Rückzug nach 30 Jahren Gruner + Jahr kapituliert in Amerika

Schon im Herbst wurde ein einzelner Titel an einen anderen Verlag verkauft, nun ist ganz Schluss: Der Großverlag Gruner + Jahr will sein amerikanisches Zeitschriftengeschäft abgeben. Den Deutschen war es trotz jahrzehntelanger Bemühungen nicht geglückt, auf dem US-Markt mehr aufzubauen als nur einen Mini-Brückenkopf.


G+J USA-Titel Inc.: Die Werbekunden nie begeistert

G+J USA-Titel Inc.: Die Werbekunden nie begeistert

Hamburg - Endgültig ausgeträumt sind die hoch fliegenden Träume von einer amerikanischen Ausgabe des Edelklatschblattes "Gala": Gruner + Jahr wird in Kürze offiziell das Aus für sein US-Geschäft bekannt geben. Möglich ist, dass die Mitteilung noch am Dienstag erfolgt. Unklar sind nur noch die Details: Etwa, ob die US-Tochter des Verlages mit Wirtschaftstiteln wie "Fast Company" und "Inc." und Familienmagazinen wie "Family Circle" und "Parents" an nur einen Käufer oder an mehrere abgegeben wird. Offiziell wollte sich ein G+J-Sprecher sich nicht äußern.

Das US-Geschäft des Verlages war 2004 zwar leicht profitabel, die Gewinne waren aber trotz eines leicht wachsenden Werbemarktes rückläufig. Der Chef der G+J-Muttergesellschaft Bertelsmann, Gunter Thielen, war von den langfristigen Perspektiven der US-Titel nicht überzeugt - ganz anders als sein Vorgänger Thomas Middelhoff, der unter anderem für 365 Millionen Dollar den Titel "Fast Company" gekauft hatte. Während Middelhoff glaubte, G+J brauche eine große Präsenz in den USA, will Thielen sich auf Kernmärkte in Europa konzentrieren.

Ultimatum aus Gütersloh

Titel "Family Circle": Verkauf gen Iowa?

Titel "Family Circle": Verkauf gen Iowa?

Thielen soll seinem Magazin-Statthalter Bernd Kundrun ein Ultimatum gesetzt haben, bis zu dem er die Probleme des US-Ablegers in den Griff bekommen haben sollte. In den letzten Jahren hatte G+J USA immer wieder mit unangenehmen Nachrichten von sich reden gemacht: So war Anfang 2004 Daniel Brewster entlassen worden, der Chef der US-Tochter. Nachfolger Russell Denson setzte einen Abbau von 100 der 700 Stellen durch, um die Rendite zu steigern. Anfang 2005 wurde dann bekannt, dass G+J USA seinen Anzeigenkunden für 2003 geschönte Abo-Zahlen mitgeteilt hatte. Insgesamt sollen 165.000 Abos gemeldet worden sein, die nie bezahlt wurden. Denson hat sich offiziell dafür entschuldigt, macht aber vor allem seinen Vertriebspartner verantwortlich.

Hinzu kam ab 2002 der langwierige, imageschädigende Streit zwischen G+J USA und der Ex-Talkmasterin Rosie O'Donnell. Beide hatten gemeinsam das familienorientierte Magazin "Rosie" gestartet - G+J USA aber wollte von dem Projekt nichts mehr wissen, nachdem die frühere "Queen of Nice" öffentlich ihr Coming-out zelebriert hatte und sich zur "Über Bitch" umproklamiert hatte. Sowohl G+J USA als auch O'Donnell hatten daraufhin versucht, Schadenersatz von der anderen Seite einzuklagen.

Das "Wall Street Journal" schreibt, ein möglicher Käufer für die amerikanischen G+J-Titel sei der Provinzverlag Meredith aus Iowa, der Titel wie "Ladies Home Journal" und "American Baby" verlegt. Auch CurtCo Media aus Malibu in Kalifornien sei ein möglicher Interessent. Unklar ist noch, wie viel G+J mit dem Verkauf seiner Titel erlösen kann. G+J hatte bereits im Herbst 2004 den Titel US-"YM" an den New Yorker Großverlag Condé Nast verkauft.



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