Abhöraffäre und Pandemie Murdoch schreibt Skandalzeitung »The Sun« ab

Medienmogul Rupert Murdoch hat den Bilanzwert eines Boulevardblatts auf null gesetzt: »The Sun« hat in der Coronapandemie Millionen verloren. Das Genick gebrochen aber haben ihr wohl riesige Abfindungen.
"Sun"-Titelseiten 2012

"Sun"-Titelseiten 2012

Foto: LEON NEAL/ AFP

Jahrzehntelang war »The Sun« eine der meistgelesenen Zeitungen Großbritanniens. Das Boulevardblatt erreicht täglich mehr als zwei Millionen Menschen auf Papier, monatlich angeblich über 130 Millionen Menschen im Netz. Die Leser lieben die sensationellen, oft sensationsheischenden Headlines. Die Einflussreichen in Politik und Wirtschaft fürchten gleichsam die Kampagnen. Eine Gelddruckmaschine für Eigentümer Rupert Murdoch, einen der ohnehin reichsten und mächtigsten Medienunternehmer der Welt, dem etwa auch der rechte US-Fernsehsender Fox gehört.

Und nun soll das alles nichts mehr wert sein? Das jedenfalls geht aus Bilanzunterlagen hervor, die die Eigentümerin News Group veröffentlichte. Demnach hat Murdoch den bilanziellen Wert der »Sun«-Zeitungen auf null gesetzt. Zunächst hatten der »Guardian«  und die »New York Times « darüber berichtet.

Grund für die plötzliche Abschreibung sind offenbar auch Verluste, die in der Coronakrise angelaufen sind. Demnach hat die News Group, zu der die »Sun« gehört, im vergangenen Geschäftsjahr, das schon im Juni 2020 endete, ihren Vorsteuerverlust auf über 200 Millionen Pfund verdreifacht. Das Ergebnis ging um 23 Prozent zurück, etwa auch durch wegbrechende Verkäufe und Anzeigenerlöse.

Der Großteil des Minus aber, etwa 80 Prozent, hat wohl mit dem 15 Jahre alten Abhörskandal  zu tun. Jahrelang hatten Murdochs Journalisten die Telefone Tausender Politiker, Prominenter und sogar von Mitgliedern der Königsfamilie mitgeschnitten.

Bislang bestreitet Murdoch, dass auch die »Sun« in diese Praktiken verwickelt gewesen sein soll. In den Bilanzunterlagen tauchen nun jedoch 164 Millionen Pfund auf, die laut »Guardian« als »Einmalzahlungen« in Zusammenhang mit dem Abhörskandal deklariert sind, darunter allein 52 Millionen für Gebühren und Wiedergutmachungen an zivile Opfer.

Aber auch der frühere Abgeordnete und Liberaldemokrat Simon Hughes habe erst vergangene Woche eine »substanzielle Summe« zugesprochen bekommen, so der »Guardian«. Seine Telefonate waren 2006 gehackt worden. Die »Sun« brachte daraufhin eine Titelstory, in der sie ihn als homosexuell outete. Laut eigener Aussage ist Hughes bi. Wie viel Geld genau er von der »Sun« bekam, wurde nicht berichtet.

Das Ende der »Sun«?

Das Unternehmen sei im normalen Geschäftsverlauf Verleumdungsklagen ausgesetzt und verteidige sich energisch dagegen, sagte die News Group dem »Guardian«: Man bilde »Rückstellungen für die geschätzten Kosten zur Verteidigung gegen solche Ansprüche«, zudem »Rückstellungen für eventuelle Vergleichskosten, wenn ein solcher Ausgang als wahrscheinlich erachtet wird.«

Murdoch glaubt jedoch offenbar nicht an eine schnelle Erholung des Geschäfts. Stattdessen prognostiziert der Geschäftsbericht weiter sinkende Umsätze für die kommenden Jahre. Die »Wertminderung der Verlagsrechte« in Höhe von 84 Millionen Pfund bedeutet wohl, dass er nicht davon ausgeht, die Titel je wieder zu profitablem Wachstum führen zu können.

sbo
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