesbahn, zweite Klasse.

In teuren Hotels steigt der im Umgang mit spesenträchtigen Top-Managern und Verbandsfunktionären erfahrene Kartte allenfalls dann ab, wenn er, etwa anläßlich eines Vortrags, eingeladen wird.

Die Bewirtung seiner Gäste muß der Präsident ohnehin aus eigener Tasche finanzieren. Dennoch will Kartte nicht meckern: »Wir sind zwar kleiner als die Wasser- und Schiffahrtsdirektion Main«, meinte er letzte Woche, »dafür können wir mächtig viel verbieten.« ·

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