Russische Alkohol-Misere "Wodka ohne Bier ist rausgeschmissenes Geld"
Moskau - Der Rechtspopulist Wladimir Schirinowskij findet drastische Worte, wenn er die Folgen des Trinkens auf seine Landsleute beschreibt. Bier sei ein "abscheuliches, ungesundes Getränk" und mache dick. "Schauen sie nur, wie hässlich die Tschechen und die Deutschen sind." Auch der Abgeordnete Michail Grischankow warnt: "Es ist ernst, wir könnten eine ganze Generation an das Bier verlieren."
Es ist noch nicht lange her, dass die Politiker des Landes ganz anders dachten - und den Bierkonsum mit aller Macht förderten. Im Gesetz "Über die staatliche Regulierung der Produktion und des Umsatzes von alkoholischen Erzeugnissen" stuften sie Bier als Softdrink ein. "Wir hatten gehofft, dass Bier den harten Alkohol, also den Wodka, verdrängt", sagt Wladimir Medinskij, Mitglied im Wirtschaftsausschuss der Duma, über den damaligen Plan. Die unvorhergesehenen Folgen: "Jetzt trinken die Menschen aber genauso viel Wodka und zusätzlich Bier. Da mussten wir handeln."
Keine Menschen, keine Tiere, keine Trickfiguren
Deshalb haben die Duma-Abgeordneten jetzt ein Gesetz verabschiedet, das die Werbung für Bier auf ein Minimum reduziert. Radio- und Fernsehsender dürfen zwischen 7 und 22 Uhr keine Werbespots für Bier und bierhaltige Getränke mehr senden. In den übrigen Stunden darf die Werbung zwar ausgestrahlt werden, doch dürfen darin weder Menschen noch Tiere oder Trickfiguren vorkommen. Andeutungen, dass Bier Durst löscht oder zu sozialen, sportlichen und persönlichen Erfolgen führt, sind ebenfalls tabu.
Die 180-Grad-Drehung der Duma hat gute Gründe: Die Wodka-Nation Russland ist beim Bierkonsum mittlerweile weltweit die Nummer fünf, der Pro-Kopf-Verbrauch ist von 14,6 Litern im Jahr 1996 auf 40 Liter angestiegen. In den Metropolen St. Petersburg und Moskau ist der Konsum sogar auf 75 Liter hochgeschnellt. Bier gilt heute als Einstiegsdroge für alkoholkranke Schüler.
22.000 jugendliche Alkoholiker
Der Siegeszug des Bieres ist leicht zu erklären: Ein russisches Bier kostet am Kiosk umgerechnet gerade mal 60 Cent. Beschränkungen für den Verkauf gibt es nicht. Solange die Kunden groß genug sind, dass sie über die Theke langen und dem Händler sein Geld in die Hand drücken können, fragt niemand nach ihrem Alter.
Weil das Bier so einfach zu haben ist, haben die Russen eine ganz eigene Trinkkultur um das Getränk herum entwickelt: 14 Prozent geben einer aktuellen Umfrage zufolge an, sie würden Bier am liebsten auf der Straße trinken. Besonders populär ist es außerdem, Wodka und Bier einfach zusammenzukippen. Daraus ist sogar ein russisches Sprichwort entstanden, das in etwa so viel bedeutet wie "Wodka ohne Bier ist rausgeschmissenes Geld".
Auch aufgrund des Bierbooms ist die Zahl der Alkoholiker mittlerweile auf 2,2 Millionen angestiegen - darunter 22.000 Jugendliche. Die Zahl der trinkenden Teenager hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht.
Die Trunksucht wird inzwischen sogar mitverantwortlich dafür gemacht, dass die Lebenserwartung der Männer nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf unter 60 Jahre gesunken ist: 1999 wurden Russen im Durchschnitt nur 59,6 Jahre alt, für 2004 wird die Lebenserwartung mit 61 Jahren angegeben.
Jeder dritte Spot wirbt für Bier
Trotzdem hat das Werbeverbot viele Gegner: Das Gesetz wird sich nämlich nicht nur auf die Absatzzahlen der Brauereien, sondern auch auf den russischen Werbe- und TV-Markt auswirken. Zehn Prozent aller Reklame-Einnahmen des russischen Fernsehens werden bislang von der Bierindustrie finanziert. Jeder dritte Spot im TV ist Bierreklame.
Gemeinsam mit den Brauereien macht auch die russische Sport-Lobby Front gegen das Gesetz: Unzählige Vereine und Clubs haben Brauereien als Sponsoren verpflichtet. Russlands größte Brauerei, die Baltic Beverages Holding, hat etwa Verträge mit den Fußball- und Eishockey-Nationalmannschaften, außerdem mit den nationalen Judo- und Box-Teams. Das Logo des Unternehmens darf bei den Auftritten der Teams jedoch von jetzt an nicht mehr gezeigt werden.
Sponsoren aus der Bierbranche
Die Vereine schockierten die Fernsehzuschauer unlängst mit der Prognose, dass es in Zukunft kaum noch Live-Übertragungen mehr geben werde. Solange die Verträge mit den Brauereien noch liefen, könne eben kein Wettkampf mehr vor 22 Uhr gezeigt werden - überall seien schließlich die Markenzeichen der Brauereien zu sehen. Auch Begegnungen mit ausländischen Sportlern würden nicht mehr zustande kommen. Die hätten ebenfalls Sponsoren aus der Bierbranche und seien deshalb nicht mehr "salonfähig".
Russische Experten erwarten jedoch, dass sich bald neue potente Gönner für die russischen Sportvereine finden werden. Auch die Bierindustrie werde keine allzu kräftigen Umsatzeinbußen hinnehmen müssen: Trotz eines über 70 Jahre währenden Werbeverbots für die Zigarettenindustrie seien die Russen schließlich Pro-Kopf-Weltmeister beim Rauchen. Das gleiche lasse sich auch locker für das Bier-Trinken erreichen.