Russische Wirtschaft Expansion jenseits der Schlagzeilen

Die Drohungen russischer Energiemultis gegenüber Westeuropa sorgen für Schlagzeilen – und prägen hierzulande das Bild der russischen Wirtschaft. Doch abseits fragwürdiger politischer Verwicklungen streben westliche Unternehmen in Scharen nach Russland.

Von Lutz Knappmann


Hamburg - Die Öffentlichkeit war verblüfft, als sich der heftig umworbene Stahlkonzern Arcelor Chart zeigen den Avancen seines Konkurrenten Mittal Steel  Chart zeigen zu entziehen versuchte, indem er kurzerhand einen neuen Bräutigam aus dem Hut zauberte: Den russischen Stahlriesen Severstal. Außer Branchenkennern hatte Severstal bislang kaum jemand wahrgenommen. Dabei hat der Konzern immerhin fast 55.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als 6,5 Milliarden Dollar. Im spektakulären Fusionspoker in der Stahlindustrie hatten jedoch allenfalls Experten Severstal im Hinterkopf.

Russische Gaspipeline: Wirtschaftliche Verflechtungen auch  jenseits des Energiesektors
DPA

Russische Gaspipeline: Wirtschaftliche Verflechtungen auch  jenseits des Energiesektors

Öffentliche Aufmerksamkeit ist russischen Unternehmen in Westeuropa bislang vor allem dann sicher, wenn sie sich in das Bild der unberechenbaren Kantonisten fügen. Die unverhohlenen Drohungen des mächtigsten russischen Energiekonzerns Gasprom Chart zeigen, seinen Einfluss auf Europas Energieversorgung als Druckmittel einzusetzen, lösten erst jüngst wieder einen Aufschrei in der Presselandschaft aus. Denn die undurchsichtigen Verstrickungen des Gasprom-Konzerns mit dem politischen Moskau führen den westlichen Beobachtern vor Augen, dass jenseits des Ural Wirtschaftspolitik allzu häufig nationalen und strategischen Interessen zu folgen hat.

VW, Deutsche Bank, Metro: Westkonzerne in Russland

Doch neben solchen Schlagzeilen geht leicht unter, dass zahllose westeuropäische Unternehmen längst mit umfangreichen Expansions- und Akquisitionsplänen nach Russland streben: Längst haben etwa deutsche Dax-Konzerne das wirtschaftliche Potenzial des Riesenreichs für sich entdeckt.

Dax Schau für KW 23 2006
manager-magazin.de

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So kündigte der Autokonzern Volkswagen Chart zeigen zuletzt den Bau eines Werks in Russland an. Auch Konkurrent DaimlerChrysler Chart zeigen trägt sich seit langem mit Plänen, in dem riesigen Staat Autos zu fertigen. Der Handelsriese Metro Chart zeigen expandiert ostwärts und eröffnet reihenweise Filialen seiner Supermarktketten. Im vergangenen Dezember stockte die Deutsche Bank Chart zeigen ihren Anteil an der russischen Investmentbank UFG auf 100 Prozent auf, und bezeichnete den Deal als "strategisches Investment". Die Allianz-Tochter Dresdner Bank zahlte derweil rund 680 Millionen Euro für rund ein Drittel der Gasprom-Bank – und vollzog damit die bis dahin größte ausländische Direktinvestition im russischen Bankensektor.

Problemfeld Energiesektor

Die Liste ließe sich fortsetzen. Immerhin ist Europa Russlands wichtigster Handelspartner: Allein auf Deutschland entfallen 13 Prozent der russischen Importe und acht Prozent der russischen Exporte. Expansionspläne gen Osten liegen da nahe – und gelten doch gemeinhin als riskant und nicht selten als politisch problematisch.

Wirtschaftsexperten wollen dieses düstere Bild nicht uneingeschränkt teilen. Das Kopfschütteln vieler Branchenkenner über den Überraschungscoup des Strahlkonzerns Arcelor Chart zeigen beispielsweise habe wenig mit der Herkunft des "weißen Ritters" Severstal zu tun. "Am Arcelor-Deal ist vor allem die Frage problematisch, wie man die Transaktion durchführen will und wie die Anteile bewertet werden", sagt Oliver Stönner, Leiter des Emerging Markets Research bei der Commerzbank Chart zeigen, gegenüber manager-magazin.de. "Die Kritik wäre auch aufgekommen, wenn es sich um ein Unternehmen aus Thailand handeln würde."

Als schwierig erweisen sich in Russland allerdings immer wieder Engagements in den so genannten "sensitiven Sektoren", also vor allem im Öl- und Gasgeschäft. Der Staat schaut genau hin, wer sich in diesen Wirtschaftszweigen einmischen will. Das Schicksal des inzwischen im Gefängnis sitzenden Jukos-Gründers Chart zeigen Michail Chodorkowski, der in einem höchst umstrittenen Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Betrug zu einer jahrelangen Haftstrafe verurteilt wurde, schreckt außerdem viele westliche Investoren ab. "Konzerne wie BP oder Shell Chart zeigen haben aber bewiesen, dass der Einstieg in Russland, zumindest in gewissem Rahmen, durchaus erfolgreich ablaufen kann", so Stönner.

Doch in anderen Sektoren, beispielsweise der Bauindustrie oder der Konsumgüterbranche stoßen westliche Investoren auf niedrige Hürden. Allein in Deutschland gibt es hunderte Mittelständler, die sich erfolgreich in Russland engagieren. Öffentliche Aufmerksamkeit erregt das freilich selten.

Stabiles Investitionsklima schaffen

Auch in die umgekehrte Richtung wachsen die Begehrlichkeiten. Unter den 100 wichtigsten "Angreifern", jenen expandierenden Konzernen in Schwellenländern, die sich anschicken die etablierten Global Player das Fürchten zu lehren, finden sich immerhin sieben russische Schwergewichte – allesamt Umsatzmilliardäre. Und deren Expansionsstreben richtet sich zunehmend nach Westen.

Noch ist die Liste größerer russischer Firmenübernahmen im Westen allerdings überschaubar: Severstal kaufte vor der geplanten Fusion mit Arcelor den maroden US-Stahlkocher Rouge Steel sowie die italienische Lucchini-Gruppe. Der Ölkonzern Lukoil übernahm ein Tankstellennetz in den USA.

Im Telekombereich stieg die russische Alfa-Gruppe Ende 2005 für 2,5 Milliarden Euro beim türkischen Mobilfunker Turkcell ein. Der weltgrößte Förderer von Palladium und Nickel, die russische Norilsk Nickel, schluckte 2003 den US-Bergbaukonzern Stillwater Mining.

Anders als hier zu Lande leisten sich grenzüberschreitende Ambitionen in Russland vor allem die Großkonzerne. Der Mittelstand ist dort noch nicht besonders breit gefächert.

"Die russische Wirtschaft ist noch immer stark öl- und gas-lastig. Das ist ein entwicklungspolitisches Problem", sagt Stönner. "Entscheidend auch für Europa ist, dass Russland einen erfolgreichen und breit aufgestellten Mittelstand entwickelt", so der Volkswirt. Nur so kann dort auf Dauer ein stabiles Investitionsklima entstehen, dass beiden Seiten die Erschließung neuer Märkte erleichtert. Gesetze allein helfen dabei nicht: "Das Interesse an wirtschaftlicher Zusammenarbeit ist ja beiderseits da", sagt Stönner. "Man muss vor allem in der täglichen Arbeit eine vertrauensvolle Grundlage schaffen."



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