Russische Kontraste Von BMW-Fahrern und Pfanddosen-Sammlern

In wenigen Ländern gibt es so viele Milliardäre wie in Russland. Beim Pro-Kopf-Einkommen schafft es das Land im weltweiten Vergleich aber gerade mal auf Platz 97 - und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Beobachtungen aus einem gespaltenen Staat.
Von Lothar Deeg

St. Petersburg - Wer Russland heute nur nach Eindrücken von den Hauptstraßen Moskaus oder Petersburgs beurteilt, der glaubt sich in einer Tiefkühlversion von Las Vegas oder Marbella: Nobelboutiquen und feine Sushi-Bars reihen sich aneinander, mit Edel-Kosmetik geschminkte Blondinen im Pelz stöckeln vorbei, und den Straßenrand säumen dunkle Limousinen und schwere Geländewagen. Wer hier nicht auffallen möchte, sollte einen schwarzen BMW X5 fahren.

Trotz des unverkrampft ausgestellten Reichtums denkt heute kaum noch jemand an die in den neunziger Jahren populären Klischees von der "Russen-Mafia" und den "Neuen Russen", die beim Ausverkauf der sowjetischen Erbmasse zu fragwürdig-schnellem Reichtum kamen.

Heute wird in Russland weitgehend legal Geld gemacht - und dies im großen Stil: In Sachen Öl und Gas ist das Land schon Exportweltmeister, auch durch den Verkauf von Stahl, Aluminium oder Holz kommt jede Menge Valuta ins Land. Im Inland rollt der Rubel dank des boomenden Einzelhandels und des Geschäfts mit Immobilien, Autos, Computertechnik oder Werbung.

Auf der Spitze des goldenen Eisbergs thront - als Nachfolger des inhaftierten und weitgehend enteigneten Michail Chodorkowski - nun Roman Abramowitsch: Für den Verkauf seines Ölimperiums Sibneft an die halbstaatliche Gasprom kassierte der Putin-treue Oligarch im letzten Jahr elf Milliarden Euro. Nun kann der Superreiche sich ganz seinem teuren Hobby, dem Londoner Fußballclub Chelsea, und seinem Ehrenamt als Gouverneur der russischen Polar-Provinz Tschukotka widmen.

Jenseits der Glitzermeilen: Das Reich der Kommunalkas

Um das andere Russland zu erleben, muss man sich in St. Petersburg nur ein, zwei Straßenblocks von den Glitzermeilen entfernen: Hier beginnt das Land der feuchten Keller und unbeleuchteten Hinterhöfe, wo die "Kommunalka" - die Zwangs-WG mehrerer Familien in einer Wohnung - noch immer dominiert. Pfandflaschen oder Alu-Dosen bleiben hier nicht lange im Müllcontainer liegen - auch wenn man für eine Dose nicht einmal einen Euro-Cent Recycling-Gebühr bekommt.

Immerhin, die Armut in Russland ist auf dem Rückzug: Nach der amtlichen Statistik lebten Ende 2005 noch 22,6 Millionen Menschen, das sind 16 Prozent der Bevölkerung, von weniger Geld als dem offiziell errechneten Existenzminimum. Zwei Jahre zuvor waren es 29 Millionen und im Jahr 2000 sogar 42 Millionen. Allerdings ist diese Einkommensgrenze so tief angesetzt, dass deutsche Hartz-IV-Tarife wie Geschichten aus dem Schlaraffenland klingen: Von 2815 Rubel pro Kopf und Monat (etwa 84 Euro) kann man nicht verhungern, aber auch nicht wirklich leben.

Putins Staat rechnet die soziale Lage schön - unter anderem, um nicht mit höheren Sozialleistungen und Gehältern die Inflation anzuheizen. Das Geld wäre eigentlich da, denn der hohe Ölpreis spült Milliarden in die Staatskasse. Sie werden aber nur sehr vorsichtig ausgegeben, zum Beispiel zum Tilgen von Auslandsschulden.

Schlechter als zu Sowjet-Zeiten

Fragen Soziologen die Menschen direkt, ob sie sich für arm und bedürftig halten, so antworten gegenwärtig 41 Prozent mit "ja". Dabei sind die Russen bescheidene Leute: Schon ab einem Einkommen von 9000 Rubel (circa 265 Euro - zugleich etwa das gegenwärtige Niveau des Durchschnittslohns) scheint eine gewisse Zufriedenheit einzukehren, stellten die Demoskopen fest. Dann nimmt in den Umfragen der Ruf nach staatlicher Unterstützung deutlich ab und die Aussage "Jeder ist für sein Wohlergehen selbst verantwortlich" tritt in den Vordergrund.

Ungeachtet des ganzen neuen Reichtums - anderthalb Jahrzehnte nach dem Einzug von Marktwirtschaft und Kapitalismus lebt Russland insgesamt gesehen materiell noch immer schlechter als zu Sowjetzeiten: Das Bruttosozialprodukt erreichte Ende 2004 nur 90 Prozent des Wertes von 1991.

Doch war damals in der offiziell klassenlosen Gesellschaft der Einkommens-Unterschied zwischen dem ärmsten und dem reichsten Zehntel der Bevölkerung mit dem Faktor 4,4 vergleichsweise gering. Heute klafft die Schere um den Faktor 15 auseinander - und das Gefälle wächst: Während die ganz oben glauben, ihr Status erfordere es, von BMW auf Bentley umzusteigen, freut man sich ganz unten schon, wenn das Geld einmal für neue Schuhe reicht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.