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Hotels Russen willkommen

Nach Nixons Staatsbesuch im Kreml flog der amerikanische Hotelkrösus Kemmons Wilson nach Moskau, um das politische Tauwetter auszunutzen. Er will den Russen Holiday Inns bauen.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Mit dem unbefangenen Lächeln des arrivierten Mittelamerikaners überreichte der stämmige Endfünfziger sowjetischen Staatsfunktionären seine Visitenkarte. Im Gespräch ließ Kemmons Wilson, Chef der Holiday Inns, Inc., der größten Hotelkette der Welt. immer wieder anklingen, daß er trotz seines 200 Millionen Dollar schweren Vermögens den Monopolkapitalismus verabscheue.

Als armer Leute Kind habe er in der Jugend seinen Lebensunterhalt aus dem Verkauf von Popcorn in Vorstadtkinos bestritten, so erzählte er den hohen Genossen. Daß sein Weg später im reifen Mannesalter steil nach oben führte, verdanke er einer revolutionären Idee, die so gut sei, daß er sie jetzt dem Sowjetvolk verkaufen wolle.

In der westlichen Hemisphäre herrscht Wilson zur Zeit über 1405 moderne Herbergen mit 300 000 Doppelbetten. Seine Kette reicht von Memphis im US-Staat Tennessee -- seinem Hauptquartier -- bis München.

Die Expansion des Bettentrusts kennt keine Grenzen. An jedem dritten Tag entsteht ein neues Holiday Inn (HI), alle 36 Minuten wird ein neues Gästezimmer fertiggestellt. Vor 30 Jahren hatte der ehemalige Popcorn-Verkäufer als Bauunternehmer Dollar gescheffelt. Dann kreierte er einen neuen Typ Familienhotel, in dem auch Kinder und Hunde willkommen sind.

Babybetten und -sitter sowie Hundeboxen gehören ebenso zum HI-Standard wie das Schwimmbad und der Farbfernseher in jedem Zimmer. Kinder bis zu zwölf Jahren logieren gratis.

Das meiste Hotelinventar läßt der HI-Boß in konzerneigenen Betrieben herstellen, darunter die Bar-Standardeinrichtung »Geschwader-Club«, auf die Wilson als ehemaliger Pilot der U.S. Air Force besonders stolz ist. Zur konfektionierten Staffage gehören nachgefertigte Fliegerrequisiten aus dem Ersten Weltkrieg, Porträts des deutschen Fliegerheros Manfred von Richthofen sowie Tonbänder mit Lande- und Startgeräuschen als abstruse Hintergrundmusik.

Das Patentrezept des stürmischen Wachstums der Holiday-Kette ist jedoch das sogenannte Franchise-System. Der biedere Globetrotter Wilson, der Krawatten mit der Aufschrift trägt: »It's a wonderful world«, fand in 20 westlichen Ländern Multimillionäre, die als Lizenznehmer in das hervorragend organisierte HI-Geschäft einstiegen.

Sie schlossen mit dem Mann aus Memphis einen Franchise-Vertrag ab, der sie berechtigt, Hotels nach Wilsons Vorlagen zu bauen, einzurichten und den Namen »Holiday Inn« zu führen.

In der Bundesrepublik, wo bereits acht Inns an Wilsons Kette liegen, erwarb der Augsburger Landmaschinenhändler und Baufinanzier Otto Schnitzenbaumer die Generallizenz für Bayern. Er ist mit dem bisherigen Geschäftsverlauf sehr zufrieden: Zwei neue Gästesilos in München und Augsburg waren schon drei Monate vor der Eröffnung zu 50 Prozent ausgebucht.

Für den leuchtenden Schriftzug an der Fassade müssen die Franchise-Partner monatlich 300 Mark zahlen, außerdem 100 Dollar je Zimmer Einstand und laufend drei Prozent Lizenzgebühr von allen Einnahmen aus der Zimmervermietung.

Dafür wird der Betrieb an das zentrale Reservierungssystem des Konzerncomputers angeschlossen -- Holiday-Werber sorgen für flotten Gästeschub aus Übersee, so daß die meisten HI-Häuser im Jahresdurchschnitt zu 80 Prozent ausgelastet sind.

Schließlich profitiert jedes Kettenmitglied noch von dem zentralen Beratungsdienst. Selbst für simple Arbeiten werden technische Normen aufgestellt. Die beste Bettenbauerin des Konzerns, Joan Otto, eine mollige Exerziermeisterin, trainiert in jedem neuen Inn die Stubenmädchen und zeigt ihnen, wie man in drei Minuten die Bettwäsche wechselt.

Viermal jährlich werden die Inns von Inspekteuren aus Memphis geprüft. Die Kontrolleure kommen· unangemeldet und registrieren ihre Befunde nach einem strengen Punktsystem. Wenn alles okay ist, stehen auf dem Bewertungskonto 1000 Pluspunkte. Servicemängel und Nachlässigkeiten mindern das Ergebnis, ein Haar im Waschbecken oder Mangel an Toilettenpapier zum Beispiel um je 20 Punkte, Flecken auf dem Teppich um 30 Punkte.

Schließt die Bilanz mit weniger als 850 Punkten ab, wird der Franchiser verwarnt und das Hotel nach vier Wochen nochmals kontrolliert. Wenn die Inspekteure dann keine Besserung feststellen, hakt das Exekutivkomitee in Memphis den Schlamper von der Kette ab. Über 30 Franchiser mußten in den letzten Jahren das HI-Schild zurückgeben.

Diese strengen Regeln werden den Hotelchefs eingebleut, wenn sie in Memphis auf der »Holiday-University« einen Pflichtkurs absolvieren. An diesem Inn-Keeper-Training werden auch Russen teilnehmen, wenn es Wilson gelingt, die Manager der sowjetischen Staatshotellerie zu überzeugen, daß seine populären Herbergen just der richtige Hoteltyp für ihren Fremdenverkehr sind.

Während der Besprechungen in Moskau entwarf der Amerikaner ein ganzes Netz von Inns. Die größten Herbergen im HI-Stil sollten nach seinen Vorstellungen am Stadtrand von Moskau und in der City entstehen -- als Karawanserei für Hunderttausende von Moskau-Besuchern, die jährlich zur Kremlmauer und zum Lenin-Mausoleum pilgern.

Der Hotelketten-80ß, der sich bisher nur mit kapitalistischen Partnern liierte, sieht in einer Franchise-Ehe mit sowjetischen Technokraten keine Mesalliance, Auch die Manager des unterentwickelten Moskauer Gastgewerbes, das dem anschwellenden Touristenstrom kaum gewachsen ist, fanden Geschmack an Wilsons Idee. Die obligate Lizenzgebühr wäre für sie keine Hürde. Weniger gefiel ihnen, daß amerikanische Inspekteure Betriebskontrollen ausüben wollen, Die Russen pokerten denn auch hart. Sie können wählerisch sein, denn vor Wilson haben bereits Parlamentäre der großen US-Konkurrenzgesellschaften Intercontinental Hotels Corporation und Hilton International Company ähnliche Offerten abgegeben.

Die beiden Tycoons der internationalen Hotellerie sitzen allerdings auf hohem Roß. Sie wollen nur dann ihren Nobelherbergsstil in die Sowjet-Union exportieren, wenn die Führung russischer Hiltons und Intercontinentals fest in den Händen amerikanischer Manager läge.

Wilson hingegen machte als erster Amerikaner weitgehend Konzessionen. Wie weit er dabei ging, will er vorläufig nicht verraten, um sich von der Konkurrenz nicht in die Verhandlungskarten blicken zu lassen. Als er in der vergangenen Woche auf dem Rückflug nach Memphis in London zwischenlandete. wehrte er neugierige Fragen lächelnd ab: »No comment.«

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