Ruin durch Schrottimmobilien Letzte Hoffnung Hungerstreik

Pastor Ulrich Kusche träumte von einer sicheren Anlage im Osten - wie Hunderttausende Deutsche bekam er von seinem Berater eine Schrottimmobilie angedreht. Nun ist sein Vermögen vernichtet, sein altes Leben zerstört, seit zwei Wochen ist er im Hungerstreik. Protokoll eines Ruins.

Von Corinna Kreiler, Jesteburg


Es fängt harmlos an. An einem trüben Wintertag im Jahr 1996 besucht der Vermögensberater Bernd H. das Ehepaar Kusche zu Hause. Braungebrannt, gutgelaunt. Ulrich Kusche ist Pastor, seine Frau Schulleiterin. Beide verdienen gut. Reich sind sie nicht. H. trägt einen schwarzen Nadelstreifenanzug, er setzt sich aufs Sofa. Was sie sich wünschen, fragt er. Wovon sie träumen.

Eigentlich hat Ulrich Kusche alles. Eine Frau, die er liebt. Arbeit, die ihn erfüllt. Als Seelsorger berät er in seiner niedersächsischen Gemeinde Jesteburg Menschen in Not. Kusche ahnt nicht, dass er selbst einmal zu ihnen gehören wird. Und dass der Mann auf seinem Sofa dabei eine entscheidende Rolle spielen wird.

Mehr als ein Jahrzehnt später hat Ulrich Kusche alles verloren. Erst sein Geld - dann seine Frau Ruth, die an Krebs gestorben ist. Was ihm bleibt: eine Schrottimmobilie in Magdeburg und ein Haufen Schulden.

Er wurde betrogen, das hat sogar ein Gericht bestätigt, und trotzdem muss er bis heute für die Immobilie zahlen. Früher 1300 Mark im Monat, zwischenzeitlich 1300 Euro, seit seine Frau tot ist, noch 820 Euro. Er kann, er will nicht mehr, sagt er, aber die Kreissparkasse Rhein-Pfalz fordert weiter Geld. Jetzt ist Kusche im Hungerstreik, seit 16 Tagen hat er nur Gemüsebrühe und Tee getrunken. Er nennt es Protestfasten, das klingt friedlicher.

Verbraucherschützer gehen von rund 300.000 ähnlichen Fällen aus. Der Anwalt Reiner Fuellmich, der seit Jahren für Geschädigte von Schrottimmobilien kämpft, schätzt die Dunkelziffer weit höher. Die Betroffenen fielen in den Neunzigern auf Banken herein, die ihnen Wohnungen in ganz Deutschland anpriesen: Ohne Eigenkapital sollte sich der Kauf allein aus den Mieteinnahmen und einer Steuerersparnis lohnen. Die Schrottimmobilien waren jedoch häufig völlig überteuert; sie heißen nicht unbedingt wegen schlechter Bausubstanz so, sondern wegen exorbitanter Provisionen für Banken und vermittelnder Treuhänder. "Die Banken haben die Wohnungen aus reiner Gier verkauft, weil sie damit extrem hohe Provisionen kassieren konnten", sagt Fuellmich. Viele Betroffene bemerkten dies nicht, übernahmen sich mit dem Kauf, sind noch heute hochverschuldet. Schadensersatz haben die wenigsten erhalten.

Bei den Kusches lief es so: Vermögensberater H. findet schnell heraus, dass Kusche aus dem Pfarrhaus ausziehen muss, sobald er in den Ruhestand geht. Da brauche er doch etwas fürs Alter, sagt der Mann, und: "Ich hätte da was für Sie." Eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Magdeburg, 53 Quadratmeter. Erst mal zum Vermieten, später zum Weiterverkauf oder als Ruhesitz - in Magdeburg, der aufstrebenden Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, einer Studentenstadt.

In Wahrheit ist die Immobilie in Magdeburg kaum mehr als eine Bruchbude. Sie liegt am Rande eines Industriegebiets, eingequetscht zwischen einer Bahntrasse und einer Straße. Die Wohnungen im Haus sind entweder sehr dunkel oder laut. Doch das weiß Kusche nicht. 230.000 Mark kostet die Wohnung laut Vertrag. Darin enthalten: rund 80.000 Mark versteckte Provisionen. Auch das weiß Kusche nicht.

Aus den Unterlagen geht hervor, dass H. Kusche eine monatliche Belastung von 639 Mark vorgerechnet hat. 2010, wenn der Pastor in den Ruhestand gehen will, soll alles abbezahlt sein. Die Eheleute sind angetan. Der Berater bestellt sie in das elegante Büro einer Treuhandfirma in Hamburg. Sie vertrauen H., schließlich hat ihn ja eine Kollegin der Frau empfohlen. Dass deren Mann ebenfalls in dem Büro arbeitet, sieht Kusche als weiteren Vertrauensbeweis.

Die Mietgarantie-Firma geht pleite

Ein paar Bedenken hat der Pastor dennoch: "Was ist, wenn die Miete ausbleibt?" Die Antwort, erinnert er sich: Eine Firma übernimmt eine Mietgarantie. Selbst wenn niemand in der Wohnung lebt, soll Geld fließen. Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen, denkt Kusche. Er unterschreibt, seine Frau auch.

Alles wird schiefgehen.

Das Ehepaar unterschreibt eine Vollmacht, die dem Treuhänder alle Freiheiten lässt. Der Mann schließt für die beiden drei Kreditverträge mit der Kreissparkasse Ludwigshafen ab. Außerdem musste Ruth Kusche eine Lebensversicherung unterschreiben, die - zusammen mit einer früheren, verpfändeten - zur Tilgung der Darlehen verwendet werden soll. Das gesamte Vermögen des Ehepaars fließt in die Finanzierung der Wohnung.

Erst nach und nach, sagt Kusche, entdeckten die beiden dann, wie ihre Verpflichtungen wirklich aussahen. Statt 639 Mark wird jeden Monat mehr als das Doppelte von Kusches Konto abgebucht.

Einer der geschlossenen Darlehensverträge läuft viel länger als verabredet: Kusche soll abzahlen, bis er 80 ist. Davon, sagt er, erfährt er erst, als die gesetzlichen Kündigungsfristen verstrichen sind.

Die Firma, die die Miete garantieren soll, geht bald pleite. Es kommt kein Geld mehr. Die Verwaltung fordert die Eigentümer auf, gemeinsam in einen Pool einzuzahlen und die Miete dann zu teilen. Kusche bekommt erst ein paar Mark auf sein Konto, dann lange nichts mehr, heute jeden Monat 69,48 Euro. Dabei ist seine Wohnung von Anfang an vermietet. Im Laufe der Jahre entgehen ihm so rund 40.000 Euro.

Erst nach ein paar Jahren kommt heraus, dass die Wohnung in Wahrheit viel weniger wert ist als auf dem Papier. Im Jahr 2000 schätzt ein von Kusche beauftragter Gutachter sie auf 126.000 Mark und stellt fest: Das Objekt hat das Niveau einer Sozialwohnung.

Vor kurzem wurde eine kleinere Wohnung aus demselben Haus in Magdeburg im Internet angeboten. Für 18.000 Euro, plus Provision.

Zum Leben bleibt fast nichts mehr

Der Wert von Kusches Immobilie ist im Laufe der Jahre rasant geschrumpft - seine Schulden nicht. 2006 setzt die Kreissparkasse sie auf 157.041,15 Euro fest.

Kusche stottert jeden Monat ab, zum Leben bleibt ihm fast nichts mehr. Am 30. September 2010 soll alles zurückgezahlt sein - wie, das weiß Kusche nicht.

Als er sich sicher ist, dass er betrogen wurde, schaltet Kusche einen Anwalt ein. Es dauert Jahre, bis es zum Prozess kommt. Kusche und seine Frau verlieren im Jahr 2006.

Die Begründung des Landgerichts Frankenthal: Zwar ist der Vertrag mit dem Treuhänder nichtig. Und auch die Vollmacht ist nichtig, mit der der Treuhänder all die Verträge für das Ehepaar geschlossen hat. Doch das zählt nicht - weil die Kreissparkasse nur prüfen muss, ob eine Vollmacht vorliegt. Und das hat sie getan. Im Endeffekt sind damit die Darlehensverträge gültig, und Kusche muss weiterzahlen.

Zwar urteilt der Bundesgerichtshof zwei Jahre später, dass Käufer von Schrottimmobilien Schadensersatz verlangen dürfen. Doch das betrifft Kusche jetzt nicht mehr. Wegen einer Gesetzänderung beim Schuldrecht sind seine Ansprüche verjährt. "Ich kann ihnen keine Hoffnung machen", schreibt Kusches Anwältin in einem Brief. Kusche ist fassungslos, hilflos.

Nachdem im Sommer 2008 seine Frau an Krebs gestorben ist, muss der pensionierte Pastor aus seiner Wohnung ausziehen, weil er sich die Miete nicht leisten kann. Was er erspart oder geerbt hat, gehört jetzt der Bank. Auch die Lebensversicherung seiner Frau.

Kusche schreibt einen Brief an die Kreissparkasse, bittet darum, dass sie sich auf einen Vergleich einlässt und die Immobilie zurücknimmt. Sie lehnt ab: "Aus welchen Gründen auch immer sind die Verträge wirksam", steht in dem Brief.

"Hier werden Ihre Ersparnisse zu Schrott"

Die Kreissparkasse bestreitet, dass es sich bei Kusches Wohnung um eine Schrottimmobilie handelt. Ein Sprecher des Instituts zitiert auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE aus einem Gutachten, das der TÜV Rheinland im Jahr 2000 angefertigt hat - nicht über Kusches Wohnung, sondern über ein "vergleichbares Objekt". Das Urteil: "Unseres Erachtens kann von einer Schrottimmobilie keine Rede sein."

Zum Weltspartag am 30. Oktober 2008 reicht es Kusche. Er fährt nach Ludwigshafen, zum Sitz der Kreissparkasse. Dort stellt er sich vor das Gebäude und entrollt ein Transparent: "Hier werden Ihre Ersparnisse zu Schrott." Und er hört auf zu essen.

Er will, dass die Kreissparkasse einlenkt und die Immobilie zurücknimmt.

Fünf Kilogramm hat Kusche abgenommen, seit er angefangen hat zu fasten. Am Wochenende fährt er zu einer Großveranstaltung in die Stadthalle nach Göttingen. Dort treffen sich zahlreiche Betroffene aus der gesamten Republik, die mit Schrottimmobilien betrogen wurden. Es werden Anwälte auftreten, Opfer und sogar ein ehemaliger Berater der HypoBank, der zugibt, er habe damals Schrottimmobilien verkauft.

Ein neuer Anwalt will den Prozess für Kusche wieder aufnehmen. Der Jurist ist zuversichtlich. Es hat in den vergangenen Monaten ein Urteil in einem ähnlichen Fall gegeben, in dem der Kläger gegen eine Sparkasse gewonnen hat. Eigentlich kann Kusche sich keinen Anwalt mehr leisten.

Mittlerweile stapeln sich die Unterlagen über den Fall in drei dicken Ordnern in Kusches Regalen. Die Akten seines Ruins.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.