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26. Juli 2017, 13:24 Uhr

Werbung für Fenster in Russland

Martin Schulz, alter Schwede

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Ja, das ist doch Martin Schulz! Eine russische Firma wirbt mit einem Bild des SPD-Kanzlerkandidaten für Holzfenster. Die Moskauer Handwerkerfirma besteht darauf, es handle sich um den schwedischen Experten Tim Erikson.

Es gibt Augenblicke, da muss ein Politiker Gesicht zeigen. Ein solcher Moment, so entnehmen wir der Zeitung "Abendliches Moskau", ist offenbar im Leben des SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz eingetreten. In der Rubrik Kleinanzeigen sieht man sein Foto in einer Reklame für die Renovierung von Holzfenstern: "Holzfenster durch Plastikfenster ersetzen, davon rate ich ab", sagt Martin Schulz darauf lächelnd.

Holzfenster gelten in Russland als schadhaftes Relikt der Sowjetzeit, das man schnellstmöglich entsorgt. "Jewro-Remont", zu Deutsch "Euro-Renovierung", heißt traditionell jene Kapitalsanierung, die von alten Holzfenstern wenig übriglässt. "Euro" steht in Russland nämlich für westliche Qualitätsstandards.

Insofern ist es löblich, wenn ausgerechnet der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments nun die Dinge zurechtrückt und der Firma GmbH Renesant sein Gesicht leiht, um das Holzfenster als solches zu retten. Seltsam nur, dass gar nicht sein Name darunter steht, sondern "Tim Erikson, Experte". Ein skandinavischer Name also, ganz passend zum Werbespruch der "Schwedischen Modernisierung", der über der Anzeige steht.

Ein Anruf bei der Firma Renesant führt am anderen Ende zu peinlichen Ausflüchten. Doch, doch, Herrn Erikson gebe es wirklich, behauptet der Gesprächspartner steif und fest, "wir sind nämlich ein russisch-schwedisches Joint Venture." Ohne den Fensterschleifern von Renesant zu nahe treten zu wollen, vermuten wir, dass der Name Tim Erikson frei erfunden ist, und zwar in Anlehnung an einen in Russland populären schwedischen Eishockey-Spieler. Und dass die Firma das Foto von Martin Schulz (das Original wurde vom Europaparlament veröffentlicht) von irgendeiner Internetseite stibitzt hat, weil - ja, warum eigentlich?

Auch da können wir nur mutmaßen: Weil der Mann auf dem Bild offenbar Expertise ausstrahlt, dafür stehen Brille und Glatze. Weil er freundlich lächelt. Und weil er als Bartträger Männlichkeit und Vertrauen erweckt. Schulz selbst wollte sich auf Anfrage nicht zu der Werbung äußern.

Mit Angela Merkel könnte man in Russland jedenfalls nicht für Fensterrenovierung werben, dafür ist sie zu bekannt, zu unbeliebt und eine Frau. Mit Schulz dagegen klappt es. Wobei Erikson-Schulz, das hat man in Russland längst festgestellt, sich in seiner Russlandpolitik von seiner Konkurrentin kaum unterscheidet.

Wie erstaunt aber werden die Kunden der GmbH Renesant sein, sollte im Herbst ihr schwedischer Fensterexperte zum deutschen Bundeskanzler gewählt werden! Im September ist es in Moskau schon recht kühl. Zur Feier des Wahlsieges wäre ein Sonderangebot denkbar.

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