Russische Immobilienblase Wohnpreis-Irrsinn an der Moskwa

Russland hat sich mit Inbrunst dem Kapitalismus hingegeben, und am deutlichsten merkt man das bei den Wohnungspreisen. Pro Quadratmeter müssen Käufer in Moskau schon 4000 Dollar zahlen – viele Experten erwarten einen weiteren Anstieg. Einfache Bürger halten da längst nicht mehr mit.
Von André Ballin

Moskau - Immobilienbesitz gilt in Russland immer noch als die beste Geldanlage. Wer das nötige Kapital hat, kauft sich eine Wohnung in der Megapolis Moskau. Das war schon immer teuer, auch im Vergleich mit westlichen Großstädten. In den vergangenen Monaten aber haben die Kaufpreise mit einem Tempo zugelegt, das staunen lässt.

Anfang Februar musste man für einen Quadratmeter Eigentumswohnung in der Hauptstadt noch durchschnittlich 2415 Dollar zahlen (etwa 1900 Euro). Mitte September sind es nun erstaunliche 3920 Dollar (etwa 3100 Euro) - ein Vielfaches der Preise in deutschen Großstädten.

Schuld an dieser Entwicklung ist das äußerst knappe Angebot von Wohnraum. Hunderttausende Zuwanderer aus anderen Regionen Russlands und der GUS zieht es Jahr für Jahr in die prosperierende Hauptstadt. Sie alle brauchen ein Zuhause.

In den vergangenen sechs Monaten lag das Angebot an Neubauwohnungen nach Schätzungen der Immobilienfirma MIAN aber gerade einmal bei 20.000. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Rückgang um 25 bis 40 Prozent. Neue Bestimmungen haben den Erwerb von Grundstücken für Baufirmen noch einmal deutlich erschwert. Um die wenigen zur Verfügung stehenden Grundstücke balgt sich immer eine Vielzahl von Bewerbern.

Auch die Wohnungsbesitzer reagieren auf die neue Situation: Sie verschärfen den Preis-Trend. Weil alle erwarten, dass die Kaufsummen pro Quadratmeter noch steigen, ist kaum jemand bereit zu verkaufen. Die Käufer hingegen versuchen hektisch, schnell einen Zuschlag zu bekommen - aus Angst davor, dass sie durch Abwarten noch mehr zahlen müssen.

Mondpreise auch in der Provinz

"Ein Preisverfall im kommenden Halbjahr ist unwahrscheinlich", sagt Jelena Komowa, Verwaltungsdirektorin der Marketinggesellschaft "Hausbau", im Interview mit der Zeitung "Iswestija". Komowa erwartet, dass der Durchschnittspreis für den Quadratmeter schon im Herbst die 4000-Dollar-Marke überschreitet. "Am Jahresende kostet er zwischen 4400 und 4600 Dollar." Andere Befragte gaben ähnliche Prognosen ab.

Im Schatten der russischen Hauptstadt haben auch die Preise in der Provinz mächtig zugelegt. Im mondänen Schwarzmeerkurort Sotschi kostet der Quadratmeter inzwischen im Schnitt 1200 Dollar. In Sankt Petersburg stiegen die Preise um 60 bis 80 Prozent auf durchschnittlich 1800 bis 1900 Dollar.

Immerhin: In den vergangenen Wochen hat sich die Situation in Moskau ein bisschen entspannt. Die Preise steigen zwar noch - aber im Vergleich zum ersten Halbjahr wirken die Raten von monatlich vier Prozent fast moderat.

In der Immobilienbranche warnen manche, dass es eine Preisblase gibt, die platzen könnte. "Die Tendenz ist auch auf lange Sicht eher fallend, wenn keine weitere Stimulation erfolgt", sagt Juristin Irina, die seit 15 Jahren in der Branche arbeitet. "Den Menschen fehlt einfach das Geld, um die hohen Preise zu bezahlen."

Die Fachfrau glaubt, dass ihre Kollegen in der Immobilienbranche mit den Preisprognosen übertreiben: "Sie alle sind daran interessiert, Immobilien möglichst teuer zu verkaufen. Daher warnen sie vor weiteren Preissteigerungen, um die Nachfrage anzuheizen." Vor allem die Unsicherheit, die mit den bevorstehenden Duma- und Präsidentschaftswahlen 2007 und 2008 einhergeht, könne sich negativ auf den Immobilienmarkt auswirken, sagt sie.

Zu viel Geld, zu wenige Wohnungen

So oder so - die Preise sind jetzt auf einem Niveau, das einfachen Bürgern den Kauf einer Wohnung nicht mehr erlaubt. Vize-Premier Dmitrij Medwedjew ist alarmiert: "Seit Anfang des Jahres wachsen die Preise für Wohnraum in den großen Städten. Die reale Möglichkeit, Wohnraum zu erwerben, sinkt daher für einen bedeutenden Teil von Familien."

Medwedjew muss sich gegen Vorwürfe wehren, zu der Entwicklung selbst mit beigetragen zu haben. Der Vize-Premier hat sich aktiv dafür eingesetzt, den Markt für Hypothekenkredite in Russland in Gang zu bringen. Das hat zwar dazu geführt, dass die Vergabe von Hypotheken boomt und kurzzeitig mehr Liquidität auf den Markt kommt. Aber eben dadurch wuchs auch die Nachfrage nach Wohnungen - während zugleich zu wenig unternommen wurde, um den Neubau zu stärken.

Die Zugänglichkeit von Wohnraum ist eine der "Nationalen Aufgaben", die Präsident Wladmir Putin seiner Regierung gestellt hat. Wenn Medwedjew 2008 tatsächlich die Nachfolge des Präsidenten antreten will, muss er sich etwas einfallen lassen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.