Bürgschaft Bundesregierung prüft Förderung für russisches Gasprojekt

Der Fall Nawalny ist noch ungeklärt, trotzdem erwägt die Bundesregierung nach SPIEGEL-Informationen, mit einer Bürgschaft ein gigantisches Flüssiggasprojekt in Russland zu fördern. Ein Dax-Konzern soll Technologie liefern.
Im Bau: Arctic LNG 2 soll Russlands Flüssiggasproduktion um mehr als 50 Prozent steigern

Im Bau: Arctic LNG 2 soll Russlands Flüssiggasproduktion um mehr als 50 Prozent steigern

Foto: Novatek

Trotz des Konfliktes um die Vergiftung des Kremlkritikers Alexej Nawalny erwägt die Bundesregierung, ein neues Energieprojekt in Russland zu fördern. Nach Informationen des SPIEGEL soll die deutsche Exportkreditagentur Euler Hermes womöglich die Finanzierung des riesigen Flüssigas-Vorhabens Arctic LNG 2 in Sibirien mitabsichern. Das geht aus einem Dokument der französischen Exportkreditagentur Bpifrance hervor. Demnach ist der Dax-Konzern Linde als Technologielieferant an diesem 21 Milliarden Dollar teuren Vorhaben beteiligt.

Euler Hermes, eine Tochter der Allianz, sichert im Auftrag der Bundesregierung Exporte deutscher Firmen oder Bankkredite über Bürgschaften ab. Ziel der Politik ist es, so die heimische Exportwirtschaft zu unterstützen.

Dem Dokument zufolge soll Euler Hermes 300 Millionen Dollar der Kosten von Arctic LNG 2 absichern. Hier wollen der russische Energiekonzern Nowatek, der französische Ölmulti Total sowie chinesische und japanische Unternehmen auf der nordsibirischen Gydan-Halbinsel Erdgas verflüssigen und verschiffen. Linde taucht mehrmals in dem Dokument auf. Das deutsche Unternehmen soll Medienberichten zufolge Verflüssigungstechnologie liefern. Linde selbst lehnte jeden Kommentar zu Arctic LNG 2 ab.

"Dem Bundeswirtschaftsministerium ist das Arctic-2-Projekt bekannt", erklärte eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage des SPIEGEL. "Nach deutschem Recht sind jedoch alle Aspekte möglicher etwaiger Antragsverfahren vertraulich zu behandeln." Aus Regierungskreisen heißt es, die Entscheidung über die Förderung stehe noch aus.

Eine Bundesbürgschaft für Arctic LNG 2 könnte für neue Kontroversen rund um die deutsch-russische Energiepolitik sorgen - mitten im Konflikt um den Fall Nawalny und die Ostseepipeline Nord Stream 2. Vor rund vier Wochen wurde der russische Oppositionelle vergiftet und schließlich in die Berliner Charité-Klinik eingeliefert. Seither streitet das politische Berlin quer über die Parteigrenzen hinweg darüber, ob der Bau von Nord Stream 2 gestoppt werden soll. Zuletzt deutete vieles darauf hin, dass die Bundesregierung die Fertigstellung der umstrittenen Leitung sogar forcieren will.

Größtes Flüssiggas-Projekt der russischen Geschichte

Warum die Regierung in Berlin dazu auch das sibirische Flüssiggas-Projekt fördern will, ist noch unklar. Menschenrechts- und Umweltschützer prangern die Unterstützung von Arctic LNG 2 an. "Der deutsche Staat darf nicht weiter business as usual im Gasbereich machen - und mithelfen, dass neue Projekte realisiert werden, die unsere Abhängigkeit von russischem Gas sogar noch erhöhen", sagt Regine Richter von der Nichtregierungsorganisation Urgewald. Erdgas schädige das Klima; der Staat müsse die Förderung fossiler Energieprojekte überdenken. Euler Hermes äußerte sich auf Anfrage nicht.

Arctic LNG-2 ist das bislang größte Flüssiggasprojekt der russischen Geschichte. Sein Bau hat bereits begonnen; laut Plan soll der Betrieb im Jahr 2023 starten. Nach Fertigstellung ist ein Ausstoß von fast 20 Millionen Tonnen Flüssiggas per annum geplant. Damit würde Russlands LNG-Produktionskapazität um mehr als die Hälfte steigen. Eisbrecher sollen den Hunderte Meter langen LNG-Schiffen im Winter den Weg durch die arktischen Gewässer freimachen. 80 Prozent des verflüssigten Erdgases sollen nach Asien gehen, 20 Prozent nach Europa.

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