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AFFÄREN Rundum gekonnt

Dem Sprecher des Bankenverbandes F. Wilhelm Christians unterlief peinliches Mißgeschick: Seine Familie ließ sich mit einem Finanzmakler ein -- und verlor.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Er hatte geglaubt, es wäre eine Geldanlage mit Pfiff. Zuerst sollte es eine »Beteiligung via Schweiz« an der schwäbischen Plüschweberei Hildenbrand in Göppingen werden. Dann ging es um den Transfer einer halben Million Mark auf Schweizer Konten und schließlich um Haus- und Grundbesitz in der Schweiz:

Doch nichts von alledem geriet F. Wilhelm Christians« Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, und seinem Schwager Albert Classen: Hildenbrand machte Pleite, die Deutschmark, zu günstigem Kurs in 580 000 Schweizer Franken eingewechselt, kamen abhanden. Und jetzt welkt auch die letzte Hoffnung: Das Bürohaus Mythenstraße 45 in Winterthur kommt am 6. Mai unter den Hammer.

Letzte Woche igelte sich der Repräsentant des deutschen Geldhandels ein. »Was habe ich damit zu tun«, fragte er den SPIEGEL am vergangenen Mittwoch unwirsch: »Von mir ist nichts zu hören.« Schwager Classen, Plüschfabrikant in Viersen, weiß auch warum: »Ein Betrüger hat uns das Geld unter falschem Vorzeichen abgeluchst.«

Der Luchs heißt Joe F. Wirtz und verdient seinen Lebensunterhalt vorzugsweise als deutscher Wirtschaftsberater in der Schweiz, wo er mit allerlei Briefkastenfirmen hantiert.

Am Neujahrstag 1973 im Hotel Prätschli in Arosa hatte Christians den Wirtz, seit kurzem Hauptgesellschafter der altrenommierten Firma Hildenbrand-Plüsche, zu Gast. In Erinnerung an den »sehr nützlichen« Plausch wurde der Geldmensch feierlich: Er habe. schrieb er später, Wirtzens unternehmerische »Konzipierung mit großem Respekt wahrgenommen«.

Für zwei Millionen Mark, so hatte Wirtz kundgetan, wolle er der von Albert Classen geführten Familien-Plüschweberei Gierlings KG, der Frau Christians. geborene Gierlings« verbunden ist, eine 25-Prozent-Schachtel an der Göppinger Textilfirma Hildenbrand GmbH wohlfeil überlassen.

Es schien ein rechter Glücksfall. Gerade eben nämlich gedachte Wirtz sich mit 465 000 Mark Abfindung auch die letzten und längst lästigen Hildenbrand-Altgesellschafter vom Halse zu schaffen. Für bare 500 000 Mark, ließ er wissen, werde er den Freunden eine Beteiligung einräumen und die Option auf die 25 Prozent offenhalten.

Albert Classen, von seinem Hausbankier ("Fragen Sie die Deutsche Bank"> beraten, überwies die halbe Million der Eile wegen telegraphisch. Doch selbst als Christians -- später erst -- entdeckte, daß sich das durch Verluste auf rund zwei Millionen Mark halbierte Eigenkapital zur Bilanzsumme von 20 Millionen Mark »eher bescheiden« verhielt. wähnte der Bankherr das Unternehmen immer noch »vor einem neuen Start« in eine »durchaus positive« Zukunft. Schon damals indessen verunzierten Schulden von 15.6 Millionen Mark die Bilanz.

Und Wirtz konnte beschwichtigen: Es sei doch wohl selbstverständlich, klärte der Wahl-Winterthurer auf, daß er als Schweizer Steuerbürger »in der Höhe des Verlustes nicht kleinlich« verfahre. Kleinlich war er auch in anderem Bezug kaum. »Was lockerzumachen war, hat er lockergemacht«. staunte bald der Konkursverwalter nicht ohne gewisse Hochachtung: »Das war rundum gekonnt.«

Immer kümmerlicher waren die Ergebnisse geworden, je länger Wirtz dem Unternehmen seine Wirtschaftsberatung angedeihen ließ. Den letzten Gewinn, ganze 2000 Mark, hatte die Firma 1970 gesehen, und für das folgende Jahr stand ein Verlust von 726 000 Mark ins Haus.

Da war ein Halbdutzend Hildenbrand-Gesellschafter mürbe. Wirtz übernahm 76 Prozent der Geschäftsanteile und zahlte die Hildenbrand-Erben großzügig aus -- mit Bankkrediten zu Lasten des Unternehmens. Beim Konkursverwalter stehen daraus 2,172 Millionen Mark zu Buch.

Auch sich selbst hatte Wirtz nicht verkommen lassen. Als Beratungsgebühr vereinnahmte er seit 1968 2,2 Millionen Mark, pro Monat 36 500 Mark. Satte 600 000 Mark sind als noch offene Honorarforderungen zur Konkurstabelle angemeldet. Ein Zubrot von monatlich 10 000 Schweizer Franken erarbeitete sich Wirtz in Winterthur, indem er zum Beispiel sämtliche Garnorders für Hildenbrand in Göppingen über die Schweizerische Chemiefaserbedarf AG dirigierte -- ein Wirtz-Etablissement.

Das Hildenbrand-Verfalldatum war schon nahe, da zauberte Wirtz das GmbH-Kapital von 100 100 Mark durch Neubewertung auf die stolze Höhe von vier Millionen Mark -- eine Operation. durch die nicht eine bare Mark in die leere Firmenkasse kam

Inzwischen gedachten Deutschbankier Christians und Plüschweber Classen die bereits gezahlten 500 000 Mark nun lieber doch nicht als Geschäftsanteil zu investieren, sondern in soliden Schweizer Haushesitz. Christians an Wirtz: »Den Adressaten der in Schweizer Franken zu vollziehenden Überweisungen darf ich Ihnen noch rechtzeitig mitteilen.« Da aber meldete Wirtz den Partnern. das Geld sei »gar nie« bei ihm angekommen.

Zum Glück war die halbe Million abgesichert, wenn auch in einer Art, die das »Finanzierungs-Handbuch« (Mitautor: Christians) nicht erwähnt: durch Herausgabe eines Hildenbrand-Wechsels. den Wirtz als Bezogener querschrieb. Später hatten sich die drei Herrenreiter (Wirtz: »Wir sagen ja zum eigenen Pferd") auf eine zusätzliche unkonventionelle Sicherheit geeinigt: Auf die Hildenbrand-Fabrik, bereits mit sieben Millionen Mark weit überlastet, wurden mit einem sogenannten Schwanzbrief an letzter Stelle auch noch die 500 000 Mark eingetragen -- »ein Objekt mit toten Augen« (Konkursverwalter).

Hildenbrand ist pleite, und nach rund 30 fruchtlosen Pfändungen wissen die Damen Christians und Classen, daß auch in Winterthur nichts zu holen ist. Eines aber nimmt ihnen Wirtz übel: daß sie ihm zwei Dutzend Schweizer Wirtschaftskriminalisten zur Haussuchung in sein Domizil an der Mythenstraße schickten, Wirtz: »Es gibt doch einen Ehrenkodex.«

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