Designer Artemij Lebedew "Putin hat keinen Geschmack für das Neue"

Artemij Lebedew ist Russlands bekanntester Designer - und wegen seiner kontroversen Äußerungen hochumstritten. Im Interview spricht er über Präsident Putin, den Geschäftssinn der Russen und das Leben in Moskau.

Yuri Kozyrev/ Noor / DER SPIEGEL

Ein Interview von , Moskau


Zur Person
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    Artemij Lebedew, 41, gilt als Russlands berühmtester Designer. Er entwarf Ampeln für die Stadt Istanbul und den Innenausbau neuer Metro-Stationen in Moskau. Technikfans kennen ihn als den Erfinder der Optimus-Tastatur mit Displays in den Tasten. Lebedews Agentur wurde vor 20 Jahren mit Webdesign für russische Großkunden wie Banken und Verlagshäuser bekannt, später kamen Produktdesign und die Gestaltung urbaner Räume dazu. Lebedew ist ein kontroverser Blogger, der wegen seiner Ausfälle gegen die orthodoxe Kirche und seiner brachialen Sprache berüchtigt ist.

SPIEGEL ONLINE: Artemij Andrejewitsch, wie würden Sie einem Deutschen Moskau beschreiben?

Lebedew: Die beste Stadt der Welt. Diesen Satz kann man lächerlich finden, weil es ältere, hübschere oder vielfältigere Städte gibt. Aber Moskau ist die Stadt der Möglichkeiten, die es nirgendwo sonst gibt. Du kannst hier mit 25 ankommen, oder mit 50, und mit deiner Arbeit irren Erfolg haben. Versuchen Sie da’s mal in New York. In Moskau können Sie, was weiß ich, mit Intimfrisuren für Hunde reich werden.

SPIEGEL ONLINE: Nun sind Sie nicht gerade für Hunde-Intimfrisuren bekannt. Wie haben Sie es zum weltweit bekanntesten russischen Designer gebracht?

Lebedew: Wahrscheinlich weil ich irgendein Unternehmer-Gen habe. Die meisten Russen haben keinerlei Geschäftssinn. Dabei hatte ein Artemij aus Moskau in den frühen Neunzigern die gleichen Chancen wie ein Hans aus München oder ein John aus Baltimore, das Internet war überall etwas Neues. In Baltimore bin ich übrigens ein Jahr zur Schule gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie als Kind nach Amerika?

Lebedew: Kurz bevor die Sowjetunion zerfiel, erhielten meine Eltern in Baltimore Jahresverträge als Slawistikprofessoren. Damals wollten alle nach Amerika. Aber ich fand es dort unmöglich. Amerika ist weniger frei als Russland in meiner Kindheit war und heute ist.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie im Ernst, dass der Sowjet-Kommunismus freier war als Amerika?

Lebedew: Klar, niemand durfte die Sowjetunion ohne Sondergenehmigung verlassen, aber in der amerikanischen Schule durfte ich nicht ohne Erlaubnis und Passierschein aufs Klo. Wenn du auf dem Flur ohne dieses Papierchen erwischt wurdest, gab's richtig Strafe. Jeden Morgen gab es Fahneneid und Nationalhymne, so etwas hat’ es bei uns nicht mal unter Stalin gegeben!

SPIEGEL ONLINE: Russland wird autoritär geführt, Wahlen sind manipuliert. Wollen Sie keine Demokratie?

Lebedew: Ich war noch nie wählen, Politiker waren mir schon immer egal. Selbst als es hier völlige Freiheit gab, wurde mir als Wähler nichts geboten. Weder der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny noch all diese Demokraten der Neunzigerjahre zusammengenommen wie Grigori Jawlinskij, haben jemals irgendetwas bewirkt. Alles Dummschwätzer. Und Putin kann sich von mir aus morgen zum Zaren krönen lassen, Wladimir der Erste. Wenn ich einen Zar habe, der mich in Ruhe lässt und etwas für das Land tut, wunderbar.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, dass Russland unter Putin den falschen Weg nimmt?

Lebedew: Mir ist es völlig egal, wer im Kreml sitzt. In fünfundzwanzig Jahren hatte ich als Unternehmer nicht ein einziges mal das Gefühl, dass der Staat mich unter Druck setzt. Nur mit dem Finanzamt darf man nicht spaßen, aber das ist überall auf der Welt so.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie mit Putin wunschlos glücklich?

Lebedew: Putin hat keinen Geschmack für das Neue. Er liebt das Alte, die Sowjetunion ist sein Ideal. Er hat als Kind Ferien auf der Krim gemacht, deswegen wollte er die Halbinsel zurück. Aber wer braucht schon die Krim? Wir haben eine bessere Halbinsel, Kamtschatka am Pazifik. Dort ist es tausendmal cooler als in der Schweiz - phantastische Landschaften, Geysire, Fjörde. Und keine Infrastruktur. Dorthin sollte das Geld fließen.

SPIEGEL ONLINE: Kamtschatka, das ist tiefste Provinz. Ihnen aber wird vorgeworfen, Aufträge der Stadt auch wegen guter Beziehungen in die Stadtregierung zu bekommen.

Lebedew: Ich hänge nicht auf Empfängen rum, ich bin soziophob. Lieber treffe ich ein paar enge Freunde. Und Bürgermeister Sobjanin, ein guter Mann übrigens, steht bei meiner Arbeit in meiner Heimatstadt ungefähr auf Platz 5025. Ich denke einfach ständig darüber nach, wie Moskau besser werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich denn die Hauptstadt in den letzten Jahren verändert?

Lebedew: Leider sind wir noch immer sehr weit entfernt von guter Architektur oder von gründlicher Quartierplanung. Die Menschen hier haben erst vor ein paar Jahren gelernt, dass man öffentlichen Raum sinnvoll gestalten kann. Die Komfortzone der Russen ist immer noch die eigene Wohnung und das eigene Auto. Was draußen passiert, ist ihnen egal. Sie laden ihren Müll auf die Straße ab, wie in Indien.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Lebedew: In den Nullerjahren steckte das Land noch in der Pubertät, jetzt wird es allmählich erwachsen. Noch verstehen nicht alle, was es bedeutet, erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Aber die Menschen hier tun es immer öfter. Ich bin mir sicher, in zehn Jahren sind Moskau, Sankt Petersburg und das europäische Russland sehr erwachsen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein großer Optimist.

Lebedew: Das ist das Tolle an Russland: so viele Veränderungen in nur einer Generationsspanne. Als ich klein war, gab es zu Hause kein Telefon. Wir mussten vor der Telefonzelle Schlange stehen. Die Leute klopften ungeduldig mit Münzen an die Kabinentür. Telefonierte man länger als zwei Minuten, gab es Streit. Heute hat Russland pro Kopf mehr Handyverträge als Deutschland, das mobile Internet ist billig, man kann überall mit Kreditkarte zahlen. Es gibt eine Menge Länder, da tut sich gar nichts. Ich kann vergleichen: Ich habe mehr als 200 Länder bereist.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie russischen Oppositionellen sagen, die gegen Putin protestieren?

Lebedew: Ich habe ein sowjetisches Lieblingsplakat aus dem Zweiten Weltkrieg, es zeigt eine Arbeiterin in einer Fabrik. Der Spruch lautet: “Räche sie an der Arbeitsmaschine.” Man muss nicht gleich an die Front, um sich nützlich zu machen. Wenn dich in Russland etwas stört, tue etwas dagegen - aus eigener Kraft.



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